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Deradikalisierung in der Haft - Weggesperrte Islamisten und der Weg zurück - wie Behörden versuchen, während der Haft eine Deradikalisierung einzuleiten

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Viele verurteilte Islamisten sitzen in Deutschland hinter Gittern. Die Behörden versuchen, während der Haft eine Deradikalisierung einzuleiten. Das kann gelingen.

Islamisten in deutschen Gefängnissen. Die Behörden versuchen, während der Haft eine Deradikalisierung einzuleiten. Kann das gelingen?

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Es war im Dezember 2014, als das Frankfurter Oberlandesgericht Murat B. (Name v. d. Red. geändert) zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilte. Murat B. war damals 20 Jahre alt. Das Gericht sprach ihn wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung schuldig. Er hatte gestanden, sich im Sommer 2013 in Syrien der IS-Vorläuferorganisation Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (ISIS) angeschlossen und an Kämpfen in Syrien teilgenommen zu haben, bezeichnete sich selbst aber als Mitläufer.

Es war das erste Urteil eines deutschen Gerichts gegen ein deutsches IS-Mitglied. In seinem Plädoyer stellte Staatsanwalt Dieter Killmer fest: "Er ist körperlich aus Syrien zurück, mit seinen Wertvorstellungen ist er aber noch nicht in Deutschland angekommen."

Inzwischen lebt Murat B. als freier Mann "ein bürgerliches Leben", wie sein damaliger Verteidiger heute sagt. Der Weg dorthin war nicht leicht. Schon im Gefängnis begann die Arbeit des Violence Prevention Network (VPN). Die Organisation kümmert sich noch während des Strafvollzugs darum, IS-Rückkehrer wie Murat B. zu deradikalisieren. Gefördert wird das Projekt durch das Programm "Demokratie leben!" des Bundesinnenministeriums.

Gefahr einer Re-Radikalisierung besteht

"Wir hatten bisher noch keinen Rückfall.", sagt VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke. In solchen Fällen sei eine langfristige Betreuung unverzichtbar. Die Gefahr der Re-Radikalisierung bestehe immer, so Mücke. Denn die Rückkehrer hätten sich nicht nur gesellschaftlich komplett entfremdet, oft hätten sie auch familiäre und andere soziale Kontakte abgebrochen.

Die Resozialisierung erfordert viel Geduld. Immer wieder besuchen Fachleute die Rückkehrer im Gefängnis, um mit ihnen über das Erlebte zu reden: Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Imame und Islamwissenschaftler. Denn auch andere suchen das Gespräch mit den Inhaftierten: extremistische Salafisten, die von außen über Briefe und Besuchsangebote Kontakt suchen, oder inhaftierte Dschihadisten.

Experte: Mehr Forschung nötig

Derzeit könne niemand einschätzen, wie mit den posttraumatischen Störungen umzugehen sei, die Rückkehrer nach ihren massiven Gewalterfahrungen mitbrächten, mahnt der Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, Andreas Zick. "Wenn sie zurückkehren, werden sie dies nochmals als eine massive Krise erfahren. Sie kehren nicht in eine Heimat zurück, obwohl das ihre Hoffnung ist. Das sind Niveaus von Traumatisierung, die wir so gar nicht kennen."

Die Wissenschaft brauche mehr Mittel, um zu erforschen, wie sich Radikalisierung hinter Gittern verstärke und wirksam zu bekämpfen sei. Angesichts der zu erwartenden Rückkehrer aus dschihadistischen Kampfgebieten sei Deutschland nicht hinreichend vorbereitet, so Zick.

Zahl der Islamisten in deutschen Gefängnissen unklar

Nordrhein-Westfalen, das seit Jahren als Hochburg der über 11.000 Salafisten in Deutschland gilt, beschäftigt vier Islamwissenschaftler, die den 36 Haftanstalten des Landes mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie betreuen die IS-Rückkehrer noch in der Haft und nach der Entlassung im Alltag. Wie viele es derzeit in deutschen Gefängnissen sind, bleibt geheim. Es wird geschätzt, dass in den nächsten Monaten noch etwa 100 zurückkommen werden, dazu 270 Frauen und Kinder.

"Wenn der Gefangene kooperiert und sich öffnet, dann bekommt er natürlich die Möglichkeit, sich in der JVA weiterzuentwickeln", sagt Mustafa Doymus vom Zentrum für interkulturelle Kompetenz, das sich in NRW um die Rückkehrer kümmert.

Nach und nach versuchen die Experten, das geschlossene Weltbild der Inhaftierten zu öffnen. Manche sind bereit, Kurse für Sprach- und Wertevermittlung oder Demokratie zu belegen, und lassen sich in ein Aussteiger-Programm des Verfassungsschutzes für Islamisten vermitteln. "Dann gelingt es, Leute aus diesem Milieu komplett rauszuholen, sie distanzieren sich von der gewaltbereiten salafistischen Ideologie oder steigen komplett aus dem Salafismus aus", sagt Florian Endres von der Beratungsstelle Radikalisierung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Erfolg hängt von vielen Faktoren ab

Ob der Prozess am Ende Erfolg hat, hängt aber auch von der Persönlichkeit, vom Willen und vom Umfeld jedes Einzelnen ab. Murat B. begann nach seiner Entlassung eine Ausbildung. Nach eigenen Angaben hat er keine Kontakte mehr in die Islamisten-Szene, dafür umso mehr mit seinen Betreuern, die auch nach der Haft für ihn da sind.

"Ich möchte einfach nur friedlich und ruhig leben. Keinen Stress mehr haben", sagte er ihnen. Auch die Familie stand und steht immer noch zu ihm. Thomas Mücke gibt Murat für den Neuanfang eine gute Prognose, warnt aber auch: "Es ist nie vorhersehbar, welche Ereignisse nach einer Entlassung auftreten können."

Ralph Goldmann ist Reporter im ZDF-Studio Düsseldorf.

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