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Deutsche Hilfe in Syrien - Leben retten an der Rakka-Front

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Seit Anfang Juni versuchen Anti-IS-Streitkräfte, die syrische Großstadt Rakka von der Terrormiliz IS zu befreien. Die medizinische Versorgung der Opfer ist eine extreme Herausforderung. Zwei deutsche Mediziner helfen in Feldlazaretten nahe Rakka dabei, Menschenleben zu retten.

Die strategisch wichtige Stadt Tal Afar steht kurz vor der Befreiung vom IS, irakische Truppen rückten bis ins Zentrum vor. Sieben Woche nach der Rückeroberung der einstigen IS-Hochburg Mossul steht auch Rakka vor dem Fall. Ist der IS somit bald besiegt?

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Der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der syrischen Stadt Rakka tobt seit mehr als drei Monaten. Zwar konnte ein von Kurden geführtes Anti-IS-Bündnis inzwischen einen Großteil des Stadtgebietes zurückerobern, doch bis zu 2.000 IS-Kämpfer leisten noch immer heftigen Widerstand - und halten dabei bis zu 15.000 Zivilisten als Geiseln. Diese Menschen säßen in einem "tödlichen Labyrinth" fest, berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Krankenhäuser zerstört, viele Ärzte tot

Michael Wilk bei der Arbeit im Trauma Stabilization Point des kurdischen Roten Halbmonds nahe der Rakka-Front
Mediziner Wilk (2.v.r.) bei der Arbeit nahe Rakka Quelle: privat

Die IS-Milizionäre kämpfen gegen das vorrückende Anti-IS-Bündnis nun um jeden Häuserblock. Die festgehaltenen Menschen leiden deshalb unter Dauerbeschuss. Die Opfer sind immens - und medizinische Hilfe für die zahlreichen Schwerverletzen gibt es nur unter Extrembedingungen.
Der Grund: Krankenhäuser sind zerstört, viele Ärzte tot. An der Rakka-Front hat der kurdische Rote Halbmond deshalb sogenannte "Trauma Stabilization Points" (TSP) errichtet, in denen Kämpfer und zivile Kriegsopfer nahe der Front notversorgt werden. Dort leisten derzeit auch der Wiesbadener Arzt Michael Wilk und der Mainzer Physiotherapeut Torsten Lengfeld Erste Hilfe.

"Als Notfallmediziner kann ich in Rakka Leben retten"

Wilk ist inzwischen zum sechsten Mal auf Hilfsmission in Syrien. Er sagt: "Viele schalten ja bei dem Thema ab, aber ich kann das nicht - als Notfallmediziner kann ich in Rakka Leben retten, und ich denke, ich muss den Kriegsopfern zur Seite stehen." Er spricht von Menschen mit Einschüssen, gebrochenen oder abgerissenen Gliedmaßen.

Oft gehe es buchstäblich um Leben oder Tod. "Da steht der Sensenmann mit am Operationstisch - und es ist ein gutes Gefühl, wenn du sagen kannst: ‚Meister, es ist noch nicht so weit!‘", sagt Wilk. Er hofft nur, dass der IS in auswegloser Situation nicht zu Giftgas greift. "Dagegen wären wir machtlos - das würde ein grausames Massensterben verursachen", so Wilk.

Das nächste Krankenhaus zweieinhalb Stunden entfernt

Bei den Opfern der derzeitigen Kämpfe gehe es darum, ihre akuten Wunden schnell zu versorgen und den Zustand der Patienten zu stabilisieren, bevor sie in die nächstgelegenen Hospitäler transportiert werden könnten. Eine Fahrt von etwa zweieinhalb Stunden über holprige Pisten.

Der Physiotherapeut Torsten Lengfeld unterstützt Wilks Arbeit eine Woche lang als "OP-Helfer", wie der 48-jährige Mainzer sagt. Auch er ist zum wiederholten Mal in Syrien. Im Anschluss an den Rakka-Einsatz will er in einem zweiwöchigen Kurs Helfer in Reha-Zentren weiterbilden. In Quamishlo, der mit circa 400.000 Einwohnern größten Stadt im Kurdengebiet Rojava in Nordsyrien. Wie können bei Patienten Thrombosen, wunde Stellen oder Lungenentzündungen verhindert werden? Um solche Fragen geht es Lengfeld dann.

Sympathie für hochgesteckte gesellschaftliche Ziele im Kurdengebiet

Die beiden deutschen Helfer verbindet vor allem eines - ihre Sympathie für die hochgesteckten politischen und gesellschaftlichen Ziele in Rojava. Dazu zählen der Aufbau basisdemokratischer Strukturen, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und das erklärte Ziel, friedlich mit Arabern und Assyrern den Neuaufbau gestalten zu wollen.
"Die Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe in Rojava stehen diametral der IS-Ideologie gegenüber", sagt Wilk, und Lengfeld ergänzt: "In dem totalen Chaos in Syrien, wo sich 1.000 Fraktionen bekämpfen, und eine unsympathischer als die andere ist, gibt es eine Fraktion, die das menschliche Miteinander in den Mittelpunkt stellt und nicht das Trennende."

Lengfeld will nicht als naiver Zeitgenosse missverstanden werden. "Ich bin kein leichtgläubiger Mensch", sagt er. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ernst es den Menschen in Rojava mit dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft ist, das will ich einfach unterstützen."

Fluchtursachen aktiv bekämpfen

Mit ähnlichen Worten beschreibt Michael Wilk seine Eindrücke und Motivation. Dass der aktuelle Hilfseinsatz an der Rakka-Front in den Augen vieler Menschen nur ein "Tropfen auf den heißen Stein" sei, bezeichnet der Arzt als "ok". Da sei etwas dran. Sein Einsatz gehe aber weit darüber hinaus. "Ich sammle in Deutschland Geld für medizinisches Material oder helfe beim Organisieren von Hilfstransporte ins Kurdengebiet nach Nordsyrien."

Er sagt: "Wer es ernst meint mit dem Bekämpfen der Fluchtursachen, der muss den Menschen vor Ort helfen, neue Lebensperspektiven zu schaffen." Wilk bildet deshalb auch in regelmäßigen Einsätzen medizinisches Personal in Rojava aus und unterstützt damit den kurdischen Roten Halbmond beim Aufbau eines effizienten permanenten Rettungssystems.

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