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Gegen Jugendarbeitslosigkeit - Frankreich setzt auf duales System

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Überdurchschnittlich viele Jugendliche in Frankreich sind arbeitslos. Mit der Einführung eines dualen Systems nach deutschem Vorbild erzielt die Regierung jetzt erste Erfolge.

Archiv: Arbeitslose am 26.03.2013 in Marseille
Frankreich will neue Wege gehen, um die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen zu senken.
Quelle: reuters

Trotz wirtschaftlicher Stärke hat Frankreich seit Jahren mit einer hohen Jugendarbeitslosenquote zu kämpfen. Im Jahr 2019 liegt das Land im EU-Mitgliedsstaatenvergleich mit 19,2 Prozent auf Platz 6 der Länder mit den meisten Erwerbslosen zwischen 15 und 24 Jahren. Deutschland dagegen liegt mit 5,7 Prozent deutlich weiter hinten, auf Platz 29.

Doch seit einiger Zeit bewegt sich etwas auf dem französischen Arbeitsmarkt: Die Zahl der Auszubildenden ist stark angestiegen. Und damit wächst die Hoffnung, durch vermehrt praktische Ausbildungen - wie sie in Deutschland schon länger Standard sind - die Jugendarbeitslosigkeit zu senken.

Nachdem es weder zur Regierungszeit von Nicolas Sarkozy noch zu der von François Hollande in dieser Hinsicht Fortschritte gab, lag die Hoffnung auf Emmanuel Macron. Der französische Präsident hatte während seiner Wahlkampagne 2017 versprochen, durch Reformen den Arbeitsmarkt zu verändern und in dem Zuge auch die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Und es zeichnen sich erste Erfolge ab.

Bildungssystem und Arbeitsmarkt bisher wenige verzahnt

Die Wurzeln des Problems liegen tief im französischen Bildungssystem verankert. Dominik Grillmayer, Politikwissenschaftler am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg erklärt, dass die Jugendarbeitslosenquote trotz positiver Konjunkturwechsel seit den 80er Jahren nie unter 15 Prozent lag. "Es gab einfach ein strukturelles Problem bei der Arbeitslosigkeit von Jugendlichen. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass Ausbildungssystem und Arbeitsmarkt unzureichend verzahnt sind, beziehungsweise waren. Man wird sehen in wieweit sich das jetzt ändert. (…) Aber man hat von staatlicher Seite versucht, sich diesen Problemen zu widmen, sie anzupacken."

In Frankreich geht der traditionelle Weg in den Beruf über ein Studium, praktische Ausbildungen genossen lange kein hohes Ansehen in der Gesellschaft und wurden kaum gefördert. Das will Macron mit seiner Regierung ändern.

Ausbildungen künftig wertschätzen

Zur Förderung des Ausbildungssystems hat Frankreich immer wieder den Blick nach Deutschland gerichtet. Die Hoffnung liegt im dualen System, das die französische Regierung etablieren will. Ein erster Schritt ist getan: Im September 2018 wurde unter Arbeitsministerin Muriel Pénicaud eine Reform des Arbeitsrechts verabschiedet. Das Ziel ist die Liberalisierung der Arbeitsverträge und eine grundlegende Änderung der Modalitäten der Ausbildung.

Dazu zählen finanzielle Unterstützungen wie Gehaltserhöhungen der Auszubildenden oder die Einführung einer staatlichen Hilfe von 500 Euro beim Führerscheinerwerb. Da im zentralisierten Frankreich die Mobilität für junge Menschen in ländlichen Regionen eine große Rolle spielt, kann dies ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Auch die Wiedereinführung einer Testphase, in der junge Leute in Ausbildungen reinschnuppern können, sowie die Schaffung von über 500 zusätzlichen Ausbildungszentren sind Teil der Reform.

Zahl der Azubis steigt

Das im Januar dieses Jahres eingeführte Pénicaud-Gesetz wird auch "Gesetz zur freien Wahl der beruflichen Zukunft" genannt. Die Bilanz der Arbeitsministerin ist positiv: "Seit einem Jahr haben wir 40 Prozent mehr Bewerber auf Ausbildungsstellen, das ist neu. Wir hatten noch nie zuvor so viele Auszubildende in Frankreich wie derzeit, es sind insgesamt 458.000."

Politologe Dominik Grillmayer fordert zudem einen Mentalitätswandel, sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Unternehmern. Eine Berufsausbildung sollte nicht länger als letzte Chance für die, die es anders nicht geschafft haben, angesehen werden. Auch müssten sich die Unternehmen ihrer Verantwortung bewusst werden. Das Elitensystem müsse sich reformieren und das Ansehen und die Wertschätzung der praktischen Ausbildungen in der französischen Gesellschaft wachsen.

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