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Wirtschaftspsychologe - "Wir haben keine Macke!"

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Das Auto: Die meisten Deutschen können sich ein Leben ohne kaum vorstellen. Viele vergöttern es sogar. Verrückt? Ein Wirtschaftspsychologe klärt auf - auch über die Liebe zum SUV.

Eine Frau wäschtein Auto mit dem Schwamm
Das muss Liebe sein: eine Autowäsche per Hand.
Quelle: photocase

heute.de: Es soll Menschen geben, die ihren Pkw mehr lieben als ihren Lebenspartner. Sind wir Deutschen vernarrt in unsere Autos?

Rüdiger Hossiep: Vernarrt hört sich so negativ an, finde ich. Positive Emotionen zu Fahrzeugen sind aber nicht ehrenrührig. Wir haben keine Macke! Und es gibt ja auch eine Menge gute Gründe, warum uns Autos lieb und teuer sind.

heute.de: Vor allem weil sie teuer sind?

Hossiep: Nicht nur weil, sondern auch obwohl sie so teuer sind. Zunächst einmal haben Autos eine enorme wirtschaftliche Bedeutung für Deutschland - wegen der Autohersteller selbst und wegen der vielen Zulieferer. Da hängen eine Menge Arbeitsplätze dran und ein großer Anteil des deutschen Exportsektors. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist Deutschland international in keinem anderen Sektor mehr so tonangebend wie im Automotive-Bereich.

Zur Person:

heute.de: Echt jetzt? So einfach lässt sich das mit unserer Liebe zum Auto erklären?

Hossiep: Das war der rationale Teil. Aber da kommen natürlich noch viele subjektive Gründe hinzu. Vor allem ermöglicht ein eigenes Auto Freiheit. Da ist ein eigener Raum, den ich auch noch mitnehmen kann! Schon seit der Nachkriegszeit ist das ein wesentlicher Aspekt.

heute.de: Aber wir fahren ja nicht ständig mit dem Auto in den Urlaub ...

Hossiep: Bei Freiheit geht es nicht nur um Urlaubsfahrten, sondern um unseren Alltag. Ein Auto ermöglicht mir soziale Abgrenzungsprozesse. Man muss nicht mit vielen anderen Leuten in der S-Bahn sitzen. Das ist den Menschen wichtig. Und ich kann dieses gepanzerte Selbst ja auch noch so ausgestalten, wie ich will - auf der Rückbank eine Limoflasche, auf dem Beifahrersitz die Handtasche, im Fußraum ein Stapel CDs. Wahrscheinlich ist das ein Grund mit, warum Carsharing immer noch eine Randerscheinung ist. Da geht das eben nicht.

heute.de: Wie sieht das aus mit Angeben, Protzen, Prahlen?

Hossiep: Klar spielt das auch eine Rolle. Jeder kann es sehen, man kann sein Auto ja nicht verstecken. Aber eigentlich ist angeben gar nicht so wichtig. Im Gegenteil: Wir Deutsche sind bei der Wahl unserer Autos sogar ziemlich langweilig.

heute.de: Anders als in anderen Ländern?

Hossiep: Woanders traut man sich oft mehr. Der Deutsche stellt die sozialen Vergleichsprozesse anders an als beispielsweise ein Italiener oder Engländer. Wir leben in einer ausgeprägten Konsensgesellschaft. Man schaut auf die Nachbarn und möchte da nicht unbedingt aus der Reihe tanzen. Es gibt die goldene Regel, bloß kein dickeres Auto als der Vorgesetzte zu fahren. Also haben wir eine recht langweilige Dienstwagengesellschaft. Wir suchen den Wagen eher nach Zentimetern und Zuladung aus statt mit dem Herzen.

heute.de: Und dennoch geben wir den Autos Namen!

Hossiep: Ja, und es sind wirklich die einzigen Gegenstände, denen wir regelmäßig Namen verpassen. Womit wir jetzt beim Thema 'teuer' sind. Nichts außer einer eigenen Immobilie verursacht annähernd solche Kosten - selbst wenn ich das Auto gar nicht nutze. Und da kommen wir zu etwas, das die Psychologie 'Kognitive Dissonanz' nennt. Gerade weil Autos so teuer sind, müssen wir uns das schön reden, um uns damit wohl zu fühlen. Dazu gehört halt auch, dass viele Autos in Deutschland einen Namen bekommen.

heute.de: Es gibt ja inzwischen eine Menge Leute, die sich bewusst für unauffällige oder günstige Autos entscheiden.

Hossiep: Das weiß auch die Industrie, siehe Dacia. Wie man es auch dreht und wendet: Mit einem Auto setzt man immer ein Statement - bewusst oder unbewusst. Warum kauft sich denn jemand, der in der Großstadt lebt, ein dickes SUV? Da wird man sicherlich immer eine Menge vernünftige Gründe hören. Aber viele davon sind vorgeschoben. Die meisten könnten auch einen Allrad-Panda fahren, aber der hat eben nicht so ein Prestige.

heute.de: Also doch ein bisschen angeben. Sollten sich solche Fahrer schämen - gerade wegen unserer Luftqualität?

Hossiep: Das ist wieder ein ganz anderes Thema. Wenn ich an die über 14 Millionen Kaminöfen in Deutschland denke, die im Winterhalbjahr häufig für die Hälfte unserer Feinstaubbelastung verantwortlich sind, wenn ich die irre Umweltbelastung durch Kreuzfahrtschiffe sehe oder auch das, was ein Tesla im Schnelllademodus an Strom benötigt, kann ich nur sagen: Wir ziehen das alles immer so für uns glatt, wie es gerade passt. Am vernünftigsten wäre es wahrscheinlich, man führe einen alten Benziner mit Kat so lange, bis er auseinander fällt. Aber das möchte eben auch kaum jemand, denn dafür ist das Auto der Gesellschaft zu wichtig. Doch das ist nicht nur in Deutschland so.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

Eine Bremer Spedition verschifft jährlich Tausende historische Autos im Container. Sie kommen aus den USA und gehen nach Europa und Asien. Wir begleiten zwei Auto-Liebhaber, die voller Spannung auf ihre Schätzchen warten.

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4 min
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