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Spitzenreiter gestürzt - Kölner Bootshaus hängt Berliner Berghain ab

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Jahrelang hat das Berghain in Berlin die Bestenliste deutscher Nachtclubs angeführt. Aus die Maus. Ein Fachmagazin hat jetzt erstmals das Kölner Bootshaus gekürt. Aus gutem Grund.

Archiv: DJ Snake legt im Club "Boothaus" in Köln auf, aufgenommen am 08.07.2019
Das Maß aller Dinge in der deutschen Club-Szene: das Bootshaus in Köln.
Quelle: dpa

Das internationale Fachmagazin "DJ Mag" hat in diesem Jahr den Kölner Club Bootshaus zum besten Club in der Bundesrepublik gekürt. Jahrelang war das legendär-verruchte Berliner Berghain die Nummer eins.

Das Bootshaus befindet sich auf einem abgelegenen Werftgelände unter einer Kölner Rheinbrücke. Das hat sich herumgesprochen, auch bei Gästen von ganz weit weg - Kevin und Thomas sind aus ihrem Heimatdorf in Luxemburg hergefahren. Zweieinhalb Stunden hin, vier Stunden feiern, zweieinhalb Stunden zurück. Ungefähr die Hälfte aller Besucher ist nach Schätzungen der Betreiber nicht aus Köln, kommt extra für die Partys her.

Zugeknöpfes Berghain, offenes Bootshaus

Im Berliner Berghain gibt man sich betont exklusiv, die Türsteher sind berüchtigt. Ins Kölner Bootshaus dagegen darf jeder hinein, der will. Die meisten Tickets werden - ebenfalls club-untypisch - wie bei Konzerten vorab online verkauft. An der Tür wird niemand wegen seines Outfits abgewiesen, sagen die Betreiber. Nur zu betrunken oder aggressiv darf man nicht sein, "ansonsten ist hier jeder willkommen".

Archiv: Berliner Club Berghain in Berlin, aufgenommen am 06.04.2016
Der Berliner Club Berghain (Archivfoto von 2016)
Quelle: dpa

"Eine solche Atmosphäre hat man nirgendwo sonst"

Über einen Außenbereich, der mit zusammengezimmerten Theken und hölzernen Emporen ringsherum wie eine Piraten-Lagune anmutet, gelangt man auf den Main Floor, den größten Partybereich. Wie in einer Arena drängen sie sich auf Stufen hinter- und übereinander. In den ersten Reihen kleben die Menschen förmlich an der Plexiglasscheibe vor dem DJ-Pult, nur Zentimeter trennen Publikum und Künstler. Eine Anlage, die sicher ausreichen würde, um eine Festivalbühne zu beschallen, pumpt tiefe Bässe durch die Halle. Feuer schießt aus Flammenwerfern an der Decke.

"Eine solche Atmosphäre hat man nirgendwo sonst", sagt Fabian Thylmann, der Besitzer des Clubs. Die Abgeschiedenheit, die Enge, die Nähe zum Publikum, der Sound - für Thylmann ist es das Gesamtpaket, das nicht nur Gäste von weit her anlockt.

Archiv: DJ Snake legt im Club "Boothaus" in Köln auf, aufgenommen am 08.07.201933
DJ Snake legt im Bootshaus in Köln auf.
Quelle: dpa

Bootshaus versteht Mainstream-Vorwürfe nicht

Mancher wirft dem Club allerdings vor, zu sehr den Mainstream zu bedienen. Thylmann hält die Kritik für unberechtigt: "Wir spielen sechs oder sieben verschiedene Musikrichtungen, da gibt es genauso viel Abseitiges wie Populäres. Es soll für jeden etwas dabei sein." Der Frankfurter Kulturwissenschaftler Christian Arndt, der Anfang des Jahres das Buch "Electronic Germany - DJs, Klänge, Clubkultur" herausgebracht hat, sagt: "Das Bootshaus hat sich musikalisch sehr breit aufgestellt, vieles, was hier musikalisch passiert, wäre zum Beispiel im Berghain oder auch im Robert Johnson in Offenbach bei Frankfurt undenkbar."

Es gebe da sehr verschiedene Philosophien beim Booking, also dem Engagieren der DJs. Clubkultur-Experte Arndt sagt, dass es früher in vielen größeren Städten mindestens einen, manchmal zwei oder drei Clubs mit bundesweiter Strahlkraft gegeben habe.

Berlin-Mythos bleibt bestehen

Seit Mitte der 90er sei Berlin als Nummer eins in Sachen Clubs eigentlich gesetzt, was sehr viel mit den historisch einmaligen Bedingungen zu tun hatte, dem Mauerfall, ungeklärten Eigentumsverhältnissen und Behörden, die Wichtigeres zu tun hatten, als ordnungspolitische Auflagen bis ins letzte Detail durchzusetzen. Die Lockerheit und Freizügigkeit beflügelte den Berlin-Mythos. Heute sei im deutschsprachigen Raum neben Berlin auch das relativ kleine Zürich gut aufgestellt, aber "mit Ausnahme von Berlin wird die Clubkultur jedoch zur Randerscheinung", so Arndt.

Über den vermeintlichen Niedergang des deutschen Nachtlebens lässt sich viel spekulieren. Doch manchem geht die hiesige Club-Kultur noch immer - oder gerade jetzt - buchstäblich unter die Haut: Im Außenbereich des Bootshauses stehen die Menschen auch um halb vier an diesem Morgen noch Schlange - bei Tätowierern. Die einzigen Motive, die sie in dieser Nacht stechen: Schriftzug und Logo des Clubs.

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