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Hauptversammlung - Schelte für die Deutsche Börse

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Das Management der Deutschen Börse musste sich kritischer Fragen seitens ihrer Aktionäre stellen. Es geht um den Verdacht des Insiderhandels gegen den früheren Chef des Konzerns.

Hauptversammlung Deutsche Börse AG am 16.05.2018 in Frankfurt
Hauptversammlung Deutsche Börse AG
Quelle: imago

Die im vergangenen Jahr gescheiterte Fusion mit der Londoner Börse hat nicht nur ein Nachspiel. Soviel wurde auf der Hauptversammlung der Deutschen Börse in Frankfurt klar. Denn noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den früheren Chef des Unternehmens, Carsten Kengeter, wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Die Führungscrew des Konzerns musste sich deswegen – dies ein weiteres Nachspiel – scharfe Kritik seitens ihrer Aktionäre und Aktionärsvertreter anhören.

Entlastung für Kengeter verweigert

"Ein Ermittlungsverfahren gegen den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse wegen des Verdachts auf Insiderhandel, das ist in etwa so gravierend wie ein Ermittlungsverfahren gegen einen Vorstandsvorsitzenden einer deutschen Großbank wegen des Verdachts auf Herstellen und Verbreiten von Falschgeld", sagte etwa der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding. Folgerichtig verweigerten die anwesenden Aktionäre dem früheren Börsenchef, Carsten Kengeter, die Entlastung. Das hat zwar keine rechtlichen Folgen, ist aber ein deutliches Misstrauensvotum.

Was war geschehen? Im Frühjahr 2017 scheiterte der geplante Zusammenschluss zwischen der Deutschen Börse und dem Marktbetreiber in London, der London Stock Exchange. Im Zuge der Fusionsbemühungen allerdings war der frühere Chef des Unternehmens in den Verdacht des Insiderhandels geraten. Im Dezember 2015 hatte Kengeter 60.000 Deutsche-Börse Aktien im Wert von 4,5 Millionen Euro gekauft. Der Konzern packte noch einmal rund 70.000 Aktien oben drauf. Nur zwei Monate später gab die Unternehmensführung den geplanten Deal mit der Londoner Börse bekannt. Die Ermittler werfen Kengeter vor, dass er bereits im Sommer 2015 Gespräche über eine Fusion mit London geführt habe – also lange, bevor er die Aktien kaufte.

"Schlicht und einfach ein Skandal"

Dieser Verdacht auf Insiderhandel, so schimpfte Nieding weiter, sei "schlicht und einfach ein Skandal" – und der größte anzunehmende Unfall für das Unternehmens. Auf jeden Fall ein teurer Unfall. Denn allein für Anwälte bezahlte das Unternehmen im Zuge des Insiderverfahrens nach Angaben des Aufsichtsratschefs Joachim Faber 5,5 Millionen Euro. Die in Auftrage gegebenen Gutachten allerdings hätten den Verdacht auf Insiderhandel nicht bestätigt. Während einige kritischen Aktionäre auch den Rückzug des obersten Kontrolleurs der Deutschen Börse forderten, hielten andere ihm zu Gute, das Unternehmen in stürmischen Zeiten auf Kurs gehalten zu haben. Markus Kienle von der Schutzvereinigung der Kapitalanleger sagte beispielsweise, er keinen Grund, "an Faber ein Exempel zu statuieren". Und es wurde auch nicht statuiert: Faber enthielt die Entlastung und wurde wieder zum Chefkontrolleur gewählt.

Allerdings überschatteten die kritischen Einwürfe und Fragen der Aktionärsschützer den ersten Auftritt des neuen Börsenchefs, Theodor Weimer, in Frankfurt. Der hat sich seit seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres zur Aufgabe gesetzt, den Börsenbetreiber für die Zukunft fit zu machen. So will Weimer die Fixkosten des Unternehmens um jährlich 100 Millionen Euro senken. Zu diesen Sparmaßnahmen gehöre auch ein Abbau von Personal im Konzern – die Führungsriege mit eingeschlossen. Um die Deutsche Börse effizienter zu machen, würden rund 50 Stellen im Management wegfallen.

Börse weiter offen für Zukäufe

Ein Stellenabbau aber kostet zunächst Geld – etwa in Form von Abfindungen. Dafür kalkuliert der Börsenbetreiber für das laufende Geschäftsjahr rund 200 Millionen Euro Belastungen ein. Nach dem schwierigen Jahr 2017 sieht der Konzern langsam eine Besserung der Lage: Der Jahresbeginn habe zu mehr Schwankungen an den Börsen geführt – und von denen wiederum profitiert der Börsenbetreiber. "Im laufenden Jahr hat sich der Wind gedreht", zeigte sich Börsenchef Weimer zuversichtlich. "Wir profitieren von einem besseren Marktumfeld."

Nach der gescheiterten Fusion mit London schließlich peilt Weimer keine derart großen Fusionsversuche oder Übernahmen an, zeigt sich für kleinere Zukäufe aber offen. Keine Option seien für die Deutsche Börse allerdings Transaktionen, bei denen die Frankfurter nicht die Mehrheit halten oder bei denen der Sitz des Unternehmens nicht mehr in Hessen und damit in Deutschland liegen würde.

Künstliche Intelligenz als Zukunftsthema

Wachsen will die Börse in Zukunft vor allem in bestimmten Bereichen wie dem Anleihehandel, bei Energieprodukten oder auch Währungen. Dadurch soll der Gewinn in den nächsten Jahren jeweils im zweistelligen Prozentbereich steigen. Auch in neue Technologien will der Börsenbetreiber investieren. Hier seien es vor allem Bereiche und Technologien wie etwa Blockchain, große Datenanalysen oder Robotik und künstliche Intelligenz, in denen der Börsenbetreiber künftig führend sein will. Aus Aktionärssicht sind solche Pläne zu begrüßen; sie zeigen, dass die Börse nach dem turbulenten vergangenen Jahr unter ihrem neuen Chef nun die Zukunft des Unternehmens angehen will.

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