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BIP gesunken - Warum wächst die deutsche Wirtschaft weniger?

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Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal erstmals seit Anfang 2015 wieder geschrumpft. Warum verliert sie auf einmal an Tempo? Ein Überblick.

Auch für 2019 rechnen viele Unternehmen mit besseren Geschäften. Bei den exportorientierten Branchen aber steigt die Skepsis.
Auch für 2019 rechnen viele Unternehmen mit besseren Geschäften. Bei den exportorientierten Branchen aber steigt die Skepsis.
Quelle: ap

Das Bruttoinlandsprodukt sank gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt an diesem Mittwoch in einer ersten Schätzung in Wiesbaden mitteilte. Es war der erste Rückgang seit dem ersten Quartal 2015.

Nach Einschätzung von Ökonomen hat unter anderem die für Deutschland so wichtige Autoindustrie die Konjunktur von Juli bis September ausgebremst. Grund ist der neue Abgas-Prüfstandard (WLTP) für Autos, der seit September in der EU gilt. "Deutsche Hersteller haben das neue Prüfverfahren nicht rechtzeitig für alle Fahrzeugtypen durchlaufen und mussten daher die Produktion im dritten Quartal drosseln", erläuterte das Institut für Weltwirtschaft (IfW) jüngst.

Was belastet das Wirtschaftswachstum zusätzlich?

Die Abkühlung der Exporte im dritten Quartal war fast greifbar.
Holger Bingmann, BGA

Auch ohne den Auto-Effekt hätte sich die Konjunktur Volkswirten zufolge wohl abgeschwächt. Denn die Exportnation Deutschland leidet unter schwächerer Nachfrage nach Produkten "Made in Germany". Die vor allem von den USA angeheizten Handelskonflikte schlagen zunehmend durch. "Die Abkühlung der Exporte im dritten Quartal war fast greifbar", beschreibt der Präsident des Außenhandelsverbandes (BGA), Holger Bingmann, die Lage. Aus Sicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) drohen der Weltwirtschaft wegen der aggressiven Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump deutlich trübere Zeiten.

Droht Deutschland jetzt eine Rezession?

Im vierten Quartal wird die deutsche Wirtschaft alleine schon deshalb wieder zulegen, weil die Auto-Produzenten ihre Produktion allmählich wieder hochfahren dürften.
Ralph Solveen, Commerzbank-Experte

Nach gängiger Definition ist von einer Rezession die Rede, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt. Mit einem derartigen Einbruch rechnen Ökonomen bislang nicht. "Im vierten Quartal wird die deutsche Wirtschaft alleine schon deshalb wieder zulegen, weil die Auto-Produzenten ihre Produktion allmählich wieder hochfahren dürften", argumentiert Commerzbank-Experte Ralph Solveen.

Stefan Kooths, Leiter des IfW Prognosezentrums verweist unter anderem auf die nach wie vor gut gefüllten Auftragsbücher der Unternehmen. "Für das Schlussquartal rechnen wir daher mit einem deutlichen Wiederanziehen der Wirtschaftsleistung." Auch die Wirtschaftsweisen sehen keine "akute Gefahr" einer Rezession.

Was trägt die deutsche Wirtschaft?

Es ist vor allem der Konsum der Verbraucher, der die deutsche Wirtschaft am Laufen hält. "Die Stimmung der Konsumenten ist nicht zuletzt wegen des exzellenten Arbeitsmarktes und deutlicher Lohnzuwächse weiterhin auf sehr hohem Niveau", argumentieren Ökonomen der Deutschen Bank. "Offenbar unbeeindruckt von externen Risiken wie Handelskonflikt und Brexit sind die Konsumenten bereit, ihr Geld auszugeben", heißt es in der jüngsten Konsumklimastudie des Nürnberger Marktforschers GfK. Denn Sparen sei angesichts extrem niedriger Zinsen nach wie vor keine attraktive Alternative.

Was belastet die Aussichten für die deutsche Wirtschaft?

Sorgen bereiten die internationalen Handelskonflikte. Die Streitigkeiten zwischen den USA und China drücken bereits das Wachstum der wichtigen chinesischen Volkswirtschaft. Deutsche Exporteure, Autobauer und andere Investoren müssen sich auf magerere Zeiten im Reich der Mitte einstellen. China ist ein wichtiger Markt für Waren "Made in Germany". Hinzu kommen die Unwägbarkeiten des Brexits sowie die Schuldenpolitik des Eurolandes Italien, die zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen könnte.

Wie geht es weiter?

Unserer Einschätzung nach wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, aber mit vermindertem Wachstumstempo.
Christoph M. Schmidt, Chef des Beratergremiums der Bundesregierung

Das hohe Tempo des Boomjahres 2017 wird Europas größte Volkswirtschaft wohl nicht halten können. Wirtschaftsweise, Wirtschaftsforschungsinstitute, internationale Organisationen sowie die Bundesregierung senkten zuletzt ihre Konjunkturprognosen für dieses und das kommende Jahr auf teilweise deutlich unter zwei Prozent. 2017 war die deutsche Wirtschaft noch kräftig um 2,2 Prozent gewachsen. "Die Sorgen werden größer", argumentiert der Hauptgeschäftsführer des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Martin Wansleben. Vor allem der Export büße an Schubkraft ein. "Unserer Einschätzung nach wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, aber mit vermindertem Wachstumstempo", sagte Christoph M. Schmidt, Chef des Beratergremiums der Bundesregierung jüngst. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater weist zudem darauf hin, dass eine gewisse Abkühlung normal ist: "Nicht vergessen darf man aber auch, dass die Konjunktur ohnehin nach vielen kräftigen Jahren etwas an Fahrt verliert und dass die Notenbanken langsam auf die Bremse treten."

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