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Christian Sewing übernimmt - Auf dem Schleudersitz der Deutschen Bank

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Christian Sewing sitzt seit heute auf dem Schleudersitz der Deutschen Bank in Frankfurt. John Cryan nimmt seinen Hut. Doch es wird keine leichte Aufgabe für seinen Nachfolger.

Christian Sewing löst John Cryan nach knapp drei Jahren als Chef der Deutschen Bank ab. Sewing hat beinahe sein komplettes Berufsleben bei der Deutschen Bank verbracht.

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Die Gerüchte und Personaldebatten an der Spitze von Deutschlands größter Privatbank haben vorerst ein Ende. Die Führung des kriselnden Kreditinstituts wird ab sofort Christian Sewing übernehmen. Der 47-Jährige war bisher im Vorstand für den Bereich Privat- und Firmenkunden zuständig und Vizechef der Bank. John Cryan, der die Bank fast drei Jahre lang führte, wird seinen Hut nehmen und das Unternehmen Ende April verlassen.

Sewing: "Eigengewächs" der Deutschen Bank

In seiner Sitzung am Sonntagabend, die bis in die Nacht hinein dauerte, hat der Aufsichtsrat Sewing zwei neue Vize-Chefs an die Seite gestellt: Garth Ritchie und Karl von Rohr. Marcus Schenck, bislang an der Seite von Garth Ritchie für die Leitung der Unternehmens- und Investmentbank zuständig, wird ebenfalls aus dem Unternehmen ausscheiden. Er galt als einer der aussichtsreichen Kandidaten für die Spitzenposition der Deutschen Bank.

Der als bodenständig geltende Christian Sewing aus Westfalen ist sozusagen ein Eigengewächs: Er hat mit einer Ausbildung zum Bankkaufmann in einer Bielefelder Filiale der Bank angefangen. Abgesehen von einem kurzen Zwischenspiel von zwei Jahren hat er stets für die Deutsche Bank gearbeitet. "Christian Sewing hat in seinen mehr als 25 Jahren bei der Deutschen Bank konstant bewiesen, dass er führungsstark ist und eine große Durchsetzungskraft hat", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner. "Der Aufsichtsrat ist überzeugt, dass es ihm und seinem Team gelingen wird, die Deutsche Bank erfolgreich in eine neue Ära zu führen."

Die neue "Umsetzungskraft"

Sewing ist 47 Jahre alt – vergleichsweise jung für den Chefposten. Dafür hat er den Vorteil, auf Arbeitnehmerseite wohl gelitten zu sein. Das ist deswegen ein Vorteil, weil auf ihn eine Menge schwieriger Aufgaben warten. Es gilt, die Deutsche Bank mit ihren rund 100.000 Mitarbeitern wieder auf Kurs zu bringen. Seit Jahren versucht das Kreditinstitut, durch Umstrukturierungen wieder zur internationalen Konkurrenz aufzuschließen. Doch das erwies sich als schwieriger als gedacht.

In den knapp drei Jahren seiner Amtszeit hat sich John Cryan als Sanierer versucht – und konnte auch einige Erfolge vermelden. So wurden in seiner Amtszeit einige Rechtsstreitigkeiten ad acta gelegt. Offenbar war Cryan aber nicht erfolgreich oder schnell genug für den Aufsichtsratschef Paul Achleitner. John Cryan habe eine wichtige Rolle in der Bank gespielt, dafür zollte ihm der Aufsichtsrat Dank. Jedoch sei der Aufsichtsrat zu dem Schluss gekommen, dass es nun "eine neue Umsetzungskraft in der Führung" der Bank brauche, also einen neuen Macher.

Wenig Glanz im Aufsichtsrat

Dabei glänzt Paul Achleitner als Macher im Aufsichtsrat mit der neuen Besetzung der Führungskräfte der Deutschen Bank nicht sonderlich. In den Wochen zuvor sind immer wieder Meldungen hoch gekocht, die von der Kandidatensuche von Achleitner für einen neuen Deutsche-Bank-Chef im Ausland handelten. Achleitner bekam allerdings eine Reihe von Körben. Nun soll es das "Eigengewächs" richten. Beobachter sprechen davon, dass solche Vorgänge eigentlich hinter den Kulissen laufen sollten, und nicht auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit.

Jedenfalls ist wohl eine der drängendsten Aufgaben von Christian Sewing: Die Bank wieder konkurrenzfähig zu machen. Denn die Deutsche Bank hinkt ihren Konkurrenten deutlich hinterher: Sie musste für die vergangenen  drei Jahre ein ums andere Mal hohe Verluste verkünden, während andernorts die Gewinne sprudeln. Zuletzt stand unter dem Strich der Bilanz in Frankfurt eine Fehlsumme von fast einer Dreiviertel-Milliarde Euro.

Vertrauen verloren

Vor allem aber hat das Geldhaus an Vertrauen verloren: Mitarbeiter sind verunsichert, weil sie immer wieder mit Strategieänderungen konfrontiert waren und sind, in vielen Bereichen hat die Führung der Bank Stellenstreichungen durchgeführt oder angekündigt. Im Privatkundengeschäft – unter der Führung von Christian Sewing – hat die Bank rund 200 Filialen geschlossen und Tausende Jobs abgebaut. Bei der Integration der Postbank in die Deutsche Bank hat Sewing eine entscheidende Rolle gespielt.  Doch auch hier war die von oben verordnete Strategie sprunghaft: Versuchte die Führung unter Cryan zunächst, die Postbank wieder auszugliedern, so folgte ein Kursschwenk: Sie soll nun vollends mit dem Privatkundengeschäft der Deutschen Bank verschmelzen.

Spannend wird nun die Frage sein, was Sewing im Bereich des Investmentbankings vorhat. Das Investmentbanking hat entscheidend dazu beigetragen, die Deutsche Bank in ihren besten Jahren in die internationale Spitzenliga der Bankenbranche zu bringen. Allerdings sind überwiegend in diesem Bereich auch horrende Strafen entstanden: Die Bank musste mehrfach Milliarden bezahlen für Betrügereien und Manipulationen an den Finanzmärkten. Zuletzt stand das Investmentbanking erneut in der Kritik. Denn trotz des Verlustes von einer Dreiviertel-Milliarde Euro schütteten die Deutschbanker 2,3 Milliarden Euro an Boni aus – ein Großteil fließt in den Bereich des Investmentbankings, wo man mit den Zahlungen "gute" Leute bei der Stange halten will.

Viele Fragezeichen

Sewing machte im Laufe seiner Karriere auch Stationen im Risikomanagement und der internen Revision – bei diesen Tätigkeiten hat er einen guten Einblick ins Investmentbanking gewinnen können; das dürfte ihm nun helfen. Vertrauen allerdings muss er auch in einem anderen Bereich wieder gewinnen: Anleger können mit dem Sinkflug der Aktie und den immer neuen schlechten Nachrichten in den vergangenen Monaten nicht zufrieden sein. Die Papiere notieren knapp über 11 Euro – und haben sich einem Tiefpunkt angenähert, der 2016 erreicht wurde. Damals zweifelten angesichts neuer Milliardenstrafen Beobachter an der Überlebensfähigkeit der Bank.

Zuletzt hatte der Aktienkurs auch wegen der spärlichen Kommunikation der Bank und immer neuen Spekulationen über mögliche Nachfolger von John Cryan gelitten. Schließlich steht die Geduld von Aktionären auch deswegen auf der Probe, weil zeitgleich zu den 2,3 Milliarden Euro an Boni nur 230 Millionen Euro an Dividenden an die Aktionäre fließen sollen.

Nicht zuletzt die Warnung von verhaltenen Geschäften der Bank im ersten Quartal des Jahres hat den Aufsichtsrat wohl dazu bewogen, nun personell die Notbremse zu ziehen. Auch wenn John Cryan nichts dafür kann: Immerhin sind seine Nachfolge-Diskussionen nun vom Tisch. Die eigentliche Arbeit aber, die liegt noch vor dem neuen Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing.

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