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Merkel-Besuch in Washington - "Verhältnis zu USA steckt in Trump-Rezession"

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"Der US-Präsident sieht in Deutschland den ultimativen Trittbrettfahrer", sagt Thomas Kleine-Brockhoff vom German Marshall Fund - ein Grund für die Flaute in den Beziehungen.

Angela Merkel und Donald Trump (Archiv)
Angela Merkel und Donald Trump beim G20-Gipfel in Hamburg. Quelle: dpa

heute.de: In dieser Woche steht Europa Schlange vor dem Weißen Haus. Gerade hat Donald Trump Frankreichs Präsidenten Macron empfangen. Jetzt kommt Bundeskanzlerin Merkel. Bei ihrem Besuch vor einem Jahr hat der Präsident ihr nicht einmal die Hand geschüttelt. Die persönliche Beziehung zwischen Trump und Macron scheint deutlich besser zu sein als die zwischen Merkel und Trump ...

Kleine-Brockhoff: Macron versucht der gute europäische Freund zu sein. Diesen Versuch hat Frau Merkel schon im ersten Glückwunsch-Telegramm nach der Wahl Donald Trumps nicht unternommen. Die Bundesregierung tut sich aus nachvollziehbaren Gründen schwer mit der neuen amerikanischen Politik. Das Misstrauen dieses Präsidenten gegenüber der Nachkriegsordnung, die die Amerikaner selber gebaut haben, gegenüber jeder Form von Multilateralismus, gegenüber internationalen Organisationen, kommt nicht gut an in Berlin.

heute.de: Welche Haupt-Konfliktpunkte stehen bei dem Besuch auf der Agenda?

Kleine-Brockhoff: Präsident Trump sieht in Deutschland den ultimativen Trittbrettfahrer. Er fordert, dass die Deutschen ihre Verteidigungsausgaben erhöhen und die geplante Ostsee Pipeline "Nord Stream 2" nach Russland stoppen. Bundeskanzlerin Merkel will dagegen erreichen, dass der Präsident seinen Widerstand gegen das Atomabkommen mit Iran aufgibt und die Europäer von Handelszöllen ausnimmt.

heute.de: Das klingt nach Konfrontationskurs. Gibt es irgendwo Kompromissbereitschaft?

Kleine-Brockhoff: Trump hat sich nicht erkennbar auf Europa zubewegt - da konnte bisher weder die anschmiegsame Macron-Methode noch die zurückhaltende Merkel-Methode etwas ausrichten. Aber Frau Merkel hat erkennen lassen, dass sie beispielsweise beim Thema Autozölle und in Sachen "Nord Stream" kompromissbereit ist. Und ich halte es auch nicht für einen Zufall, dass die Anschaffungslisten der Bundeswehr in dieser Woche öffentlich geworden sind. Die Kanzlerin wird mit den geplanten deutschen Rüstungsinvestitionen in Washington argumentieren können.

heute.de: Trump hat wiederholt kritisiert, dass Berlin zu wenig für Verteidigung und Militär ausgebe - auf Kosten der USA. 

Thomas Kleine-Brockhoff
Thomas Kleine-Brockhoff leitet das Berliner Büro des German Marshall Fund of the United States. Zuvor war er zwölf Jahre lang in Washington für den German Marshall Fund und als Korrespondent für "Die Zeit" tätig. 2013 bis 2017 war er Leiter des Planungsstabs von Bundespräsident Joachim Gauck. Quelle: German Marshall Fund

Kleine-Brockhoff: Die Amerikaner haben als Weltmacht zurecht stark die Militär- und Sicherheitspolitik im Auge, was Deutschland aus historischen Gründen anders sieht. Deutschland ist ein in militärischer Hinsicht winziges Land mit begrenzten Einflussmöglichkeiten. Das bedeutet aber nicht, dass Deutschland nichts tun kann. Es gibt Vereinbarungen der NATO, die alle Länder gemeinsam getroffen haben, und die Bundesrepublik ist weit davon entfernt, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Insofern ist die amerikanische Kritik teilweise berechtigt: Es wird viel über die Weltordnung geredet, aber wenn es gilt, die wichtigsten Grundlagen durchzusetzen, nämlich die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, dann feuern die Deutschen am liebsten andere an. Sie sind aber nicht dabei, nicht mal symbolisch, wenn Normverletzer mit Waffengewalt bestraft werden.

heute.de: Laut einer Umfrage bewerten 68 Prozent der Amerikaner das deutsch-amerikanische Verhältnis als gut. Umgekehrt schätzt die Mehrheit der Deutschen die Beziehungen als schlecht ein ...

Kleine-Brockhoff: Das ist in Deutschland der Trump-Effekt. Der oberste Repräsentant eines Landes wird mit dem Land gleichgesetzt. Derzeit steckt das deutsch-amerikanische Verhältnis in einer Trump-Rezession. Umgekehrt hat Deutschland in den USA einen guten Ruf, wahrscheinlich den besten seit dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb ist es auch so überraschend, dass ein Trommelfeuer von Deutschlandkritik aus dem Weißen Haus kommt, die mit der Stimmung in der Bevölkerung so gar nicht übereinstimmt.

heute.de: Auch in der Vergangenheit war das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht immer das Beste. Was ist im Jahr zwei der Präsidentschaft Trump anders?

Kleine-Brockhoff: In der Geschichte deutsch-amerikanischer Beziehungen gab es immer wieder Kanzler und Präsidenten, die einander persönlich nicht mochten. Richard Nixon hat Willy Brandt misstraut, Helmut Schmidt hielt nicht viel von Jimmy Carter. Und es war auch kein Honeymoon, was Angela Merkel mit George W. Bush verband. Trotzdem gibt es nationale Interessen und die Bindungswirkung der atlantischen Gemeinschaft, die immer dazu geführt haben, dass alle Präsidenten und Kanzler eine vernünftige Arbeitsbeziehung hatten. Einige waren sogar Freunde, wie Obama und Merkel. Es gibt also eine normative Kraft des Atlantischen, die bisher gewirkt hat. Im ersten Jahr von Donald Trump ist davon allerdings nichts zu spüren.

Das Gespräch führte Maya Dähne.

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