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Deutsche und die Heimat - "Viele haben Bedürfnis nach einem Mittelpunkt"

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Heimat? Das ist mehr als Trachtenvereine. Für die Anthropologin Barbara Krug-Richter führt die Globalisierung zu einer neuen Sehnsucht nach Heimat.

Gartenzwerg
Gartenzwerg auf einem Willkommensschild Quelle: imago

heute.de: Landzeitschriften boomen, gerade zu großen Fußballturnieren sieht man massenhaft Autos, die mit Schwarz, Rot, Gold geschmückt sind - und die Deutschlandfahne hat ihren Platz in vielen Vorgärten. Sehen wir aktuell eine neue Verbundenheit zu Deutschland - zur Heimat?

Barbara Krug-Richter: Die Verbundenheit ist nicht unbedingt neu, dass man sie so deutlich zeigt, hingegen schon. Und das ja nicht nur als Einzelperson - der Heimatbegriff funktioniert inzwischen ganz wunderbar als Branding in der Werbung. Und ja, bei den boomenden Zeitschriften über Landleben und ländlichen Wohnstil geht es neben der Sehnsucht nach Idylle und verloren gegangenem Kontakt zur Natur irgendwie auch um so etwas wie Heimat.

heute.de: Sehen wir da ein völlig neues Phänomen in Deutschland?

Krug-Richter: Ganz und gar nicht! Es gibt eine Menge Parallelen zu den Jahrzehnten um 1900. Damals spielte der Heimatbegriff ebenfalls eine sehr große Rolle, das zeigte sich beispielsweise in vielen neu gegründeten Heimatvereinen oder Heimatmuseen. Die Industrialisierung hatte ja auch sichtbare negative Seiten, zum Beispiel den Verlust von Natur und Traditionen.

Deshalb fing man an, Gegenstände aus der Alltagskultur und der Natur des ländlichen Raumes zu sammeln. Es war der Wunsch, sich Heimat zu bewahren. Und was damals die Industrialisierung war, ist heute die Globalisierung. Viele Menschen wollen aber nicht ständig mobil sein, sie haben das Bedürfnis nach einem Mittelpunkt, den man Heimat nennen kann.

heute.de: Aber war das denn nicht schon immer so?

Krug-Richter: Nein. Historisch war Heimat bis in das 19. Jahrhundert ein Rechtsbegriff. Heimat hatte zum Beispiel mit Besitz zu tun, das sogenannte Heimatrecht garantierte auch die Versorgung bei Armut und Krankheit durch die Heimatgemeinde. Die romantische Aufwertung, der Bezug zu sozialen Beziehungen und zur eigenen Kindheit, den wir heute mit Heimat verbinden, sind ein Produkt des 20. Jahrhunderts.

Diese Vielschichtigkeit macht es auch schwierig, den deutschen Begriff 'Heimat' in andere Sprachen zu übersetzen, zumal die Nationalsozialisten ihn in ihrer Blut- und Boden-Ideologie missbraucht hatten.

heute.de: Weshalb man sich lange nicht getraut hat, sich offen zu Heimatgefühlen zu bekennen?

Krug-Richter: Das spielte sicherlich eine ganz große Rolle, warum die Verwendung des Heimatbegriffs nach dem 2. Weltkrieg zunächst verpönt war.

heute.de: Und die Heimatfilme aus den 1950er Jahren?

Krug-Richter: Der Heimatfilm der 1950er Jahre war ja dafür da, den Menschen nach dem Krieg wieder Hoffnung zu geben. Die eigentliche kritische Auseinandersetzung mit einem belasteten Heimatbegriff kam dann später ab den 1960er Jahren.

heute.de: Was hat die Funkstille in Sachen Heimat dann wieder gebrochen?

Krug-Richter: Sicherlich hat da schon 1981 der Film 'Heimat' von Edgar Reiz eine Rolle gespielt. Da ging es nicht um süßliche Idylle, sondern um Heimat mit all ihren Facetten, den schönen und den hässlichen. Aber der große Wendepunkt war meines Erachtens 2006, das Fußball-Sommermärchen. Seitdem gehen wir in Deutschland wieder lockerer damit um, uns offen zur Heimat zu bekennen.

heute.de: Nun hängt dem Begriff Heimat ja dennoch irgendwie der Beigeschmack von Nationalismus oder einer gewissen Rückwärtsgewandtheit an. Oder sehen wir einen neuen Heimatbegriff?

Krug-Richter: Natürlich sehen wir in der Politik, am Stammtisch oder bei Kommentaren in sozialen Medien, dass der Heimatbegriff instrumentalisiert werden kann. Heimat beinhaltet immer Eingrenzung und in gewissem Maß auch Ausgrenzung. Aber generell scheint mir die Rückwärtsgewandtheit nicht mehr die Triebfeder beim Thema Heimat zu sein - und ebenso wenig der ländliche Raum. Das war so im ausgehenden 19. Jahrhundert, als man auf das schaute, was man verloren geglaubt hatte. Der moderne Begriff ist eher als Abgrenzung zur Globalisierung und vielleicht auch Digitalisierung zu sehen.

Was ist Heimat? Die Bedeutung ist sicherlich für jeden eine andere. Um den Begriff mit Leben zu füllen und wie man Menschen hierzulande für ihre Heimat begeistern kann, wird morgen auf dem ersten Heimatkongress in Münster diskutiert.

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heute.de: Und jetzt ja auch wieder politisch hoffähig, zum Beispiel in Form eines neuen Bundesministeriums für Heimat.

Krug-Richter: In Bayern oder Österreich war der Begriff in der Politik auch vorher schon hoffähig. Und als Bundespräsident Steinmeier in seiner letzten Rede zum Tag der deutschen Einheit die Heimat zum Thema gemacht hat, hat er ja drängende Fragen gestellt - zum Beispiel die nach dem Bedürfnis nach Heimat. Das war gut, denn wenn man dies nicht tut, wird man dem, was sich in Teilen der Gesellschaft abspielt, nicht gerecht.

heute.de: Stichwort Einwanderung - kann Deutschland für Menschen aus anderen Ländern eine Heimat werden?

Krug-Richter: Natürlich kann hier jemand seine neue Heimat finden. Menschen sind immer gewandert und in ursprünglich anderen Kulturen heimisch geworden. Das interessiert mich als Wissenschaftlerin auch ganz besonders: die Auseinandersetzungen im Kontext mit Fremden und wie sich Menschen beheimaten.

heute.de: Gibt es etwas, durch das man sich dennoch ein Stück ehemaliger Heimat bewahrt?

Krug-Richter: Auf jeden Fall, und zwar die Ernährungsgewohnheiten. Das sieht man auch deutlich hier im Saarland. Wir hatten ganz viel Arbeitsmigration, vor allem Italiener im Bergbau. Und viele der Mütter kochen noch immer rein italienisch. Essen ist ein wichtiges Stück Heimat.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse

Was macht eigentlich das Bayerische Heimatministerium? Kann es als Beispiel dienen für das geplante Berliner Pendant unter der Leitung Seehofers? Minister Söder fördert Breitbandausbau und ländlichen Raum und verlieh gerade den Heimatpreis in Ingolstadt.

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