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"Für uns hat es nie Grenzen gegeben"

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Deutsch-französische Kumpel-Kultur - "Für uns hat es nie Grenzen gegeben"

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Die Grenzregion zwischen dem Saarland und Frankreich war lange vom Bergbau geprägt - die Kumpel-Kultur kennt keine Grenze. Das prägt dort auch die Einstellung zu Europa.

Konzentriert schrauben vier Männer an einer riesigen Maschine in einem dunklen Kohlestollen. "Ca va?", "Jo, geht schon" - die Fachgespräche sind zweisprachig, Deutsch und Französisch wechseln wie selbstverständlich hin und her. Edgar Bastian liebt die alten Maschinen im Erlebnisbergwerk Velsen, sie laufen noch, wie damals. Edgar Bastian ist Franzose, der alte Ausbildungsstollen ist in Deutschland. Er wird von einem Verein instand gehalten. Ehemalige Bergleute haben sich zusammengetan, als die Gruben schlossen. "Ihre" alten Maschinen wollten sie einfach nicht aufgeben. Als Edgar Bastian davon hörte, hat er sich sofort angeschlossen, auch andere Franzosen machten mit.

Von einem Tag auf den anderen keine Aufgabe mehr

"Einige haben sich umgebracht. Andere sind depressiv geworden, man braucht einfach einen Grund, um morgens aufzustehen.
Edgar Bastian, ehemaliger Bergmann

Mit dem Ende des Bergbaus im Saarland und in Lothringen gingen zahlreiche Kumpel in den Vorruhestand. Von einem Tag auf den anderen hatten sie keine Aufgabe mehr. "Einige haben sich umgebracht" erinnert sich Edgar Bastian, "andere sind depressiv geworden, man braucht einfach einen Grund, um morgens aufzustehen!".

Edgar Bastian hatte im Bergwerk "Saint Charles" in der Nähe von Forbach gearbeitet. Es gehörte zu einem der größten Kohlereviere Frankreichs. Aufgewachsen ist er in der Bergbausiedlung Habsterdieck in Stiring Wendel. In seiner Region ist die Arbeitslosigkeit hoch, seitdem der Bergbau als Arbeitgeber wegfällt. Vor ein paar Wochen hat in "seinem" Viertel das letzte Café dicht gemacht - es kommt keiner mehr.

Deshalb ist Edgar oft in Velsen. Das Erlebnisbergwerk im Saarland ist wie seine zweite Familie "Einmal Bergmann, immer Bergmann", dieses Motto gilt auf Deutsch genau wie auf Französisch. Früher unter Tage haben sich die Stollen nirgendwo an Landesgrenzen gehalten. Als Kumpel wechselte man täglich mehrmals das Land, über und unter der Erde. Das prägt.

Eine Besuchergruppe im Bergwerk Velsen
Eine Besuchergruppe im Bergwerk Velsen
Quelle: imago

"Europa ist unter unseren Füßen"

"Für uns hat es nie Grenzen gegeben. Europa ist unter unseren Füßen! Das war schon immer so!" sagt Edgar Bastian und hat deshalb eine neue Bestimmung gefunden: Fremdenführer für deutsche Industriekultur. Im Erlebnisbergwerk führt er die französischen Touristen durch den Stollen mit den alten Maschinen, die immer noch laufen. Dann erzählt er vom Leben unter Tage, der Kameradschaft, der schweren Arbeit. Auch von dem schweren Grubenunglück in "seinem" Schacht Saint Charles - damals musste Edgar Bastian seine toten Kollegen aus dem Stollen bergen, diese Bilder hat er nie vergessen.

Edgar Bastian spricht drei Sprachen fließend: Französisch, Deutsch und Platt. Flexibel einsetzbar also. Und weil ihn die Industrie nie wirklich losgelassen hat, hat er sofort zugesagt, als man ihm anbot, auch im Weltkulturerbe Völklinger Hütte als Fremdenführer zu arbeiten. Der Stahlkoloss zieht Touristen aus der ganzen Welt an, viele Franzosen buchen seine Führungen in französischer Sprache. Neben den Geschichten und Anekdoten hat er vor allem ein Ziel: Das Europa von früher begreifbar zu machen, damit die Menschen das Europa von heute zu schätzen wissen. "Kohle und Stahl - das hat uns reich gemacht. Deshalb ist die europäische Union entstanden. Robert Schumann, Konrad Adenauer - die Montanunion. Ohne uns würde es Europa nicht geben. Darüber muss man reden", sagt er.

Ein Industriedenkmal als Touristenmagnet?

Zwei Schulklassen hat er heute durch den Völklinger Stahlkoloss geführt, das Industriedenkmal ist ein Touristenmagnet. Auf dem Weg zurück nach Hause kommt er wieder am Erlebnisbergwerk vorbei.

Kunstwerk der "Urbanart Biennale" 2019 an der Völklinger Hütte
Kunstwerk der "Urbanart Biennale" 2019 an der Völklinger Hütte
Quelle: dpa

Seine Kumpel sind in der "Kaffekisch", der alten Bergmannskantine. Sie trinken Fanta und Spezi. An der Wand eine große Uhr, sie zeigt immer 11:09 Uhr. Das war die Uhrzeit, als die letzte Schicht in Velsen aus der Tiefe kam bevor die Grube schloss - da blieb die Zeit stehen. Unter der Uhr steht in großen Buchstaben "Glück Auf" an der Wand. Früher, nach Schichtende standen hier Hunderte Bergarbeiter. An diesem Nachmittag sind sie ein knappes Dutzend am Stammtisch - sie reden über Europa. Viele haben Familie in beiden Ländern. Im Saarland und in Lothringen haben sich die Grenzen immer wieder verschoben, Europa war immer normal.

Sorgevoller Blick gen Brexit

Wir Kumpel und Stahlarbeiter waren und sind von Natur aus Europäer. Europa ist das Wertvollste was wir haben, das darf man jetzt nicht einfach aufgeben.
Edgar Bastian

Deshalb schaut Ex-Bergmann Horst Dobelmann mit großer Sorge nach Großbritannien: "Das Theater mit dem Brexit und das ganze Gejammer europaweit" seufzt er - "die sollten sich mal ein Beispiel nehmen an uns hier, wir praktizieren Kameradschaft, grenzübergreifend. So funktioniert Europa!"

"Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Französin, meine halbe Verwandtschaft lebt in Frankreich" ergänzt ein anderer, "das funktioniert doch prima!" In Edgar Bastians Region hat die Partei von Marine Le Pen, das "Rassemblement National", gute Umfragewerte. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Strukturwandel war eher ein Strukturbruch. Kurz vor der Europawahl wächst nun die Sorge vor den Populisten.

"Extreme sind nie gut", sagt Edgar Bastian. "Wir Kumpel und Stahlarbeiter waren und sind von Natur aus Europäer, vor allem hier an der Grenze", fügt er hinzu, "Europa ist das Wertvollste was wir haben, das darf man jetzt nicht einfach aufgeben".

Susanne Freitag-Carteron ist ZDF-Korrespondentin für das Saarland.

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