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Die 68er und der RAF-Terror - Gewalt in Worten, Gewalt in Taten

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Rudi Dutschke nutzte Worte als Waffen. Andere 68er wie Ulrike Meinhof gingen einen Schritt weiter und bekämpften den Staat als "Rote Armee Fraktion" mit roher Gewalt.

Archiv: Andreas Baader, links, und Gudrun Ensslin in der Anklagebank vor der Urteilsverkündung im Brandstifter-Prozess in Frankfurt am 31. Oktober 1968.

Nachrichten - Chronik: 1968 in Bildern

Die USA geraten 1968 in Vietnam in die Defensive. In Paris und Berlin gehen die Studenten auf die Straße. In der Tschechoslowakei wird der Prager Frühling erstickt. Ein Rückblick.

Die einen zündeln mit Worten, die anderen gehen noch einen Schritt weiter und setzen die Welt in Brand. So alt wie dieses Phänomen ist die Diskussion darüber, wer mehr Schuld trägt an den katastrophalen Folgen: der geistige Brandstifter oder der tatkräftige Gewalttäter? Noch komplexer wird es bei Menschen wie Rudi Dutschke, dem charismatischen Studentenführer und personifizierten Mythos der 68er-Bewegung. Unter dem Eindruck massiver Polizeigewalt gegen friedliche Studentenproteste 1967 in Westberlin sah Dutschke ein politisches System herrschen, "das zur Katastrophe drängt". Seine Antwort: "Dagegen müssen wir mit aller Gewalt vorgehen."

Radikale Worte, radikale Taten

2. April: Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Zu den Tätern gehören die späteren RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Baader.
Unter den Angeklagten im Prozess zu den Brandanschlägen sind auch Gudrun Ensslin (r.) und Andreas Baader (2. v. r.). (Archivbild, Oktober 1968) Quelle: dpa

Der tödliche Schuss eines Berliner Polizisten auf den Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 war für manche der Beginn eines neuen Krieges in Deutschland. Etwa für die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, die von "einer faschistischen Brut" sprach und fürchtete, dass der Terror der Nationalsozialisten weitergehe: "Diesmal werden sie uns umbringen." Bis dato hatte Ensslin mit Ehemann und Baby pazifistische Demos in Berlin besucht. Doch dann lernte sie Andreas Baader kennen, verließ für ihn Mann und Kind und fing bald an, die "spätkapitalistische Gesellschaft" zu bekämpfen, die sich ihrer Ansicht nach "ungeheuer deutlich hin zum Faschismus" bewegte. Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser waren 1968 nur der Anfang.

Der hinterhältige Schuss auf Ohnesorg 1967 diente aber auch anderen dazu, ihr Aufbegehren gegen den Staat zu rechtfertigen. So bestritt Rudi Dutschke das Gewaltmonopol des Staates. In einer öffentlichen Rede rief er, dass die Studenten nicht auf eigene Gewalt verzichten dürften, denn das "würde nur einen Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten". Das parlamentarische System der Bundesrepublik hielt er für "unbrauchbar" und führte mehrdeutig aus: "Wäre ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen." In der Bundesrepublik kämpfe er zwar dafür, dass Waffen nicht in die Hand genommen werden müssten, "aber das liegt nicht bei uns".

Dutschkes Nachdenken über Guerilla-Kampf in Deutschland

Der inzwischen verstorbene Politikwissenschaftler und Dutschke-Biograph Gerd Langguth sah in dem Studentenführer einen Mann, der das Leben eines "Berufsrevolutionärs" geführt habe, "der auch den Gewalteinsatz zur Durchsetzung der eigenen Ziele befürwortete - zunächst theoretisch abstrakt, aber auch in konkreten Vorbereitungen". Dutschke schwebten demnach "Stadtguerilla"-Kleingruppen von "jeweils vier bis sechs Kämpfern vor, die eine regelrechte Doppelexistenz führen sollten", wie Langguth ausführt.

Das verhasste System der Bundesrepublik von innen heraus zersetzen und auch die "imperialistischen US-Kriegstreiber" an ihren schwächsten Stellen verletzen, das war das theoretische Konzept. Dutschkes Ehefrau Gretchen berichtete in den 1990er-Jahren, dass ihr Ehemann und dessen Mitstreiter "fast fieberhaft" überlegt hätten, "welche praktischen illegalen Schritte sie unternehmen sollten". Als Vorbilder galten ihnen demnach die bewaffneten Untergrundkämpfer der IRA in Nordirland und der ETA in Spanien. Gretchen Dutschke schränkt allerdings ein, dass die Gedanken über einen "illegalen Kampf" und "Sabotage-Akte" wenig mit dem zu tun gehabt hätten, mit dem die Mitglieder der terroristischen "Roten Armee Fraktion" (RAF) später die westdeutsche Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzten.

Ulrike Meinhof: "Politische Macht kommt aus Gewehrläufen"

Tatsächlich habe Dutschke im Gegensatz zur späteren RAF keinen wirklichen militärischen Guerillakampf in Deutschland gewollt, resümiert Biograf Langguth, doch er sei alles andere als ein "Verfechter der Gewaltfreiheit" gewesen. Und während Dutschke nur seine Worte als Waffen nutzte, gingen Mitstreiter und Gegner einen fatalen Schritt weiter - wie ein junger Nazi, der Dutschke, den "Volksfeind Nummer 1", am 11. April 1968 auf offener Straße niederschoss. Bei anschließenden Studentenunruhen in vielen deutschen Städten kamen zwei Menschen ums Leben, zahlreiche wurden verletzt.

RAF Chronik: Baader Befreiung
Ulrike Meinhof (Archivbild vom 16. Juni 1972) Quelle: ap

Die Journalistin und spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof rief am Tag nach dem Attentat auf Dutschke zum Protest auf: "Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung - werden 1.000 Steine geworfen, ist das eine politische Aktion." Sie beließ es nicht dabei. In einer Tonband-Aufnahme ist sie mit ruhiger, aber durchdringender Stimme zu hören; sie will "den bewaffneten Widerstand organisieren, die Klassenkämpfe entfalten, die Rote Armee aufbauen". Meinhof greift Dutschkes Gedanken von kleinen Stadtguerilla-Gruppen auf und schlussfolgert: "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen."

"Ober-68erin" Meinhof wird zum "Kopf der RAF"

Meinhofs Tochter Bettina Röhl bezeichnete ihre Mutter jüngst als "Ober-68erin". Als Frau, die das Milieu des bürgerlichen Establishments verließ, um zunächst bei der Studentenrevolte kräftig mitzumischen und schließlich als Kommunistin und "Kopf der RAF" das System der Bundesrepublik radikal zu bekämpfen; eine Genossin, die den damaligen chinesischen Staatschef und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Mao Zedong aufgrund seiner "Kulturrevolution" verehrte, die nachgewiesenermaßen Millionen Menschen das Leben kostete.

Meinhofs Kampf in Westdeutschland nahm in den 1970er-Jahren immer blutigere Ausmaße an. Gemeinsam mit den weiteren RAF-Gründern Andreas Baader und Gudrun Ensslin war sie verantwortlich für Anschläge, Morde, Mordversuche und wurde zum tatsächlichen "Staatsfeind Nummer 1".

Chronik des Terrors

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