Sie sind hier:

Deutscher Umweltpreis - "Frosch"-Unternehmer: Glaubwürdigkeit ist der Schlüssel

Datum:

Reinhard Schneider, Chef der "Frosch"-Firma Werner & Merz, erhält den Deutschen Umweltpreis. Im Interview spricht er über neue Flaschen aus Altplastik und das Vertrauen in Marken.

Reinhard Schneider (r.) mit Mitarbeitern im Mainzer Produktionszentrum von Werner & Mertz
Reinhard Schneider (r.) mit Mitarbeitern im Mainzer Produktionszentrum von Werner & Mertz
Quelle: dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht am heutigen Sonntag in Mannheim den mit 500.000 Euro dotierten Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt an den Chef der Mainzer Firma Werner & Merz - besser bekannt mit seinen Marken wie "Erdal", "Emsal" und "Frosch". Vor allem letztere steht für das Bemühen um nachhaltiges Wirtschaften, für das Reinhard Schneider nun ausgezeichnet wird.

heute.de: Was war der Auslöser für Ihre Nachhaltigkeitsstrategie?

Reinhard Schneider: Als mittelständisches Familienunternehmen kann und sollte man sich einen längeren Planungshorizont als börsenabhängige Konzerne leisten. Irgendwann möchte ich meinen Kindern ein Unternehmen übergeben, mit dem ich stolz die Frage beantworten kann, was denn jenseits wirtschaftlichen Überlebens der Beitrag für einen lebenswerten Planeten und die Erhaltung unserer natürlichen Ressourcen war. Wenn man sich auf das Thema Nachhaltigkeit einmal wirklich einlässt, entdeckt man immer neue Umsetzungsfacetten, die am Ende zu einer ganzheitlich gelebten Haltung führen. Damit das Vertrauen des Konsumenten zu gewinnen, betrachte ich als wichtiges Ziel und als eine enorme Chance, die Nachhaltigkeit aus einer elitären Nische hinaus ohne "faule" Kompromisse mehrheitsfähig zu machen. 

heute.de: War es schwer, Ihre Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen umzusetzen? Wie viele Jahre hat die Umsetzung gedauert?

Schneider: Anfänglich wurde wie bei jedem neuen Weg die Frage gestellt, wo uns das denn hinführen solle, ob das jemals jemand anerkennen würde und ob das wirtschaftlich tragbar sei. Gerade in Zeiten, in denen auch bei Konsumgütern "jeder alles" behauptet, schwindet das Vertrauen in Marken. Das führt oft dazu, dass am Ende nur noch der Preis zählt und tatsächliche Nachhaltigkeit zu teuer scheint.

Glaubwürdigkeit über eine umfängliche klare Haltung aufzubauen und zu pflegen, scheint in diesem Kontext fast altmodisch, aber ich bin überzeugt, dass dies der Schlüssel ist für die Bereitschaft des Durchschnittsverbrauchers, für Ressourcenschonung ein paar Cent mehr zu bezahlen. Dieser Weg ist durchaus anspruchsvoll und hat bei uns 20 Jahre gedauert.

heute.de: Stichwort Kreislaufwirtschaft: Die Industrie behauptet immer wieder, dass sie im Bereich Plastikabfall technisch äußert schwierig und teuer sei. Was setzen Sie dieser Behauptung entgegen?

Schneider: Die Mehrkosten eines hochwertigen Plastikrecyclings sind tatsächlich nur vorübergehend. Unser Beispiel: Wir haben mittlerweile über 310 Millionen Kunststoffverpackungen aus 100 Prozent Recyclat hergestellt. Damit haben wir die Qualitätsmachbarkeit und die hohe Akzeptanz beim Verbraucher bereits bewiesen. Die Mehrkosten gegenüber Rohölplastik begründen sich hauptsächlich in der immer noch relativ geringen Auslastung der kapitalintensiven neuen Sortiertechnologie. Das heißt, wenn die Nachfrage der Hersteller nach Recyclat aus dem neuen Verfahren wächst, dann sinken die Stückkosten, zumal dieses Recycling über 60 Prozent der Energie einspart im Vergleich zur Herstellung von Neuware aus Erdöl. Leider hat die Tatsache, dass wir diese neuen Technologien größtenteils als open innovation anderen zur Verfügung stellen, noch nicht dazu geführt, dass große Hersteller bereit wären, diese vorübergehenden Mehrkosten in Kauf zu nehmen. Hier wäre die Politik gefordert, die Preisschwelle zu verringern durch Incentivierungen, die zwar in Verpackungsgesetz angedacht sind, in der Praxis aber derzeit nicht stattfinden.

heute.de: Das in Ihrem Unternehmen angewendete Plastikrecycling-Verfahren ist eine richtungsweisende Innovation - was ist das Besondere daran?  

Schneider: Wir können in Qualität und Menge den Kreislauf sehr weitgehend schließen und benötigen dabei nur die geringe Energiemenge, die - um einen Vergleich zu machen - für die Kreislaufführung von Mehrweg-Getränkepfandflaschen nötig ist. Das heißt in Kombination von Qualität, geringen Mengenverlust und Energieeinsparung ist unser Verfahren unschlagbar und hat daher ein Großteil der Nachhaltigkeitspreise der europäischen Verpackungsbranche gewinnen können. 

heute.de: Ließen sich mit Hilfe des neu entwickelten Verfahrens auch Lebensmittelverpackungen herstellen?

Schneider: Ich gebe zu, dass ich ein bisschen stolz darauf bin, dass wir weltweit die ersten sind, die aus 100 Prozent Altplastik aus der haushaltnahen Müllsammlung (Gelber Sack) eine offiziell kosmetikkonforme Flasche herstellen konnten, die übrigens qualitativ von den Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht von Neuware Plastik unterschieden werden kann.

Der nächste Schritt wäre die Freigabe des Materials für Lebensmittelverpackungen. Nach den strengen Kriterien der amerikanischen food & drug administration (FDA) sind wir mit unseren derzeitigen PET Recyclat-Flaschen bereits jetzt lebensmitteltauglich. Leider überprüft die in Europa zuständige Behörde EFSA (European Food Safety Authority) – anders als die amerikanischen  Kollegen – nicht die Qualität des Materials, sondern verbietet pauschal die Verwendung von mehr als fünf Prozent Altplastik aus dem Gelben Sack für Lebensmittelverpackungen. Das entspricht den technischen Machbarkeiten der 90er.

heute.de: Werden große Plastik-Hersteller für Verpackungen nachziehen, das heißt, könnte Ihre Innovation adaptiert werden oder gibt es Hemmnisse?

Wir fühlen uns bestätigt.
Reinhard Schneider

Schneider: Mittlerweile haben wir durch unsere Initiative eine Knowhow-Plattform geschaffen, bei der eine wachsende Anzahl von Kooperationspartnern ihre eigenen Recycling-Innovationen für einen sogar branchenübergreifenden Roll-out zur Verfügung stellt. Das hat uns ermöglicht, die vier gängigen Verpackungskunststoffarten (PET, HDPE, PP, LDPE) jetzt schon komplett im Kreislauf zu führen. Das entscheidende Hemmnis für Mitmacher ist die verlockende Vielfalt von alternativen PR-Konzepten, bei denen Verfahren, wie zum Beispiel die Pyrolyse propagiert werden, die nach Expertenmeinung zwar nachteilig in Bezug auf Energieeinsatz und Wertstoffverluste sind, aber derzeit große Lobbyunterstützung von Großkonzernen der Erdölbranche erfahren. Solange die Plastikhersteller den Eindruck haben, ihre PR-Ziele mit diesen vermeintlichen Abkürzungen "billiger" erreichen zu können, wird unser preisgekrönter Ansatz nicht übernommen.

heute.de: Spornt Sie der Deutsche Umweltpreis an, noch mehr Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen zu etablieren?

Schneider: Wir fühlen uns bestätigt in unserem Streben, dem erheblichen Beharrungsvermögen der Kunststoffbranche konsequent entgegen zu treten, zumal es den Großen unserer Branche zunehmend schwer fällt, unseren Ansatz immer wieder klein zu reden. 

Das Interview führte Christine Elsner aus der ZDF-Umweltredaktion.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.