Sie sind hier:

Deutschland-Bilanz - Unser Meer und euer Meer

Datum:

Wenn die Deutschen ans Meer fahren, dann tun sie das oft noch so wie vor dem Mauerfall: Ostdeutsche an die Ostsee, Westdeutsche nach Sylt. Klingt nach Klischee? Stimmt aber.

Familie Köttnitz aus Plauen in Sachsen macht Ferien am Ostseestrand
Familie Köttnitz aus Plauen in Sachsen macht Ferien am Ostseestrand. Luxus brauchen sie dafür nicht, die Eltern wollen ihren Kindern zeigen, wie einfach Urlaub im Osten früher war.
Quelle: ZDF/Andrea Schmidt

Und plötzlich ist es wieder wie im Sommer 1986. Dreizehn Bungalows direkt hinter der Ostseedüne, drin riecht es ein bisschen muffig, die Einrichtung zu 80 Prozent noch Original: Vom Stuhl übers Radio bis zur Kaffeemaschine, alles "made in GDR". Klo und Dusche gibt’s nicht im Bungalow. Überm Bett hängt das Strand-Bild von Womacka, das jeder im Osten kannte. Philipp Köttnitz aus Plauen hat sofort ein Déjà-vu: "So kenn ich das noch als Kind, da kommen alte Erinnerungen hoch!" Der 41-jährige Sachse ist eigentlich unverdächtig, ein Ostalgiker zu sein. Er hat seine Ausbildung im Westen gemacht, kam dann zurück, baute zuhause eine Fitnessstudiokette auf, verdiente gut mit Immobilien. Und trotzdem will er seinen Kindern heute zeigen, wie das früher war: Urlaub in der DDR.

Ostalgie auf Rügen

Finley, 12, ist erstmal mäßig begeistert: "Gibt’s hier kein WLan?" Nein, gibt es nicht. Und auch so gut wie keinen Handy-Empfang. Seine kleine Schwester holt schon mal das Mensch-ärger-Dich-nicht-Spiel aus dem Schrank, Papa öffnet eine Flasche Rotkäppchen-Sekt. Wie man das halt so gemacht hat, damals 1986 im Osten. "Es ist naturverbunden, wirklich wie Camping, aber Du brauchst keinen Wohnwagen, hast super saubere Sanitäranlagen. Und es riecht noch wie zu DDR-Zeiten", freut sich Philipp. Seiner Frau Denise ist wichtig zu sagen: "Das soll jetzt nicht heißen, dass wir DDR-Fans sind! Diese Freiheit, die du jetzt hast, jeder kann jetzt machen, was er möchte, das ist schon schön. Wir wollen auf keinen Fall die DDR zurück." "Und trotzdem", ergänzt ihr Mann, "ist es schön, hierher zu kommen und die alten Zeiten aufleben zu lassen."

Das "Betriebsferienlager Gera", am nördlichsten Zipfel von Rügen bei Dranske, hat kürzlich wiedereröffnet. Ein Thüringer Betrieb hatte es 1986 gebaut, damit seine Mitarbeiter auch mal den begehrten Urlaub an der Ostsee machen konnten. Nach der Wende war Schluss, fast 30 Jahre lang lag das Ferienlager im Dornröschenschlaf. Betreiberin Ute Jacob, die schon zu DDR-Zeiten hier zu Gast war, erzählt: "Als wir die 13 Bungalows aufgeschlossen haben, waren wir baff: Alles war noch im Originalzustand." Die Tapeten mussten runter, die alten Bettmatratzen raus, aber sonst funktionierte noch fast alles und konnte erhalten bleiben. "Wir wollten den 80er Jahre-Charme konservieren, wo man mit wenig im Urlaub glücklich war."

Ist zusammengewachsen, was zusammengehört? Können wir stolz auf 30 Jahre deutsche Einheit sein, oder kaschieren wir kollektives Versagen?

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Bungalow-Einrichtung im wiedereröffneten "Betriebsferienlager Gera" auf Rügen
Zeitreise in die DDR. Achtzig Prozent der Einrichtung sind noch original 1986 im wiedereröffneten "Betriebsferienlager Gera" auf Rügen
Quelle: ZDF/Andrea Schmidt


Wenn man das mag und sich drauf einlassen kann, ist es ein günstiger Urlaub: Die Retro-Nacht im Betriebsferienlager kostet nur 7,50 Euro pro Person, "so viel kostet anderswo schon der Parkplatz", sagt Ute Jacob. Doch nicht jeder kommt mit so wenig Komfort klar, erst neulich war ein Ehepaar da, er aus der ehemaligen DDR, sie aus den alten Bundesländern stammend: "Die Frau konnte sich mit der Einfachheit nicht abfinden und ist dann auch am zweiten Tag abgereist. Aber der Mann will noch mal wiederkommen", berichtet die Betreiberin.

Wollen wir uns nicht begegnen?

Ostdeutsche können heute grenzenlos verreisen, sie haben Mallorca und die Welt gesehen, aber offenbar besinnen sich inzwischen viele auch gerne wieder zurück: Auf Ferien nach dem alten Motto "Wir hatten ja nichts." Ostdeutsche fahren - wenn sie im Inland verreisen - laut Statistik (Quelle: Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen, 2018) immer noch am liebsten an die Ostsee. Und zwar meist im eigenen Auto, nur, dass das heute kein Trabi mehr ist.

Und es ist ein beiderseitiges Phänomen, dass die Deutschen im eigenen Land oft noch so Urlaub machen, als wäre die Mauer noch da. Westdeutsche fahren am liebsten nach Bayern, auf Platz 2 folgt die Nordseeküste von Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Und so findet man tatsächlich zum Beispiel kaum einen Ossi auf Sylt. 97 Prozent aller Urlauber auf der Nordseeinsel stammen aus den alten Bundesländern, teilt Sylt Marketing auf Anfrage mit. Als wäre da unser Meer und Euer Meer.

Keine Ossis auf Sylt

Eine spontane Stichprobe am Strand von Westerland gibt der Statistik recht. Christian Petschik aus Bonn berichtet: "Ich war mal im Urlaub in Panama, da hab ich ein nettes ostdeutsches Pärchen kennengelernt. Also man muss eigentlich ins Ausland reisen, da trifft man sich eher als hier in Deutschland." Ostdeutschland ist von Sylt schon geografisch weit weg, aber gefühlt für manche noch weiter.  "Wir waren noch nie im Osten im Urlaub. Weil's uns gar nicht interessiert", so Andreas Dresel aus Bühl in Baden. Auch Birgit Thun aus Köln gesteht: "Ich war noch nie im Osten." 30 Jahre nach dem Mauerfall? Einen echten Grund dafür kann sie nicht nennen.

Umfrage-Grafik "Urlaub"
Sind Sie seit der Wiedervereinigung schon einmal im anderen Landesteil gewesen? Nein, sagen darauf noch immer noch 21 Prozent der Westdeutschen, d.h. jeder Fünfte war noch nie im Osten. Andersherum waren nur 5 Prozent der Ostdeutschen noch nie in den alten Bundesländern.
Quelle: Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF im Juni 2019

ZDF-Umfrage: Jeder 5. Westdeutsche war noch nie im Osten

Sind Sie seit der Wiedervereinigung schon einmal im anderen Landesteil gewesen? Das will das ZDF in einer repräsentativen Befragung wissen. Nein, sagen darauf noch immer noch 21 Prozent der Westdeutschen, d.h. jeder Fünfte war noch nie im Osten. Andersherum waren nur 5 Prozent der Ostdeutschen noch nie in den alten Bundesländern.

Der Sachse Philipp Köttnitz, den wir zu Beginn unserer Drehreise im Betriebsferienlager getroffen haben, kennt die Vorurteile auf beiden Seiten: "Auch im Vogtland, wo wir herkommen, sind die Leute eingefahren und haben das Gefühl, die Wessis sind irgendwie besser und reicher. Schade, dass sich das Denken kaum geändert hat in all den Jahren."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.