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Deutschland-Bilanz - Frau sein wiegt schwerer, als ostdeutsch sein

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Ostdeutsche schaffen es selten ganz nach oben. Der Thüringerin Hiltrud Werner ist es trotzdem gelungen: Wie hat sie es bis in den VW-Vorstand gebracht?

Hiltrud Werner
Hiltrud Werner. Ihr Erfolgsrezept: Sich früh auf eine Branche festlegen, mobil bleiben, lebenslanges Lernen und ein dickes Fell.
Quelle: ZDF

Hiltrud Werner greift sich das Mikro und gibt die Reiseleiterin, die ihre Mitarbeiter durch den Dieselskandal lotst: "Wir fahren, sprich, es geht vorwärts!", ruft sie energisch. Etwa 50 VW-Mitarbeiter fahren mit ihr im sogenannten "Integritätsbus" eine gute Stunde übers Wolfsburger Werksgelände. Im geschützten Raum darf jeder der Vorstandsfrauen jede Frage stellen. Werner ist im Konzern zuständig für Integrität und Recht, mitverantwortlich dafür, VW durch "das schwierigste Jahr aller Zeiten" zu führen, so hat sie es selbst gesagt. Die Mitarbeiter haben offenbar viele Fragen an ihre Vorstandsfrau, schon nach fünf Minuten müssen wir mit der Kamera aussteigen - Vertraulichkeit ist vereinbart.

Eine von vier Ostdeutschen unter 200 Dax-Vorständen

Hiltrud Werner ist in Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern geboren und im thüringischen Apolda großgeworden. Wie oft wird Sie auf diesen Dialogtouren auf ihre ostdeutsche Herkunft angesprochen? "Selten, aber wenn, stört es mich nicht", antwortet Werner. "Es ist wichtig, zu seinen Wurzeln zu stehen." Die heute 53-Jährige hat ihre Karriere im Westen nicht geplant. Wenn es ein Erfolgsrezept gegeben habe, dann das, dass sie sich schon früh die Automobilbranche ausgesucht hat und dann dabei blieb. Nach Stationen bei BMW, MAN und einem Zulieferer kam sie 2016 zu Volkswagen. Heute ist Hiltrud Werner eine von nur vier Ostdeutschen unter fast 200 Dax-Vorständen. Warum schaffen es so wenige? "Es gibt viele talentierte Ostdeutsche", ist Werner überzeugt. "Aber vielleicht ist es auch ein Mutproblem, dass viele Ostdeutsche sich bestimmte Positionen nicht zutrauen."

Umfrage-Grafik "Ostquote"
Umfrage-Grafik "Ostquote". Hiltrud Werner glaubt nicht, dass eine Ost-Quote die Lösung wäre. In unserer exklusiven Umfrage sagt die Mehrheit der Deutschen auf beiden Seiten ebenfalls "Nein" zur Einführung einer generellen Ost-Quote. Aber: im Osten sind auch 42 Prozent DAFÜR.
Quelle: Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF im Juni 2019

Als Werner 1991 mit 25 Jahren von Thüringen nach München zu einer Software-Firma geht, gibt es anfangs Verständigungsprobleme im Viermann-Büro: "Da war ein Urbayer dabei und immer, wenn er einen Anruf bekam, bin ich in Lachen ausgebrochen und wenn ich telefoniert habe, hat er sich über meinen Dialekt totgelacht."

Die studierte DDR-Wirtschaftsinformatikerin wird im Westen zuerst als Servicemitarbeiterin im Call-Center eingesetzt: "Vielen war am Anfang nicht ganz klar, wie gut unsere Qualifikation im Osten war." Werner soll am Telefon eigentlich nur herausfinden, wo das Software-Problem der Anrufer liegt und sie dann mit dem richtigen Spezialisten weiter verbinden. Nach sechs Wochen ruft die Entwicklungsabteilung an und fragt, warum gar keine Kundenanfragen mehr durchgestellt würden? "Aber ich konnte deren Fragen alle einfach gleich selbst beantworten", lacht Werner heute. Sie wird befördert, der Anfang ihrer Karriere.

Ein dickes Fell war nötig

Viel schlimmer als das Unterschätztwerden aber setzten ihr anfangs die unbekümmerten Kommentare mancher Kollegen zu. "Wenn Dinge fertig werden mussten und ich bis 8 Uhr abends im Büro war, kriegte ich zum Beispiel zu hören: 'Na, ist wohl doppelt so viel Stress wie im Osten? Ihr seid doch bestimmt immer schon mittags nach Hause gegangen!'"

Werner legt sich ein dickes Fell zu, steigt schnell auf, bekommt in der Nachwendezeit ihr zweites Kind und arbeitet als einzige Mutter in Vollzeit - in einer Firma mit 850 Mitarbeitern. "Es war unmöglich in München, für einen Dreijährigen einen Kindergartenplatz zu kriegen", erinnert sie sich. "Das war für mich ein Schock." Aber auch dafür fand sie eine Lösung. Später geht sie beruflich in die Niederlande, nach England, in die USA und "irgendwie ist mir unterwegs der Ossi-Stempel abhanden gekommen."

Die immer mal wieder diskutierte Ost-Quote lehnt sie ab: "Ich glaube nicht, dass eine Quote für die Wirtschaft die Lösung wäre, wir müssen gesamtdeutsch denken, nicht nach regionalem Proporz."

Häufig die einzige Frau am Tisch

In der Geschäftswelt spiele ihr Geburtsort heute keine Rolle mehr, sagt Hiltrud Werner. "Im Unternehmenskontext wiegt viel schwerer, dass ich eine Frau bin." Es stört sie, dass sie immer noch oft die einzige Frau am Tisch ist und als Vorstandsmitglied setzt sie sich für Vielfalt im Konzern ein. Jungen Ostdeutschen, die Karriere machen wollen, empfiehlt sie lebenslanges Lernen und interkulturelle Kompetenzen: "Ich frage junge Leute immer: Wieviele Fachzeitschriften habt ihr abonniert, wie oft guckt Ihr über den Tellerrand, fahrt Ihr nur zur Erholung in den Urlaub oder nutzt Ihr das Reisen auch, um etwas über Land und Leute zu lernen? Und da sind manche schon allein von den Fragen überfordert."

Auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens öffnet Hiltrud Werner einen Energy-Drink aus der Minibar. Denkt sie manchmal darüber nach, eines Tages zurück in den Osten zu gehen? "Ich kann mir viele Möglichkeiten vorstellen, in Ostdeutschland aktiv zu werden", antwortet die Vorstandsfrau, "mein Vater ist in meinem Alter Bürgermeister geworden, also vielleicht geh ich irgendwann auch mal in die Politik?" Sie lächelt und nimmt einen Schluck aus der Dose, die Flügel verleiht.

Der erste Teil der Deutschland-Bilanz:

Ist zusammengewachsen, was zusammengehört? Können wir stolz auf 30 Jahre deutsche Einheit sein, oder kaschieren wir kollektives Versagen?

Beitragslänge:
43 min
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