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Vor Duell mit Deutschland - Blackbox Mexiko

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Deutschlands WM-Auftaktgegner Mexiko schwankt zwischen Lob und Verwünschungen. Bundestrainer Löw äußert Respekt, sein mexikanischer Kollege Chicharito spricht gar vom Titel.

Chicharito, die kleine Erbse, trug ihre großen Ziele ganz selbstverständlich vor, als hätte es die ziemlich unrunde Vorbereitung nie gegeben. "Natürlich können wir Deutschland schlagen", sagte der mexikanische Nationaltrainer Chicharito, mit bürgerlichem Namen Javier Hernández, vor dem Auftaktspiel gegen den amtierenden Titelträger heute in Moskau. Und überdies, so ließ der 30 Jahre alte Stürmer wissen, nehme Mexiko an der WM natürlich teil, um die DFB-Auswahl zu beerben. "Wir kommen, um Weltmeister zu werden", sagte Chicharito.

Es ist nicht so, dass der ehemalige Leverkusener Bundesligaprofi mit seiner hohen Meinung von der mexikanischen Auswahl allein dastünde. Auch bei der deutschen Mannschaft gab es viele Respekt-Bekundungen, wenngleich diese gewiss auch als Botschaft nach innen gedacht waren, allen voran von Joachim Löw. Die Bewertung des Bundestrainers klang jedenfalls, als steuerten die Mexikaner beinahe zwangsläufig mindestens das Halbfinale dieser WM an.

Löw: "Voll gefordert"

Als "selbstbewusst, stolz, stark und fußballerisch sehr gut" stufte er sie ein, zudem als "technisch sehr beschlagen", "taktisch clever" und "extrem laufstark". Die Mexikaner seien zudem eine Mannschaft, "die, wie wir, auch sehr viel Ballbesitz haben möchte und sehr gut nach vorne spielt", auch bei Positionswechsel und Raumaufteilung sei sie "schon sehr weit" und verstehe sich auf eine moderne Spielweise. Löws Fazit nach all diesem überschwänglichen Lob: "Es ist gut, dass wir gleich zu Beginn voll gefordert sind und einen starken Gegner haben." Dies, so erinnerte er im Kicker-Sportmagazin, sei ja auch vor dem Titelgewinn vor vier Jahren in Brasilien so gewesen. Damals hieß der Auftaktgegner Portugal, der nun als amtierender Europameister in Russland dabei ist.

So richtig stimmig wirkt das überbordende Selbstbewusstsein Chicharitos und das große Lob des Bundestrainer allerdings nicht. Denn beide sprachen ja über jene mexikanische Nationalelf, die jüngst mit Schimpf und Schande aus ihrer Heimat verabschiedet worden war und auf dem Weg nach Moskau zudem den finalen Test in Dänemark 0:2 verlor, wenngleich dabei noch ein paar Spieler aus der zweiten Reihe getestet wurden. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg so, dass weder Chicharito noch Löw so wirklich wissen, was sie von dieser mexikanischen Mannschaft halten sollen. Ein bisschen wie eine Blackbox kommt diese ja daher, und vermutlich liegt die Wahrheit auch in diesem Fall zwischen den Extremen.

Schimpftiraden gegen Trainer

Im scharfen Kontrast zu Löws Lobreden standen jene Verwünschungen, die die Mexikaner im Reisegepäck ihrer Kicker hinterlegten. Die Zeitung "El Universal" bezeichnete die Mannschaft mit dem Spitznamen "El Tri" gar als "Wrack von einem Team", nachdem dieses den letzten Test in der Heimat gegen Schottlands B-Elf nur mit viel Mühe und ohne spielerische Akzente 1:0 im Aztekenstadion gewonnen hatte.

Begleitet von Bierbecherwürfen und Schimpftiraden gegen den kolumbianischen Trainer Juan Carlos Osorio, dem vorgeworfen wird, in drei Jahren keine Spielidee vermittelt zu haben. Die Hoffnung, dass diese Mannschaft erstmals bei einer WM über das Viertelfinale hinauskommt und den aktuellen Weltrekord von sechs Achtelfinalniederlagen in Serie nicht noch weiter ausbaut, fällt bei den Fans derzeit offenbar nicht besonders groß aus.

Als bestes Team in Mittelamerika qualifiziert

Wenig förderlich gerieten auch die Meldungen von einer ausschweifenden Party direkt im Anschluss an das desillusionierende Schottland-Spiel. Weil auch noch davon die Rede war, dass 30 Escortdamen geladen gewesen seien, sah sich Chicharito zu einer Klarstellung veranlasst. Die Mannschaft habe lediglich seinen Geburtstag gefeiert, gab er darin an, und zwar ohne pikante weibliche Gesellschaft. Doch an Zwielicht mangelt es der mexikanischen Mannschaft auch so nicht.

Mexikos Mannschaft trainiert vor WM-Spiel gegen Deutschland
Carlos Vela und Javier Hernández beim Abschlusstraining Quelle: dpa

Defensivspieler Rafael Márquez, 39, tritt zu seiner fünften WM-Teilnahme mit der zweifelhaften Empfehlung an, von den US-Behörden beschuldigt zu werden, in den internationalen Drogenhandel verstrickt zu sein. Vom Vereinsfußball hat sich der frühere Barcelona-Profi inzwischen verabschiedet, dennoch nahm ihn Osorio als Kapitän mit. Im Test in Dänemark fiel Márquez mit Unsicherheiten im defensiven Mittelfeld auf, und nach vorne agierte Mexiko insgesamt harmlos.

Wirklich überzeugende Referenzen klingen anders. Andererseits zählt "El Tri" mit 16 Turnierteilnahmen zum elitären Kreis der WM. Nur Deutschland, Brasilien, Argentinien und Italien waren öfter dabei. Nie zuvor verfügte die mexikanische Mannschaft zudem über so viele Kicker mit Erfahrung aus dem europäischen Fußball. Und vor allem qualifizierte sich das Team lässig für die Endrunde, als bestes Team in Mittelamerika und mit nur einer Niederlage, im unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Honduras. Vielleicht haben Chicharito und Löw auch nur diese Arbeitsnachweise zum Maßstab genommen. Was die Blackbox Mexiko wirklich zu leisten im Stande, zeigt sich nun in Moskau.

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