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Die deutsch-französische Achse ist geflickt

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Macrons raffinierter Schachzug - Die deutsch-französische Achse ist geflickt

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Wenn das EU-Parlament Ja sagt, sitzt bald eine anglophone Französin auf dem Geld und eine frankophile Deutsche an der EU-Spitze. Und Macron hat sein Image als Reformer aufpoliert.

Emmanuel Macron beim EU-Gipfel in Brüssel.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wirbt für Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionschefin.
Quelle: Olivier Matthys/AP/dpa

Eine Flugschau haben sie kürzlich gemeinsam angesehen, und bei der Enthüllung eines Modells des künftigen europäischen Kampfjets haben sie nebeneinander auf der Bühne gestanden und zufrieden gelächelt: Zwischen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stimmt die Chemie. Möglicherweise hatte Macron schon bei diesem Treffen zur Eröffnung der Luftfahrtmesse in Le Bourget die Idee, die deutsche Ministerin nach Brüssel zu lotsen.

Macron brachte von der Leyen ins Spiel

Macron und Von der Leyen auf der Luftfahrtmesse
Macron und Von der Leyen auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget.
Quelle: 19-1859732

Macron war es jedenfalls, der die Kandidatur von der Leyens ins Spiel brachte - und keineswegs die deutsche Seite. Bei seiner Ankunft am Dienstag in Brüssel habe er verlangt, dass man im Besprechungsraum der französischen Delegation ein Flipchart aufstellen möge. Darauf habe er sich dann geradezu gestürzt, um zwei Optionen zu skizzieren – eine davon mit von der Leyen an der Kommissionsspitze, worauf sich die Staats- und Regierungschefs dann am selben Abend geeinigt haben. So berichtet es die Zeitung "La Parisien".

Aus französischer Sicht war dies ein raffinierter Schachzug, der Macron eine Menge Vorteile einbringt. Sein größter Gewinn: Frankreich erhält im Gegenzug den Spitzenposten der Europäischen Zentralbank (EZB) für die bisherige IWF-Chefin Christine Lagarde. Sie zählt zu den wichtigsten Köpfen, die Frankreich zu bieten hat, und hat zudem ein Abo auf den Titel "die erste Frau auf diesem Posten". Das war sie schon als Frankreichs Wirtschaftsministerin, als Chefin des Internationalen Währungsfonds und das wird sie auch als EZB-Chefin sein. Ihr wird nachgesagt, dass sie auch gerne die erste Frau im Elysée werden möchte, aber die nächste Präsidentschaftswahl steht ja erst 2022 an.

Macron der EU-Reformer

Christine Lagarde (Archiv).
IWF-Chefin Lagarde soll neue EZB-Präsidentin werden.
Quelle: Michel Euler/AP/dpa

Ebenso wichtig ist es für Macron, dass er einmal mehr sein Image als EU-Reformer pflegt. Dass zum ersten Mal in der Geschichte der EU zwei Frauen zwei der wichtigsten EU-Posten bekommen könnten, ist ein gewaltiger Schritt nach vorn. Macron hatte immer wieder betont, wie sehr ihm an der Geschlechterparität liege. Wenn das EU-Parlament die Personalien abnickt, wird er sich künftig damit brüsten können, dass er keinen geringen Anteil an dieser Entwicklung hatte.

Da passt es auch gut ins Bild, dass Macron kurz vor dem Durchbruch nochmal vor die Kameras getreten war und schimpfte, was für ein schlechtes Bild die zerstrittenen Staats- und Regierungschef doch abgaben. Dabei hatte er selber durchaus dazu beigetragen, indem er den konservativen Spitzenkandidaten Manfred Weber so massiv abgelehnt hatte.

Zeichen für deutsch-französisches Verhältnis

Und schließlich kann Macron Vorwürfe entkräften, das deutsch-französische Verhältnis sei zerrüttet. Die französischen Medien zeigen sich geradezu entzückt von der deutschen Verteidigungsministerin und ihrem atypischen Lebenslauf. In jedem Artikel über sie wird vermerkt, wie gut von der Leyen Französisch spreche und dass sie - wie Macron - sehr interessiert an einer gemeinsamen europäischen Verteidigung sei. Es ist in Frankreich auch im Gedächtnis geblieben, dass von der Leyen positiv auf Macrons Sorbonne-Rede mit den EU-Reformvorschlägen reagiert hatte und dass sie die einzige Ministerin ist, die seit Beginn von Merkels Amtszeit ununterbrochen zum Kabinett zählt.

Aber auch wenn Frankreich und Deutschland einen Kompromiss gefunden haben, der sich in beiden Ländern gut verkaufen lässt, gibt es massive Kritik. Der deutsch-französische Deal sei eher ein Überlebensreflex als Zeichen eines neuen Elans, meint der "Figaro". Denn die fundamentalen Differenzen blieben weiter bestehen.

Zudem ist der "Spitzenkandidat", der inzwischen als deutsches Lehnwort in die französische Sprache eingegangen ist und eigentlich die Rolle Europäischen Parlaments stärken sollte, damit obsolet geworden. Macron meint, Spitzenkandidaten seien erst dann sinnvoll, wenn es transnationale Listen gebe. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Nominiert für Spitzenposten in der EU:

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