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Deutsch-polnische Beziehungen - "Wir brauchen einen neuen Aufbruch"

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Das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen ist belastet - auch durch Forderungen nach Reparationen. Man brauche "einen neuen Aufbruch in den Beziehungen", sagt Historiker Loew.

Flaggen von Deutschland und Polen und Buch mit der Aufschrift Reparationen
Der Ruf nach Reparationen ist nicht neu - er kommt auch jetzt wieder aus Polen.
Quelle: picture alliance / blickwinkel

heute.de: Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, hat Deutschland Polen überfallen, der Zweite Weltkrieg begann. Wie wichtig ist dieses Datum für die deutsch-polnischen Beziehungen?

Peter Oliver Loew: Der 1. September ist der Beginn eines schrecklichen Krieges, der von Anfang an unter rassischen Gesichtspunkten geführt wurde. Unser Nachbarland Polen hat vom ersten Kriegstag an unter unvorstellbaren Verbrechen Deutschlands gelitten. Dieser Tag sollte ein Tag der Mahnung und des Innehaltens sein.

heute.de: Vor kurzem wurde erneut die Frage nach Reparationszahlungen aufgeworfen. Warum kommen jetzt diese Forderungen aus Warschau?

Loew: Die Forderungen sind vor allem innenpolitisch motiviert: Antideutsche Ressentiments lassen sich in Polen leicht aktivieren. Gleichzeitig soll den Wählern das Gefühl vermittelt werden, dass die Regierung für den Platz Polens in der Welt kämpft und es "von den Knien wieder aufstehen" lässt. Das war eine Formulierung aus dem letzten Wahlkampf.

Alle ernstzunehmenden Gutachten kommen zu dem Schluss, dass die Reparationsfrage abgeschlossen ist. Es gibt keine Mechanismen, um Deutschland zur Zahlung zu zwingen. Es geht vor allem um Stimmungsmache. Aber auch darum, Polens Rolle als Opfer und Deutschlands Rolle als Täter vor der Weltöffentlichkeit deutlich hervorzuheben, weil Teile der polnischen Öffentlichkeit befürchten, Deutschland könne sich aus seiner Verantwortung herausstehlen und - noch schlimmer - Polen eine Mitschuld am Krieg und seinen Verbrechen zuschieben.

heute.de: Was halten Sie von einem Mahnmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges, das wieder in der Diskussion ist?

Loew: Wir tun uns in Deutschland manchmal schwer mit Symbolen. Aber im öffentlichen Raum der Republik fehlt tatsächlich eine zentrale Anerkennung des Leidens in Polen im Zweiten Weltkrieg. Das Gedenken an die vielen Millionen Opfer in Polen - Juden und Nicht-Juden - muss verstärkt ins Bewusstsein der Deutschen gelangen. Dabei sollte es neben einem Denkmal aber auch und vor allem darum gehen, kontinuierliche Bildungsarbeit zu leisten.

Vor 80 Jahren überfielen die Nazis Polen und besetzten das Land. Kurz vor dem Jahrestag flammen erneut politische Forderungen nach Reparations- und Entschädigungsforderungen auf.

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heute.de: Was trübt sonst noch die deutsch-polnischen Beziehungen?

Loew: Die Ostsee-Pipeline "Nordstream 2" ist ein wichtiges Thema, es gibt eine weitverbreitete Angst in Polen und anderen Staaten der Region, dass Deutschland und Russland sich wieder einmal, wie 1939, über ihre Köpfe hinweg verbünden. Energiefragen sind auch darüber hinaus ein Thema, etwa die Rolle der Kohle an der Energieerzeugung.

heute.de: Berlin und Warschau sind sich auch in der Flüchtlingsfrage uneins.

Loew: Die Flüchtlingsfrage hat insbesondere 2015, 2016 die polnische Diskussion geprägt, es wurden Ängste vor Zuwanderung und Terrorismus geschürt. Liest man heute Beschreibungen Deutschlands in polnischen rechten Medien, so erscheint es als zerfallendes, vom Christentum abgefallenes Land ohne Armee, das sich in den Fängen der Linksliberalen, der LGBT- und der Öko-Bewegung befindet. Gestritten wird zum Beispiel auch über den rechtlichen Status der in Deutschland lebenden Polen.

heute.de: Warum gibt es hier Streit?

Loew: Ein Teil der polnischen Politik und einige in Deutschland lebende Polen meinen, dass die Polen als "nationale Minderheit" anerkannt werden sollten. Allerdings sind fast alle hier lebenden Polen Zuwanderer, oder sie sind eigentlich als Vertreter der "deutschen Minderheit" in Polen ausgesiedelt. Und viele Rechte stehen den Polen in Deutschland aufgrund der existierenden Verträge schon zu, auch wenn manches noch verbesserungswürdig ist.  

Das Thema Reparationszahlungen sei für Polen "nie erledigt" gewesen, so der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski. Fast jede Familie habe Familienmitglieder oder Eigentum verloren.

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heute.de: Wie könnten denn die deutsch-polnischen Beziehungen verbessert werden?

Loew: Die Beziehungen sind ja eigentlich hervorragend, sieht man einmal von der Instrumentalisierung auf höchster politischer Ebene in Polen ab.

heute.de: Was meinen Sie mit Instrumentalisierung?

Loew: Nun, genau solche Themen wie die Reparationsdebatte oder auch die Frage nach der Anerkennung als Minderheit. Indem Polen immer wieder als Opfer deutscher Diskriminierung oder Überheblichkeit dargestellt wird, kann man politische Stimmungsmache betreiben und Deutschland Fehlverhalten vorwerfen. Das kommt bei einem Teil des Wahlvolks gut an, und die Kosten sind gering, weil man in Warschau ja weiß, dass die deutsche Politik hierauf aus historischen Gründen nie mit ähnlichen Vorwürfen antworten wird.

heute.de: Und wo genau läuft’s hervorragend?

Loew: Es gibt unglaublich viele gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle Kontakte. In Deutschland leben mehr als zwei Millionen aus Polen stammende Menschen. Nur wissen wir immer noch viel zu wenig voneinander - und wenn, dann beschränkt sich das Wissen auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Hier ist noch sehr viel zu tun.

heute.de: Sollte es mehr Schüleraustausch, Städtepartnerschaften oder deutsch-polnische Jugendbegegnungen geben?

Loew: Ich glaube, wir brauchen einen neuen Aufbruch in den Beziehungen. Wir haben viele hundert Städtepartnerschaften, zahlreiche Schulaustausche, das Deutsch-Polnische Jugendwerk fördert zahllose Begegnungen. Alles das ist aber immer noch viel zu wenig, um die Rolle Polens für Deutschland und seine Geschichte ins allgemeine Bewusstsein zu rufen. Wir brauchen noch mehr Engagierte, noch mehr Initiativen, vor allem auch unter den jüngeren Generationen. Und die Voraussetzung hierfür ist besseres Wissen über Polen.

Das Interview führte Raphael Rauch.
Dem Autor auf Twitter folgen:
@raphael_rauch

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