Sie sind hier:

Deutscher Buchpreis 2017 - Robert Menasse erhält Buchpreis für "Die Hauptstadt"

Datum:

Die EU ist ein kompliziertes Gebilde, und Robert Menasses "Die Hauptstadt" wirkt anfangs ähnlich verwirrend. Doch allmählich baut sich Spannung auf und den Leser packt die Neugier darauf, wie es wohl weitergeht. Der Österreicher wurde jetzt für seinen Roman mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Der "Roman des Jahres" kommt in diesem Jahr vom Autor Robert Menasse. Mit "Die Hauptstadt" setzte er sich gegen 200 Mitbewerber durch und kann sich nun über 25.000 Euro freuen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Der Senf ist pure Fiktion. Es gibt ihn nicht, den scharfen englischen und den süßen deutschen Senf, mit dem Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" beginnt, jedenfalls nicht in dem beschriebenen Supermarkt am Boulevard Anspach in Brüssel, und schon gar nicht in Tuben. 14 Sorten bietet die - sehr wohl existierende - Filiale feil: alle in Gläsern, und keine deutsche oder englische Sorte dabei. Menasse aber braucht den Tubensenf für die winzigen Hundekot-Skulpturen auf dem Teller des EU-Beamten Martin Susman, dessen Bratwurst zu Anfang in der Pfanne verbrennt.

Verwobene Erzählstränge

Sieben Figuren führt der Autor allein auf den ersten fünf Seiten seines neuen Romans ein, dann kommt die Szene mit dem Senf - und es bleibt vorläufig unübersichtlich. "Die Hauptstadt" wimmelt von verschiedenen Erzählsträngen und Charakteren, deren mögliche Beziehung zueinander der Leser erst allmählich erahnt - und mit zunehmender Spannung verfolgt. Nach und nach verwebt Menasse diese Fäden zu einem Bild der Europäischen Union, das die Hilflosigkeit und heillose Verstrickung des EU-Systems deutlich macht.

Ein Killer im Auftrag der katholischen Kirche, ein Schweineproduzent im Sitzungssaal, die Ärmelhalter eines Brüsseler Karrierebeamten und ein Korrekturprogramm, das die Eitlen automatisch in Eliten umwandelt - all das gehört bei Menasse zusammen. Ebenso wie das "Nie wieder Auschwitz", das als Fundament der europäischen Einigung allmählich in Vergessenheit gerät, während die Mitläufer des "Weiter so!" im ungebrochenen Nationalismus zu Wegbereitern eines "Wieder so!" werden könnten.

Fortsetzung folgt

"Die Hauptstadt" ist ein resolut europäischer Roman, der Fehlfunktionen der Europäischen Kommission schonungslos der Lächerlichkeit preisgibt. Der Wiener Autor kombiniert dafür präzise Brüsseler Ortskenntnis mit inhaltlichem Erfindungsreichtum. Von der Senfauswahl im Supermarkt bis zum Zeitpunkt der tödlichen Explosion in der Metrostation Maelbeek lässt sein Buch die Fakten hinter sich, um die europäische Wirklichkeit wohl wahrhaftiger und jedenfalls anschaulicher zu beschreiben, als alle Sitzungsprotokolle und Festschriften dies vermögen.

Zu viel für einen Roman von 459 Seiten? Vielleicht, aber auf jeden Fall hat der Roman die Jury des Deutschen Buchpreises überzeugt. Das Buch sei "ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt", begründete sie ihre Wahl des diesjährigen Preisträgers. Und man darf auf jeden Fall gespannt sein auf die versprochene Fortsetzung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.