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Deradikalisierungs-Hotline - "Familiäres Umfeld ist der Schlüssel"

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Hunderte Anrufe nahm die Deradikalisierungs-Hotline des BAMF 2017 an. Und die Klienten werden immer jünger. Das familiäre Umfeld sei der "Schlüssel", so der Leiter der Hotline.

Archiv: Ein Salafist verdeckt sein Gesicht an 31.01.2015 in Frankfurt am Main
Archiv: Ein Salafist verdeckt sein Gesicht an 31.01.2015 in Frankfurt am Main Quelle: dpa

heute.de: Bei der Beratungsstelle des BAMF können sich Personen melden, die sich bei Menschen aus ihrem Umfeld um ein Abgleiten in den Islamismus sorgen. Wer sitzt denn in der Regel an der anderen Seite des Hörers?

Archiv: Florian Endres am 19.09.2014 in Nürnberg
Florian Endres ist der Leiter Beratungsstelle Radikalisierung bei Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Quelle: dpa

Florian Endres: Also das ist ein recht großes Spektrum, das wir hier an der Hotline verzeichnen. Es sind in den allermeisten Fällen aber Personen, die einen sehr engen Draht zu sich radikalisierenden oder schon radikalisierten Personen haben - sprich: enges familiäres Umfeld, Angehörige, insbesondere Mütter. Ein Großteil der Anrufe kommt aber auch aus dem sozialen Umfeld von jugendlichen Personen, also Schule, Jugendamt, die im professionellen Kontext mit jugendlichen Personen zu tun haben.

heute.de: Weil Sie gerade Mütter angesprochen haben - die haben ja sicherlich einen gewissen inneren Widerstand zu überwinden, bevor sie ihre eigenen Kinder bei Ihnen sozusagen anschwärzen. Da ist die Angst um das eigene Kind sicher hoch, oder?

Endres: Das ist in vielen Fällen so, dass die Eltern eine sehr große emotionale Belastung schildern. Besonders wenn sich die Jugendlichen in dem Bereich - wie in den allermeisten Fällen - des Salafismus bewegen. Dann ist es häufig so, dass die Eltern am Telefon den Alltag schildern und die Probleme, die damit einhergehen. Gerade wenn wir es mit Konvertiten zu tun haben, deren Eltern mit dem Islam generell wenig Berührungspunkte hatten.

Aber auch bei muslimischen Familien wird immer wieder geschildert, dass sie mit der neuen Lesart des Islam ihrer Kinder überfordert sind und teilweise wahnsinnig viele Konflikte entstehen zwischen Kind und Eltern oder dem familiären Umfeld. Eben weil die Jugendlichen teils sehr provokant auftreten, um zu missionieren, um ihre Lesart des Islam dann auch in das Familiengefüge einzubringen. Da gibt es permanent Reibereien. Hier suchen die Eltern Hilfe: Wie gehe ich im Alltag mit diesen Einstellungen um und was kann ich vor allem dagegen tun, dass sich der Jugendliche entsprechend wieder ändert?

Das ist ja auch einer der zentralen Ansätze, wenn man sich die Deradikalisierungsstrukturen deutschlandweit oder auch europaweit anschaut: An diese Personen über das familiäre Umfeld heranzukommen, ist der zentrale Schlüssel, um mit ihnen überhaupt arbeiten zu können.

Die Beratungsstelle gibt es seit 2012 und der Ansatz des gesamten Netzwerks an zivilgesellschaftlichen Beratungsstellen zielt vor allem auf die Arbeit mit Angehörigen und mit dem sozialen Umfeld.

heute.de: Wenn Sie also einen Kontakt zum Umfeld haben, dann ist die Chance beispielsweise einen Salafisten wieder auf die richtige Bahn zu bringen wesentlich höher?

Endres: Das ist definitiv so. Es ist so, dass die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Beratungsstellen eben da ansetzt. Zu schauen, dass man das soziale Umfeld solcher Personen wieder neu ordnet, neu aufstellt, Schlüsselpersonen identifiziert, die positiven Einfluss auf diese Leute ausüben. Und das ist natürlich in den allermeisten Fällen auch die Familie, die eine zentrale Rolle übernehmen kann.

heute.de: Und wie ist es im Fall von Erwachsenen? Gibt es auch Fälle, dass Menschen bei Ihnen anrufen und sagen: Mein Freund ist auf einmal total anders?

Endres: Das ist genauso der Fall - natürlich erreichen uns auch Anrufe aus Freundeskreis oder Arbeitswelt. Da schauen wir dann: Wer kann denn eigentlich der Beratungsnehmer sein? Teils ist das nicht der, der anruft. Die Beratungsstellen vor Ort schauen, wen gibt es da? Zum Beispiel ist das so im Kontext von Schulen. Ein Lehrer, der uns einen Hinweis gibt, ist dann vielleicht nicht die Schlüsselperson. Aber vielleicht gibt es Mitschüler oder die Familie, die man in so ein Deradikalisierungssetting mit einbeziehen kann, die dann letztlich die zentrale Rolle übernehmen.

heute.de: Verstehe ich Sie richtig, dass ihre Hotline also eine Zwischenschaltfunktion übernimmt, die dann die jeweiligen Personen an die Hilfsangebote vermittelt?

Endres: Genau. Das System funktioniert so, dass das BAMF mit der Beratungsstelle eine bundesweite Erstanlaufstelle ist für Leute, die sich in dem Bereich Sorgen machen. Wir verfügen dann über ein bundesweites Netzwerk an NGOs in Zusammenarbeit mit den Ländern. Wir kennen die passgenauen Beratungsstellen und arbeiten mit ihnen eng zusammen, die dann die Arbeit vor Ort machen. Das BAMF hat eine Zentralstellenfunktion für dieses gesamte Netzwerk. Zum einen auf der Ebene der Anrufe aber auch im Kontext von Erfahrungsaustausch, so dass das Themenfeld Deradikalisierung auch weiterentwickelt wird: zum Beispiel durch Fortbildungen für Beratungsstellen, wissenschaftliche Begleitung und so weiter.

heute.de: Das klingt jetzt relativ abstrakt. Können Sie an einem Beispiel erklären, wie so ein Telefonat abläuft?  

Endres: Wenn wir jetzt einen Anruf aus dem familiären Kontext haben, dann berichten die Anrufer erstmal sehr viel aus der familiären Konstellation. Einige Ratsuchende haben sich auch schon sehr gut vorbereitet auf diese Telefonate. Aufgrund der emotionalen Belastung ist es häufig so, dass sie erstmal einen Raum bekommen, diese ganzen Probleme, die sie zu Hause haben, erstmal schildern zu können. Unser Team aus Sozialpädagogen, Psychologen und Politikwissenschaftlern versucht dann anhand von zentralen Fragestellungen aufzuarbeiten - woran erkennen sie diese Radikalisierungstendenzen? Wie hat sich die Person verändert? Wie hat sich der Freundeskreis oder das Islamverständnis verändert? Wie tritt sie gegenüber anderen auf? Wie verhält sie sich gegenüber Andersgläubigen? Welche Internetgewohnheiten können sie feststellen? Welche Videos schaut er an? Welchen Predigern folgt er auf Facebook?

Da werden verschiedene Fragestellungen abgearbeitet, um herauszufinden wie weit geht das und gibt es einen Beratungsbedarf? Und was können wir da eben genau tun? Welche Beratungsstelle kann eingeschaltet werden? Danach wird dieses Gespräch dann entsprechend aufbereitet und an die Beratungsstelle weitergegeben. So dass der entsprechende Berater dann ein erstes Lagebild hat, dass er weiß um welche Konstellation handelt es sich da.

heute.de: Können Sie ungefähr abschätzen, in wie vielen Fällen ihre Arbeit fruchtet?

Endres: Wir machen gerade eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema, die wir zeitnah veröffentlichen werden. Wir können feststellen, dass die Arbeit mit den Beratungsstellen, mit den Eltern und den Angehörigen ein wesentlicher Ansatz ist, um an radikalisierte Personen heranzukommen. Und um ein kritisches Denken dann eben auch in einigen Fällen bzw. die Deradikalisierung zu ermöglichen.

Es ist also wirklich gelungen, Personen, die am Anfang einer möglichen Radikalisierung standen - sich vielleicht mit salafistischen Predigern beschäftigt haben - entsprechend mit dem Netzwerk so zu betreuen, dass sie sich einem nicht-salafistischen Islam zugewandt haben. Es ist dem Netzwerk aber auch gelungen Personen völlig aus einer salafistisch-dschihadistisch Szene herauszulösen, die beispielsweise IS-Mitglieder waren. Das sind natürlich Erfolgserlebnisse. Die genaue Wirkungsanalyse, wie weit greifen diese Deradikalisierungsprozesse, das ist Gegenstand vielfältiger wissenschaftlicher Analysen, die im Moment durchgeführt werden.

heute.de: Was ist, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen jemand völlig entgleitet, dass sich die Radikalisierung nicht stoppen lässt? Wie verhalten Sie sich dann?

Endres: Es ist so, dass wir mit Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten, in den Fällen, wo das geboten ist. Das gilt auch für die Beratungsstellen vor Ort. Wenn sicherheitsrelevante Dinge feststellt werden, dann ist es ja auch so, dass die Angehörigen mögliche Straftraten - zum Beispiel Anschluss an Terrororganisationen oder Ausreise in Dschihad-Gebiete - verhindern möchten. In solch brisanten Fällen ist es so, dass die Beratungsstellen zusammen mit sämtlichen Akteuren einschließlich der Sicherheitsbehörden versuchen zu intervenieren, um strafbares Handeln zu verhindern.

heute.de: Es ist also durchaus so, dass manche ihrer Klienten jetzt auf der Beobachtungsliste der Sicherheitsbehörden stehen?

Endres: Es gibt Konstellationen, die sicherheitsrelevant sind, bei denen mit den Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet wird.

heute.de: Gab es schon Fälle, bei denen einer ihrer Klienten abgeschoben werden musste?

Endres: In dem Kontext ist mir jetzt nichts bekannt. Es gibt aber Konstellationen, wo wir kontaktiert wurden als die Person ausgereist ist - Richtung Syrien, Irak beispielsweise und sich dort dschihadistischen Organisationen angeschlossen hat. Wir konnten dann, nachdem derjenige vor Ort war, nur noch relativ wenig machen - außer die Angehörigen zu betreuen und ihnen teilweise auch psychologische Hilfe anzubieten. Wenn dann beispielsweise Todesmeldungen oder Gerüchte darüber kommen, versucht man bei den Beratungsstellen die Angehörigen zu betreuen oder in professionelle psychologische Betreuung zu vermitteln.

heute.de: Das Innenministerium warnt ja gerade besonders vor Rückkehrern aus ehemaligen Gebieten des so genannten Islamischen Staates, insbesondere auch vor Müttern mit Kindern, die von dort kommen. Sehen Sie da mehr Arbeit auf sich zukommen?

Endres: Die Konstellation Rückkehrer ist natürlich etwas, dass das Themenfeld Deradikalisierung stark betrifft. Man muss natürlich jeden Einzelfall betrachten und analysieren, ob es überhaupt Ansätze für einen Ausstieg oder einen Deradikalisierungsprozess gibt. Gegebenenfalls kann man in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden an diese Personen herantreten. Das gilt vor allem auch für Mütter und Kinder.

heute.de: Das klingt ja so, als hätten Sie auch weiter viel zu tun. Fühlen Sie sich dafür personell und finanziell gut ausgestattet?

Endres: Ich glaube, wenn man sich dieses Themenfeld seit 2012 - seitdem es diese Hotline gibt - anschaut, hat sich da sehr viel getan. Wir haben damals mit ganz wenigen Beratungsstellen begonnen. 2012/2013 gab es bundesweit drei, vier Beratungsstellen. Mittlerweile gibt es elf Beratungsstellen mit denen wir kooperieren. Vor Ort arbeiten professionelle und engagierte Mitarbeiter und es gibt einen Personalzuwachs. Des Weiteren muss man erwähnen, dass die derzeit geschäftsführende Bundesregierung Anfang des Jahres einen nationalen Präventionsplan gegen Salafismus und islamistische Radikalisierung verabschiedet hat. Hier sind noch Gelder verankert, mit denen wir auf entsprechende Trends reagieren können: etwa die angesprochenen Themen Rückkehrer oder Kinder in salafistischen Milieus. Das sind sicher Themen, bei denen man auch 2018 mit Modellprojekten starten wird, um auf diese Herausforderungen zu reagieren.

Ich würde sagen, dass das ganze Thema inzwischen ein großes Bewusstsein bei den Entscheidungsträgern und der Sicherheitsarchitektur eingenommen hat. Auf der einen Seite hat man repressive Maßnahmen und eben auch Prävention und Deradikalisierung im Bereich Terrorismusbekämpfung. Ich würde mir wünschen, dass wir diesen Weg weitergehen.

Das Interview führte Tai Becker.

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