Sie sind hier:

Deutsche Regionen im Vergleich - Jede fünfte deutsche Region gefährdet

Datum:

"Ohne Netz, Geld und junge Menschen": Jede fünfte deutsche Region droht den Anschluss zu verlieren, so das Institut der Deutschen Wirtschaft. Es herrsche "akuter Handlungsbedarf".

Es sind nicht nur Regionen wie Ostthüringen, Südsachsen oder die Altmark, die Forschern mit Blick auf Wirtschaftsschwäche, Infrastrukturprobleme und Einwohnerschwund Sorgen machen, sondern auch viele westdeutsche Regionen wie etwa die Westpfalz, Duisburg/Essen oder Schleswig-Holstein Ost. Ganze 19 von insgesamt 96 sogenannten "Raumordnungsregionen" seien in Deutschland gefährdet, so lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern von vier deutschen Hochschulen.

Infografik: Wo die Zukunft in Gefahr ist | Deutschlands 19 am stärksten gefährdete Regionen in den Bereichen Wirtschaft, Demografie und Infrastruktur
Wo die Zukunft in Gefahr ist: Deutschlands 19 am stärksten gefährdete Regionen in den Bereichen Wirtschaft, Demografie und Infrastruktur.

Regionen mit größten Wirtschaftssorgen liegen in Westdeutschland

Die Schlusslichter im Wirtschaftsranking liegen in Westdeutschland. "Besonders düster" sieht es laut der am heutigen Donnerstag in Berlin veröffentlichten Studie vor allem in Duisburg/Essen, Emscher-Lippe und Bremerhaven aus. "Im Ruhrgebiet und in Bremerhaven geht es weiterhin darum, für eine hohe Anzahl Arbeitsloser den Anschluss an den Arbeitsmarkt zu ermöglichen", erklärte IW-Direktor Michael Hüther gegenüber heute.de.

Das Erzgebirge – ein idyllischer Landstrich unweit der tschechischen Grenze. Hier scheint die Welt in Ordnung. Doch die Region leidet unter der Abwanderung junger qualifizierter Menschen. Das Gefühl, abgehängt zu sein, führt bei vielen zu Frust.

Beitragslänge:
4 min
Datum:

Ausschlaggebend für die negative Bewertung sei auch "die wenig erbauliche Entwicklung der vergangenen Jahre", so Hüther: Trotz guter gesamtwirtschaftlicher Entwicklung habe sich die Situation in den "Verliererregionen" im Gegensatz zu den ostdeutschen Regionen nicht verbessert. In Bremerhaven seien zudem viele private Haushalte auffällig hoch überschuldet. Im Ruhrgebiet bereiteten die sehr hohen Kommunalschulden Sorge.

Jede fünfte Region in Gefahr, den Anschluss zu verlieren

Ostdeutschland hat indes vor allem ein sich verschärfendes Demografie-Problem: Der Studie zufolge weisen vor allem die Regionen Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, Lausitz-Spreewald, Oberlausitz-Niederschlesien sowie Ost- und Südthüringen ein hohes Durchschnittsalter der Bevölkerung auf, das in den vergangenen Jahren noch überproportional gestiegen sei. In der Folge müssten diese Regionen mit "erheblichen Anpassungs- und steigenden Versorgungskosten" zurechtkommen.

Infografik: Wo die Zukunft in Gefahr ist | Deutsche Regionen, die stark an Einwohnern verlieren
Wo die Zukunft in Gefahr ist: Deutsche Regionen, die stark an Einwohnern verlieren.

Bei der Infrastruktur sehen die Studienautoren deutschlandweit Probleme. Damit meinen die Forscher sowohl den Zustand des Schienennetzes als auch den schleppenden Ausbau des Breitband-Internets. Mit Blick auf die Summe der Indikatoren sieht das IW in gut jeder fünften Region in Deutschland "akuten Handlungsbedarf für die Politik, damit die Gebiete nicht den Anschluss verlieren".

Ökonomen: "Regionalpolitik muss dringend gegensteuern"

"Die Regionalpolitik muss jetzt dringend gegensteuern, sonst werden die gesellschaftlichen Spannungen zunehmen und es kann zu gefährlichen Abwärtsspiralen kommen", warnen Michael Hüther und Studienmitautor Jens Südekum, Wirtschaftsprofessor an der Universität Düsseldorf, in einer gemeinsamen Erklärung. Damit gehen sie auch auf ein Lebensgefühl ein, das viele Menschen in strukturschwachen Regionen beklagen: Im Vergleich zu prosperierenden Metropolen fühlen sie sich "abgehängt".

Infografik: Wo die Zukunft in Gefahr ist | Deutsche Regionen mit großen Infrastrukturproblemen
Wo die Zukunft in Gefahr ist: Deutsche Regionen mit großen Infrastrukturproblemen.

"Das Ziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse, also Entwicklungschancen und faire Teilhabemöglichkeiten für alle in Deutschland lebenden Menschen, unabhängig vom Wohnort, kann die Politik nicht aufgeben", sagt Hüther. Statt irgendwo die Lichter auszuschalten, plädieren der IW-Direktor und Südekum dafür, die Kräfte in den gefährdeten Regionen zu stärken.

Ökonomen: "Schuldenerlasse für die Kommunen in Betracht ziehen"

"Eine kluge Regionalpolitik sollte den Kommunen die Möglichkeit geben, sich selbst zu helfen", sagt Südekum und Hüther denkt an kräftige Finanzspritzen für notleidende Kommunen. So sollten die Bundesländer "Schuldenerlasse für die Kommunen in Betracht ziehen, damit diese wieder handlungsfähig werden", schlägt Hüther vor. Er sieht die kommunale Handlungsfreiheit als eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche regionale Entwicklung.

Die betroffenen Länder sollten jene Gemeinden und Städte identifizieren, die sich nicht aus eigener Kraft von den Altlasten befreien könnten, so Hüther. Als Vorbild nennt er die "Hessenkasse", mit der das Bundesland Hessen im Dezember 2018 insgesamt 179 hessische Kommunen mit 4,1 Millionen Einwohnern von milliardenschweren Kassenkrediten befreit hat. Die hessische Landespolitik jedenfalls sieht sich mit diesem Pilotprojekt als Vorreiterin in Deutschland, um stark angeschlagene Regionen wieder zukunftsfähig zu machen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.