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Furcht in deutscher Wirtschaft - "Auf harten Brexit einstellen"

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Der gescheiterte Brexit-Deal kann teuer werden. Deutsche Firmen sollten sich auf einen harten Ausstieg der Briten einstellen, sagt Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Schneider.

"Dass May die Abstimmung verliert, war zu erwarten", sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im ZDF-Interview. Der deutschen Wirtschaft rät er, sich für alle Fälle auf einen harten Brexit vorzubereiten.

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Manch einer blickte am Morgen mit banger Erwartung auf die Eröffnung der europäischen Börsen: Wie würden die Finanzmärkte das Abstimmungsdesaster in Großbritannien aufnehmen? Die Furcht blieb unbegründet - in stoischer Gelassenheit nahmen die Anleger den Ausgang des Votums zur Kenntnis - und gingen scheinbar zur Tagesordnung über.

Neue Lieferketten, Lager statt "Just in time"

Scheinbar. Denn in Wirklichkeit hatten die Märkte ein solches Ergebnis vorweggenommen, mit den schwachen Kursverläufen der letzten Monate war daher kein weiterer Einbruch mehr programmiert. Sogar die Aussicht auf einen harten, ungeordneten EU-Austritt der Briten schreckt kaum noch - denn die deutsche Exportindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht: "In den Unternehmen liegen die Pläne fertig in den Schubladen", sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Man hat sich darauf vorbereitet, neue Lieferketten zu schmieden, und wird von der 'just-in-time'-Produktion stärker auf Lagerhaltung zurückgreifen."

Schneider sieht eine gewisse Paradoxie am Werke: Gerade die haushohe Niederlage von Premierministerin Teresa May mache nun den Weg frei für eine parteiübergreifende Lösung in London. Denn der ungeliebte Kompromiss mit der EU, so wie er gestern krachend scheiterte, könne doch noch mit einigen Änderungen in London zustimmungsfähig werden. Denn erklärtermaßen wünscht sich die große Mehrheit der Abgeordneten keinen chaotischen Brexit.

Bleiben die Briten in der Zollunion?

Nachdem der ausgehandelte Vertrag in seiner bisherigen Form nun klar vom Tisch ist, könnte man neue Kompromisse finden: Beispielsweise wäre ein Verbleib der Briten in der europäischen Zollunion denkbar. Ein entsprechend ergänzter Vertrag hätte Chancen im Parlament. Sofern die Abgeordneten nun den Ernst der Lage erkennen. Gering dagegen scheinen die Aussichten auf eine neue Volksabstimmung, wie sie vor allem von jüngeren Briten gefordert wird.

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Daher appellieren auch andere Wirtschaftsexperten an beide Parteien, Brüssel und London, weiter zu verhandeln: "Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden", sagt der Präsident des Münchener IFO-Instituts, der Ökonom Clemens Fuest. Beide Seiten sollten an den Verhandlungstisch zurückkehren. Und der Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel wird recht deutlich: Das Votum des britischen Parlaments ist wider jede Vernunft", poltert Holger Bingmann. "Bis zuletzt hat Brüssel Brücken gebaut, über die das Vereinigte Königreich leider nicht gegangen ist."

BDI warnt vor Rezession

Die deutsche Industrie und ihr Spitzenverband BDI sehen ein wechselseitiges Außenhandelsvolumen zwischen Großbritannien und Deutschland von 175 Milliarden Euro gefährdet. Betroffen wären vor allem die Autoindustrie, und da vor allem BMW mit der Produktion seiner Marke "Mini" in Großbritannien, aber auch die Branchen Maschinenbau und Konsumgüter.

Bei einem chaotischen Austritt der Briten drohe zudem auf der Insel eine Rezession - nicht folgenlos bliebe das für Deutschland. Denn lange Schlangen von Lastwagen auf beiden Seiten des Ärmelkanals, wohl unvermeidlich bei neuen Zöllen und Kontrollen, dürften die Versorgungslage verschlechtern und wegen Teilemangels etwa die Produktion drosseln. Das wirkt sich für beide Länder negativ aus, denn der freie Warenverkehr ist eine der wirksamsten Errungenschaften der Europäischen Union zur Förderung des Wohlstands - Zölle kosten alle Beteiligten viel Geld. Unisono sehen die deutschen Reaktionen den Ball im Feld der Briten.

Negative Folgen schon jetzt spürbar

Manchen Vorgeschmack darauf kann man schon ausmachen. Deutliche Bremsspuren hinterlässt das Ausstiegsszenario bereits jetzt  in einigen deutschen Schlüsselbranchen. So verzeichnet etwa die Chemie- und Pharmaindustrie einen Einbruch ihres Geschäfts mit den Briten. Beim Arzneimittelexport und Import ging das Volumen um fast zehn Prozent zurück, gegenüber 17,7 Milliarden Euro 2017 waren es im vergangenen Jahr nur noch 16 Milliarden. Auch im Rang der Handelspartner stieg das Vereinigte Königreich ab - die Firmen suchten sich angesichts drohender Lieferengpässe andere europäische Geschäftspartner.

Wie man es dreht und wendet - der Ausstieg der Briten wird wohl kommen, ob um einige Monate verschoben oder tatsächlich am 29. März. Und die Industrie macht sich kaum Hoffnungen, dass das glimpflich abgehen wird. "Wir haben die Wachstumsaussicht für Deutschland gerade auf ein Prozent für 2019 gesenkt", sagt Deutschen-Bank-Ökonom Schneider. Zwar spielten da auch die weltweiten Handelskonflikte eine Rolle, aber das Gerangel um den EU-Abschied der Briten sorge für eine gehörige Dämpfung beim exportorientierten Deutschland. Das kann kein Binnenkonsum mehr auffangen, und für viele Branchen wird die Neuorientierung bei ihren Lieferanten und Abnehmern, dazu noch zu erwartende Zollbarrieren, einfach nur teuer.   

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