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Die 68er und wir - Nahezu frei von gesellschaftlichen Zwängen

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Auf den Tag vor 50 Jahren feierte das Kultmusical "Hair" Premiere. Damals eine wüste Show, heute ein Wohlfühl-Act. Welchen Einfluss Kultur und Mode der 68er noch auf uns haben.

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Quelle: ZDF

Vietnam, Afghanistan, Syrien: Die Namen der Konflikte seien austauschbar, sagt Frank Serr, aber die Message "Make love, not war" bleibe hochaktuell. Wohl auch deshalb feiert Serr mit seiner aktuellen Produktion des Kult-Musicals "Hair" auf einer Deutschland-Tournee einen Erfolg nach dem anderen. Auf den Tag genau vor 50 Jahren ist "Hair" am Broadway in New York uraufgeführt worden. Die Macher, Gerome Ragni und James Rado, hatten einen lyrischen Theatertext geschrieben und betrachteten ihr Werk hochtrabend als "die stärkste Anti-Kriegs-Erklärung, die je verfasst wurde".

Musikalischer Protest gegen "sinnloses Gemetzel"

Zu jener Zeit führten die USA einen Krieg in Vietnam, an dessen Ende der Tod von Millionen Vietnamesen und 60.000 US-Soldaten zu beklagen war. Das Trauma dieses Krieges wirkt bei allen Kriegsbeteiligten bis heute nach. Der massive Protest gegen das "sinnlose Gemetzel" in Vietnam fiel in den 1960er-Jahren zeitlich zusammen mit dem Auflehnen gegen Gesellschaftsstrukturen, die junge Menschen zunehmend als "autoritär" wahrnahmen.

"Hair gibt eine künstlerische Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Unruhe der Jugend", sagte der Entertainer Ron Williams, 1968 Mitglied des Musical-Ensembles. Später tourte Williams als "Hair"-Regisseur auch durch Deutschland. Darsteller mit langen Haaren, die viel nackte Haut zeigten und von freier Liebe, Rausch und Glück für alle sangen. Was eine riesige Schar von Fans tief berührte, sorgte beim älteren Publikum häufig für Abscheu und Skandal in einer Zeit, in der langhaarige Männer in "verschmuddelten" Klamotten als Gammler und Nichtsnutze beschimpft wurden.

Frauen wollten nicht mehr "Schmuckstück des Mannes" sein

Zerrissene Blue-Jeans, Miniröcke und hauchdünne Kleider ohne BH darunter wurden indes bei der Jugend beliebte modische Zeichen des Protests: "Das Bedürfnis, gegen die Eltern-Generation und althergebrachte gesellschaftliche Konventionen zu protestieren, war enorm", sagt Elisabeth Hackspiel-Mikosch, Professorin für Modetheorie mit Schwerpunkt Kulturgeschichte der Bekleidung an der AMD Akademie Mode & Geschichte in Düsseldorf.

Insgesamt sei Mitte der 1960er-Jahre ein gewaltiger Umbruch in der Modewelt spürbar gewesen. Hackspiel-Mikosch zufolge kauften die damals die 15- bis 19-Jährigen 60 Prozent der Mode "und diese junge Generation wollte etwas ganz anderes als die Eltern, die sich noch den Vorgaben aus dem Modezentrum Paris unterwarfen". Sie konnten nichts mehr anfangen mit einer Mode, die Frauen auf den Sockel stellt und zum Schmuckstück des Mannes macht“, sagt die Modehistorikerin.

"Ein Mode, die Fröhlichkeit ausstrahlt"

Junge Frauen wollten sich nicht mehr unterordnen. Sie sagten offener als ihre Mütter, was sie wollten: "Eine Mode, die ihr Lebensgefühl verkörpert, eine Mode, die praktisch ist und Fröhlichkeit ausstrahlt - bunte, bequeme Kleider und Miniröcke waren ein Ausdruck dessen", so Hackspiel-Mikosch.

Und die Jugend ging noch einige Schritte weiter: "Sie wollte selbst kreativ sein, T-Shirts batiken, Jeans besticken - alles in Abgrenzung zu dem piefigen, engstirnigen Milieu der Eltern", erläutert die Modehistorikerin. Was uns das alles angeht? Eine Menge, meint Hackspiel-Mikosch. "Letztlich haben die 68er unsere heutige Mode entscheidend mitgeprägt: Dass heute ohne Probleme fast jeder tragen kann, was er will, hat mit der damaligen Ablehnung jeglichen Modediktats zu tun." Auch die Idee der Unisex- und Transgender-Mode sei "ein Kind der 68er".

Am Ende singen alle "Let the sunshine in"

Allerdings, räumt die Expertin ein, sei die Mode der 68er nicht so aufreizend sexualisiert gewesen wie die heutige: "Es ging damals um den Ausdruck eines natürlichen freien Lebens und nicht um diese extreme Inszenierung von Weiblichkeit." Die radikale Freizügigkeit habe aber auch eine Gegenbewegung ausgelöst. "Die züchtige Kleidung kommt in bestimmten Bevölkerungsgruppen, etwa bei jungen Musliminnen, immer mehr in Mode", so Hackspiel-Mikosch. Ein Stil, der das Bewahren von bestimmten traditionellen Wertvorstellungen zum Ausdruck bringen soll.

Wenn sich die "Hair"-Musical-Darsteller am heutigen Abend auf der Bühne des Konzerthauses in Karlsruhe die Klamotten vom Leib reißen und nackt vorm Publikum tanzen, wirft das allerdings keinen mehr vom Stuhl, sagt Produzent Frank Serr. "Das hat 1968 noch zu einem Aufschrei und Verboten geführt und auch vor 15 Jahren noch ging einen Raunen durch die Reihen - heute zucken die Leute nicht mal mehr mit der Schulter", sagt er. Das Musical ist nicht mehr wüst und skandaltauglich, es sorgt eher für Wohlfühlatmosphäre. Am Ende singt der ganze Saal "Let the sunshine in".

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