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Kreuzfahrttourismus in Norwegen - Dicke Luft in den Fjorden

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"Norwegen verzaubert Besucher", verspricht die Costa-Reederei. TUI-Cruises lockt mit "aufregenden Landschaften und traumhaften Fjorden". Für die Natur ist der wachsende Kreuzfahrttourismus aber alles andere als traumhaft. Die Regierung erwägt, Fjorde für Luxusdampfer zu sperren.

Norwegen erwägt, seine Fjorde für Kreuzfahrtschiffe zu sperren, die nicht den neuesten Umweltanforderungen entsprechen. Bis Ende 2018 soll ein Regelwerk ausgearbeitet werden, um den Ausstoß von Nitrogenoxid und Schwefel in den geschützten Wasserläufen zu …

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Es ist wie so oft in diesen Tagen am Seehafen in Kiel. Ein Bus nach dem anderen hält am Terminal für die Kreuzfahrtschiffe. Hunderte von Urlaubern checken ein oder aus, auch vom Kieler Hauptbahnhof kommen noch zig Touristen. Das Rattern der Rollkoffer ist überall im Zentrum der Hafenstadt an der Förde zu hören. Kreuzfahrten boomen und jetzt in der Hochsaison liegen oft zwei oder drei der Riesenschiffe gleichzeitig am Kai in Kiel. Besonders gefragt sind bei Touristen die Reisen nach Norwegen. Entlang der Westküste mit Abstechern hinein in die spektakulärsten Buchten des großartigen Landes im Norden, hinein in die berühmten Fjorde. Die Reiseveranstalter versprechen Urlaubserlebnisse vom Feinsten.

Fjorde sind Weltkulturerbe

Doch der wachsende Kreuzfahrtverkehr ist für Natur und die Anwohner der populärsten Fjorde immer belastender. Oft hängen graue Abgaswolken etwa über dem berühmten Geirangerfjord. Dort ankern in den Sommermonaten mehrere der schwimmenden Luxushotels gleichzeitig. Aus den Schornsteinen kommen dunkle Abgaswolken, die Bordelektrik, die Klimaanlagen - all das frisst gewaltig Energie. Experten des norwegischen Schifffahrtsamtes messen immer häufiger gesundheitsgefährdende Stickstoffoxidwerte. Das soll sich nun ändern. Es ist Wahlkampf in Norwegen und die Regierung will handeln. Sie will die Regeln für den Verkehr von Kreuzfahrtschiffen verschärfen. Damit kann ab 2019 der Hälfte aller Schiffe die Einfahrt in die Fjorde verweigert werden.

Hermann Bernd
Hermann Bernd, Studioleiter Kiel Quelle: ZDF/Rico Rossival

Vidar Helgesen, Norwegens Umweltminister, wurde in einem Fernsehinterview konkret: "Wir machen das", sagt er, "weil diese Weltkulturfjorde eine große Ressource für Norwegen darstellen. Deshalb müssen wir sie schützen und dafür sorgen, dass an windstillen Tagen nicht Rauchschwaden über ihnen hängen und dass die Fjorde sauberer werden."

Auf der UNESCO-Liste der Welterbestätten stehen der Nærøyfjord, der Aurlandsfjord, der Geirangerfjord, der Synnulvsfjord und der innere Teil des Tafjords. Der Geirangerfjord ist davon das beliebteste Urlauberziel. Die strengeren Regeln, die das Seefahrtsamt nun ausarbeiten soll, wird die Kreuzfahrbranche wohl hart treffen. Nach Untersuchungen des norwegischen Umweltministeriums wurde die Hälfte der Schiffe vor dem Jahr 2000 gebaut. Das bedeutet, dass sie nicht den modernen Umweltanforderungen entsprechen. Einige Reedereien müssten ihre Schiffe wohl auswechseln, wenn sie die norwegischen Fjorde befahren wollen, sagt Umweltminister Helgesen.

Hohe Abgasbelastung durch Kreuzfahrtriesen

Rund zwei Drittel der rund 300 Kreuzfahrtschiffe weltweit hätten mangelhafte Abgaswerte, sagen auch Experten in Deutschland, wie Malte Siegert vom Naturschutzzentrum NABU in Hamburg. Der Tourismus mit Kreuzfahrtschiffen sei eben keine nachhaltige Branche, betont er im Interview mit dem ZDF. Er unterstützt deshalb die norwegischen Pläne. Das sei absolut vernünftig, weil diese für Riesenemissionen sorgten und so eine erhebliche Belastung für die Menschen in der Region darstellten. In diesen Fjorden - die ja sehr hohe Wände hätten und wo die Luft von oben drückt - sei die Belastung ganz extrem. Und deshalb sei es eine vernünftige Idee, das demensprechend auch zu regeln.

Siegert fordert schon lange umweltfreundlichere Antriebe, mehr neue Schiffe. Die Umstellung auf modernere Schiffe, etwa mit Gasantrieb, dauere aber auch seine Zeit, heißt es beim Weltverband der Kreuzfahrtindustrie. Helge H. Grammerstorf, Sprecher des Weltverbandes in Deutschland, unterstützt grundsätzlich die Forderung nach umweltfreundlicheren Schiffen weltweit und betont, dass Deutschland hier eine Vorreiterrolle einnehme. Man müsse schon sehen, dass es bereits sehr strenge Vorschriften gebe, die natürlich auch für alle Schiffe gelten würden, völlig unabhängig davon, ob es sich um alte oder neue Schiffe handele.

Einbußen für den Tourismus erwartet

In Norwegen werden die Pläne des Umweltministeriums kontrovers diskutiert. Noch liegen diese zwar nicht im Detail vor. Fest steht aber, dass es Bestimmungen über eine maximale Anzahl von Schiffsbesuchen pro Tag und Woche geben soll. Betroffene Anwohner der Fjorde unterstützen dies. Auch einige Bürgermeister der betroffenen Kommunen reagierten positiv. Sie fordern sogar, dass die Vorschriften für das ganze Land gelten sollen. Das sieht auch die Umweltschutzorganisation Bellona so. Weil der Nærøyder und Geirangerfjord bereits riskierten, den Status als Weltnaturerbe zu verlieren, solle man die riesigen Pötte gar nicht mehr einfahren lassen. Die Idee der Umweltschützer: Die emissonsreichsten Schiffe könnten außerhalb ankern und dann fährt man die Touristen in batteriebetriebenen Booten in die Fjorde.

Kritiker wieder erwarten drastische Einbußen für den Tourismus in der Region. Ohne die Möglichkeit des Besuchs der landschaftlich schönsten Fjorde werde der Kreuzfahrtverkehr nach Norwegen insgesamt zurückgehen, heißt es. Noch ist nichts entschieden. Die konkreten Vorschläge des norwegischen Seefahrtsamtes im Auftrag des Umweltministeriums sollen Ende dieses Jahres auf dem Tisch liegen.

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