Sie sind hier:

Deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen - Ungleiche Handelspartner

Datum:

Beim Besuch von Erdogan in Deutschland steht für die Türkei einiges auf dem Spiel. Die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder sind unausgewogen - Ankara hat viel zu verlieren.

Archiv: Ein Arbeiter überprüft Kupferkabel
Produktion von Kupferkabeln in der Türkei.
Quelle: reuters

Man könnte meinen, für die türkische Wirtschaft scheine seit langem permanent die Sonne: Auch im vergangenen Jahr ist die Wirtschaft des Landes stärker gewachsen als in allen anderen G20-Staaten – nämlich um rund sieben Prozent. Nach der großen Finanzkrise wuchs das Bruttoinlandsprodukt in einigen Jahren sogar zwischen fast neun bis elf Prozent. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Die fetten Zeiten sind vorbei

Wenn es gut läuft, wächst die türkische Wirtschaft in diesem Jahr noch um zwischen vier und fünf Prozent. Doch ob es gut läuft, ist alles andere als klar. Der autokratisch regierende Präsident des Landes, Recep Tayyip Erdogan, hat Investoren verunsichert. Zudem hat er einen Streit mit den USA vom Zaun gebrochen, indem er nach dem Putschversuch 2016 den amerikanischen Pastor Andrew Brunson hinter Gitter brachte. Um die Freilassung des Mannes zu erreichen, hat US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen das Land, also Strafzölle, verhängt.

Das hat vor allem die türkische Lira getroffen – die Währung des Landes rauschte seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent in den Keller. Zugleich ist die Inflation in der Türkei auf acht Prozent geklettert. Die schwache Lira verteuert die Importe. Zudem sind viele Unternehmen des Landes bei türkischen Banken in US-Dollar verschuldet, was sie durch den Kursverfall der Lira stark belastet. "Für die Türkei steht aufgrund der immensen Liquiditätsnöte durch die Abwertung sehr viel auf dem Spiel", sagt deswegen Mauricio Vargas, Volkswirt bei Union Investment mit Blick auf den Besuch des türkischen Präsidenten in Berlin.

Deutsche Maschinenbauer betroffen

Andererseits spüren einige Branchen hierzulande auch, dass die Nachfrage aus der Türkei nachgelassen hat. Die Exporte deutscher Maschinenbauer etwa sind zwischen Januar und Mai um fast fünf Prozent eingebrochen. Und der Verband der Maschinenbauer rechnet damit, dass sich diese Tendenz in den kommenden Monaten fortsetzt.

Die Türkei hat weltweit den zwölftgrößten Markt für Maschinen aller Art. Das Marktvolumen liegt bei knapp 30 Milliarden Euro – und die deutschen Hersteller haben einen erheblichen Anteil daran. Laut dem Verband der deutschen Maschinenbauer, VDMA, ist Deutschland der wichtigste ausländische Maschinenanbieter in der Türkei mit einem Marktanteil von 13 Prozent. Die besondere Rolle wird auch im Vergleich zu anderen Ländern deutlich: Hier liegt die Türkei unter den weltweiten Absatzmärkten immerhin auf Platz 14. Im Jahr 2017 wurden Anlagen und Maschinen im Volumen von 3,7 Milliarden Euro an den Bosporus verschifft und verschickt.

Handel mit chemischen Produkten wächst

Auch die chemische Industrie ist ein wichtiger Handelspartner für die Türkei. Waren im Wert von rund drei Milliarden Euro kommen jährlich aus Deutschland und passieren die Grenze zur Türkei. Das ist allerdings – gemessen an den sonstigen Ausfuhren dieses Industriezweiges in Deutschland – nur ein vergleichsweise geringer Anteil von zwei Prozent. Der Verband der chemischen Industrie bezeichnet die Türkei dennoch als "wichtigen Handelspartner". Denn in den vergangenen fünf Jahren wuchsen die Ausfuhren um 2,7 Prozent im Jahr.

Ausfuhr deutscher Autos steigt

Laut Auto-Verband VDA haben sich seit 2009 die Verkäufe der deutschen Autoindustrie n die Türkei vervierfacht. Das ist förmlich ein Wachstum wie aus dem Bilderbuch. Nach Stückzahlen allerdings sieht es anders aus: Von Januar bis Juli dieses Jahres wurden nur rund  80.000 Pkw in die Türkei exportiert, im vergangenen Jahre waren es knapp 140.000. Zum Vergleich: Insgesamt haben die deutschen Autobauer im vergangenen Jahr fast 4,4 Millionen Autos exportiert – das entspricht einem Anteil von rund drei Prozent.

Deutsche Touristen besuchen wieder verstärkt die Türkei

Das autokratische Regime Erdogans und die Furcht vor Terroranschlägen haben deutsche Touristen in den vergangenen Jahren vor Reisen in die Türkei abgeschreckt. 2016 kamen fast ein Drittel weniger deutsche Touristen in das Land als noch 2015. In diesem Jahr allerdings kann die Türkei in dieser Hinsicht wieder aufatmen. Im Juni reisten rund 18 Prozent mehr deutsche Urlauber in die Türkei als im Vorjahresmonat. Im gesamten ersten Halbjahr waren es mit gut 1,5 Millionen Gästen aus Deutschland sogar ein Viertel mehr als im ersten Halbjahr 2017. Der Boom hat zwei Gründe: Zum einen werden Türkei-Reisende mit Schnäppchenpreisen angelockt. Zum anderen macht der Verfall der türkischen Lira Reisen in die Türkei finanziell sehr attraktiv.

Wer ist von wem abhängiger?

Die wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen Deutschland und der Türkei ist den Zahlen nach ziemlich eindeutig: Die Bundesrepublik ist nach Daten des Statistikamtes Turkstat der größte Abnehmer türkischer Produkte. Vor allem Nahrungsmittel und Textilien bezieht Deutschland aus der Türkei. Würde der Handel zwischen beiden Nationen leiden, wäre vor allem die türkische Textilindustrie betroffen. Denn Textilien lassen sich auch aus anderen Erdteilen beschaffen – beispielsweise aus Asien. Auch bei Nahrungsmitteln gibt es Ausweichmöglichkeiten.

"Die wirtschaftlichen Beziehungen sind sehr asymmetrisch. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei - etwa zehn Prozent der Exporte der Türkei gehen nach Deutschland, während aus deutscher Sicht die Bedeutung der Türkei zwar nicht unwesentlich, aber doch sehr gering ist", sagt Volkswirt Mauricio Vargas. "Insofern hat die Türkei existentiell mehr zu verlieren - insbesondere in einer Phase, in der sich die Wirtschaft in einer schweren Krise befindet".

Wirtschaft der Türkei braucht Deutschland und Europa

Umgekehrt ist die Lage schwieriger. Denn viele Exportprodukte aus Deutschland sind technische Fertigungen aller Art, von Vorprodukten für die dortigen Hersteller bis zu ganzen Maschinen, Anlagen oder Autos. Die Exporte deutscher Firmen in die Türkei lagen bei knapp 22 Milliarden Dollar. Die Importe aus der Türkei bei rund 16 Milliarden. Gemessen an der Wirtschaftsleistung beider Länder wird der Einfluss dieser Größen klar: Die deutsche Wirtschaftskraft ist rund dreieinhalb mal größer als die türkische, deswegen würden Schwierigkeiten im Handel zwischen beiden Ländern die Türkei ungleich härter treffen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.