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Deutscher Arzt in Kurden-Region - "In welchem Jahrhundert leben wir?"

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Der Arzt Gerhard Trabert ist unlängst von einer Hilfsmission in dem kurdischen Teil Nordsyriens zurückgekehrt. Im heute.de-Interview formuliert er klare Forderungen an Deutschland.

Archiv: Kinder essen auf dem Hof vor ihrem Zuhause in einem Ort in der Provinz Daraa, Syrien, aufgenommen am 11.07.2018
Viele Kinder in Syrien sind auf Hilfe angewiesen. Dr. Gerhard Trabert ist nach Syrien gereist, um zu helfen.
Quelle: dpa

heute.de: Sie waren im kurdischen Teil von Nord-Syrien unterwegs. Wie geht es den Menschen dort?

Gerhard Trabert: Auch in Syrien macht die Hitze den Menschen zu schaffen, selbst wenn sie heiße Temperaturen gewohnt sind. Der Norden Syriens gilt als Kornkammer des Landes. Durch den extrem heißen Sommer sind die Erträge aber um bis zu 70 Prozent zurückgegangen. Noch gibt es genügend Nahrung, aber der Verlust der Ernte könnte sich bald bemerkbar machen.

heute.de: Woran mangelt es am meisten?

Trabert: Als Arzt macht mich die schlechte medizinische Versorgung betroffen. Der IS, Assad und Erdogan haben humanitäre Einrichtungen wie Krankenhäuser gezielt angegriffen, um den Menschen jegliche Hoffnung zu nehmen. Dies ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Viele Menschen, insbesondere Kinder, sterben aufgrund fehlender Medikamente, medizinischer Apparate und chirurgischer Operationsmöglichkeiten.  Und viele Kinder werden an den Folgeschäden von Thalassämie sterben. Das ist eine Krankheit, die in Deutschland wenig bekannt ist.

heute.de: Was ist das für eine Krankheit?

Trabert: Viele Kinder leiden unter einem Gendefekt. Sie produzieren zu wenige funktionsfähige rote Blutzellen. Das können Bluttransfusionen ausgleichen. Aber die Kinder nehmen dabei viel zu viel Eisen auf. Die Eisen-Einlagerungen zerstören die inneren Organe. Die Kinder werden deshalb in 15 bis 20 Jahren sterben. Es gibt bei uns Medikamente, die das Eisen aus dem Körper eliminieren. Aber die sind teuer - und fehlen in Syrien.

zur Person

heute.de: Was macht die Perspektivlosigkeit mit den Menschen?

Trabert: Ich erlebe die Menschen enttäuscht, traumatisiert - aber dennoch nicht frustriert. Die Kurden und die vielen anderen friedlich zusammenlebenden Ethnien haben meinen größten Respekt. Sie haben so viel verloren - und sehen trotzdem positiv in die Zukunft. Sie haben eine basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut und leben Mitbestimmung. Sie sind für jede Form der Unterstützung dankbar. Und sie hoffen auf eine weitere Präsenz der US-amerikanischen Streitkräfte, denn sie trauen weder Assad noch Erdogan.

heute.de: Wie erklären Sie sich den Optimismus?

Trabert: Die Menschen sind pragmatisch und wissen, sie müssen nach vorne schauen. Ich habe in Syrien erlebt, was "Not macht erfinderisch" bedeutet: Die Menschen bauen nicht einfach ein paar Krankenhausmauern, sondern gestalten aus kaputten Fliesen ein Mosaik. Sie legen großen Wert auf Ästhetik. Sie sagen: Wir haben so viel Leid erfahren müssen, da möchten wir ein wertschätzendes Wohnambiente schaffen. Die Decke im Rehazentrum ist ein Himmel mit Wolken und Vögeln.

heute.de: Die Kurdenregion droht zwischen Assad und Erdogan zerrieben zu werden. Wie erleben Sie das?

Trabert: Mit einer großen Unsicherheit der Menschen. Dabei steckt in der Region so viel Potential. Es ist eine relativ moderne Gesellschaft, die sehr demokratisch organisiert ist. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Manche Frauen tragen Kopftuch, viele sind aber westlich gekleidet. Es gibt ein Räte-System, in dem nicht nur Kurden, sondern auch andere Ethnien und Religionen vertreten sind. Selbst in den Flüchtlingslagern wird Demokratie gelebt. Viele Teile der Camps sind selbstverwaltet. Ich habe selten so saubere Lager gesehen wie hier.

heute.de: Malen Sie nicht ein zu blumiges Bild von der Kurdenregion?

Trabert: Ich sehe vieles kritisch, etwa die Kooperation mit Assad. Die Kurden sehen sich von Feinden umzingelt und klammern sich deswegen an ein Verhältnis des gegenseitigen Duldens mit dem starken Mann Assad. In meinen Augen ist das aber ein Pakt mit dem Teufel. Und mich befremdet der Personenkult um den PKK-Mann Öcalan. Andererseits: Was bleibt ihnen übrig? Die Kurden haben jahrelang gegen den IS gekämpft. Und zum Dank behauptet Erdogan, sie seien Terroristen.

Hintergrund

heute.de: Wenn Sie nicht Arzt wären, sondern Politikberater - was würden Sie der Kanzlerin raten?

Trabert: Das Embargo muss sofort aufgehoben werden. Derzeit werden Hilfslieferungen nur mit dem offiziellen Regime, also mit Assad, koordiniert und durchgeführt. Diese Hilfe kommt aber nur selten, oft überhaupt nicht in Nordsyrien an. Hilfssendungen müssen direkt in die Rojava-Region möglich sein. Wir müssen die demokratischen kurdischen Kräfte stärken. Und wir können nicht akzeptieren, dass die Türkei mit deutschen Leopard-Panzern der Zivilbevölkerung Schaden zufügt.

heute.de: In Deutschland kümmern Sie sich um Obdachlose. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie mit solch unterschiedlichen Formen von Armut konfrontiert sind?

Trabert: Ich höre oft, die Armut in Deutschland sei keine richtige Armut. Das stimmt so nicht. Armut darf nicht gegen Armut ausgespielt werden. In Syrien ist die Armut existenziell. Es gibt Anschläge, es fehlt an Gesundheitsversorgung. Aber auch vielen armen Menschen in Deutschland geht es dreckig. Sie haben das Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Bei uns bringen sich Arbeitslose 20 Mal häufiger um als Erwerbstätige. Es gibt das Sprichwort: 'In Afrika verhungern die Menschen körperlich und bei uns psychisch.' Da ist was dran.

heute.de: Während Sie in Syrien Ihr Leben riskieren, sprechen CSU-Politiker von "Asyltourismus". Was sagen Sie dazu?

Trabert: Mich entsetzt diese Sprache. Die Basis, das Fundament europäischer Staaten sind die Menschenrechte, ist gelebte Humanität. Diese Grundsätze von Menschlichkeit scheinen für die politisch Verantwortlichen in Europa immer weniger von Bedeutung zu sein. Ich kann nicht verstehen, warum Politiker in einem solchen reichen Land wie Deutschland solche Stigmatisierungen propagieren. Eigentlich wäre ich nächste Woche bei der zivilen Seenotrettung als Arzt engagiert.

heute.de: Warum scheitert Ihr Einsatz?

Trabert: Das Schiff 'Sea Watch 3' wird rechtswidrig auf Malta im Hafen von Valetta festgehalten. Währenddessen ertrinken Hunderte von Menschen im Mittelmeer. Die Selbstzufriedenheit in Deutschland stört mich sehr, nach dem Motto: Das Flüchtlingsproblem ist gelöst, wenn keine Flüchtlinge mehr nach Deutschland kommen. Deren Not und Leid, deren Tod findet weiterhin statt, aber unter Ausschluss der reichen Europäer.

heute.de: Haben Sie das Gefühl, die Menschen in Syrien wollen nach wie vor nach Europa?

Trabert: Nein, im Gegenteil. Die Menschen wollen in ihrer Heimat bleiben und ein friedliches Leben führen. Für unser Hilfsprojekt arbeitet ein syrischer Arzt von Deutschland aus. Er fliegt immer für ein paar Monate in seine Heimat. Er würde am liebsten wieder ganz nach Syrien ziehen - aber er hat Angst um seine Familie. Das kann ich verstehen. Ich habe so viele verängstigte, traumatisierte Kinder gesehen. Mich macht es betroffen und wütend, dass wir beim Familiennachzug nicht großzügiger sind. Wir könnten viel mehr an Hilfe leisten, wenn wir wollten!

heute.de: Ihre Hilfe ist wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Kommen Sie sich manchmal vor wie Sisyphos?

Trabert: Ein Tropfen mit Signalwirkung.  Ich denke an die vielen herzlichen und authentischen Begegnungen. Und an die Hoffnung der Menschen. Deswegen war es unserem Verein 'Armut und Gesundheit' so wichtig, dass die Menschen im Norden Syriens einen Inkubator bekommen. Frühgeborene Babys, das sind die fragilsten Menschen überhaupt. Dass es nun wieder einen Inkubator gibt, der Leben retten kann: Das ist hoffentlich ein Mut machendes Zeichen für die Menschen in Syrien und eine Aufforderung zum Handeln für uns Privilegierte in Deutschland.  

Das Interview führte Raphael Rauch.

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