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Konjunktur - Glas halbvoll oder halbleer?

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Die deutsche Wirtschaft ist im Sommerquartal leicht gewachsen. Damit ist sie knapp an einer Rezession vorbei geschrammt. Für Freudensprünge gibt es aber keinen Grund.

Archiv: Ein Containerschiff wird am Containerterminal Tollerort der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) am 08.11.2019 entladen.
Hafen in Hamburg
Quelle: dpa

Zur Abwechslung sind das mal erfreuliche Nachrichten: Im dritten Quartal dieses Jahres ist das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent leicht gestiegen. Das ist eine doppelt erfreuliche Nachricht. Zum einen ist es eine der wenigen Wirtschaftsnachrichten der vergangenen Wochen und Monate, die positiv ausfallen. Denn seit der zweiten Jahreshälfte 2018 haben sich die konjunkturellen Vorzeichen und Wirtschaftsdaten eher enttäuschend entwickelt. Zum anderen ist Deutschland damit dem Schreckgespenst einer Rezession - vorläufig - entgangen.

"Kein Grund zur Selbstzufriedenheit"

Von einer Rezession spricht man nach ökonomischer Definition, wenn die Wirtschaft eines Landes in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Das Vorquartal aber war ein genau solches, da ging das BIP nach aktuellen Berechnungen um 0,2 Prozent zurück. "Damit steht fest: Wir haben keine Rezession, auch keine technische Rezession", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im ZDF-Morgenmagazin. Für das Gesamtjahr sehen Experten und Forschungsinstitute für die hiesige Wirtschaft nun ein Wachstum von 0,5 Prozent voraus. Zum Aufatmen ist es nach Meinung der meisten Ökonomen dennoch zu früh.

Die heutigen Zahlen sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit.
Friedrich Heinemann, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

"Die heutigen Zahlen sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit", gibt etwa ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann zu bedenken. "Für Deutschlands Wohlergehen ist es unerheblich, ob das Quartalswachstum einen Hauch unter oder über der Nulllinie liegt. Sorgen muss vielmehr bereiten, dass die längerfristige Wachstumsperspektive Deutschlands absinkt."

Industrie schwächelt

Sorgen macht den Wirtschaftswissenschaftlern vor allem die deutsche Industrie. Angefangen von einem Absatzrückgang in der Autoindustrie leiden auch andere Schlüsselbranchen der hiesigen Industrie unter Auftragseinbrüchen. So rechnet beispielsweise der Verband Chemiebranche in diesem Jahr mit einem Produktionsrückgang von sechs Prozent. Die Nachfrage im Ausland ebenso wie die inländische seien schwach und gäben keine Wachstumsimpulse. Auch bei den Maschinenbauern in Deutschland stocken die Auftragseingänge. Beide Branchen leiden vor allem unter der Flaute in der Autoindustrie. Und beide Branchen sind zentral für die deutsche Wirtschaft - und deren Exporte.

Zwar legten die Ausfuhren hiesiger Unternehmen im letzten Quartal überraschend deutlich zu; sie haben damit dazu beigetragen, dass das BIP in diesem Zeitraum noch ein leicht positives Vorzeichen hatte. Doch das Wachstum in den ersten neun Monaten insgesamt liegt bei den Exporteuren nur bei einem Prozent - auch das also kein Polster, auf dem sich sorgenfrei ausruhen ließe.

Kriselnde Autobranche und Handelskonflikte

"Der Handelskonflikt ist nicht weg", sagte ING-Chefvolswirt Carsten Brzeski. "Von daher macht diese Schwalbe bei den Exporten der deutschen Industrie im dritten Quartal leider noch keinen Konjunktur-Sommer." In der Tat sehen die meisten Ökonomen wie Carsten Brzeski eines der Hauptprobleme der weltweiten Konjunktur in der Unsicherheit, die durch die Handelskonflikte entstanden ist. Jüngste Daten aus China haben gezeigt, dass dort erhebliche Bremsspuren festzustellen sind. Und die wiederum wirken sich ziemlich direkt auf die deutschen Exporteure vor allem in der Autoindustrie aus. Denn China ist deren wichtigster Absatz- und Wachstumsmarkt.

Eine nachhaltige Besserung der Gesamtlage sei nicht in Sicht, meint deswegen auch der Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment, Jörg Zeuner. "Allenfalls eine weitere Stabilisierung. Die Ursachen der Wachstumsschwäche - der Handelskrieg, der Brexit und die Krise der Automobilindustrie - werden uns auch 2020 in Atem halten."

Glas halbvoll oder halbleer?

Auf der positiven Seite der wirtschaftlichen Gleichung jedenfalls steht derzeit die nach wie vor boomende Baubranche und der private Konsum. Beide erweisen sich als noch ziemlich verlässliche Stützen. Auf Seite der Verbraucher heizen unter anderem niedrige Arbeitslosenzahlen und tendenziell steigende Löhne den Konsum im Durchschnitt an. Allerdings: Je länger die Konjunktur schwächelt, desto mehr werden sich wohl auch die Konsumenten zurückhalten. Im November verzeichneten die Konsumforscher der GfK das niedrigste Konsumklima seit dem Herbst 2016.

Volkswirte sehen aus all diesen Gründen keine großen Sprünge der Wirtschaft voraus. Nach einem langen Aufschwung von rund einem Jahrzehnt ist diesem langsam die Puste ausgegangen. Ob sich die Abschwächung des Wachstums weiter fortsetzt oder eine zumindest leichte Erholung einsetzt, das wagen die Wenigsten zu prognostizieren. Anders formuliert: Ob das Glas der Konjunktur halbvoll oder halbleer ist, diese Frage wird man erst im Nachhinein, vielleicht im kommenden Jahr klären können.

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