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Vertragsunterzeichnung ungewiss - Die dunklen Schatten des Brexit

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Wenige Ereignisse offenbaren ihre Folgen bereits, ehe sie selbst eintreten: Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist so ein Fall. Ohne Vertragsunterzeichnung droht Chaos.

Archiv: Demonstranten halten Flaggen vor dem britischen Parlament, aufgenommen am 14.11.2018 in London
EU-Flaggen vor dem britischen Parlament.
Quelle: dpa

Es wird teuer, das ist inzwischen klar. Wenn das Vereinigte Königreich die EU verlässt, geht es um mehr als eine harmlose Umgewöhnung. Sollte es bei der Ablehnung des fertig ausgehandelten Vertrages durch das britische Parlament bleiben, gelten am 29. März um Mitternacht völlig neue Regeln und Verhältnisse.

Lkw-Kolonnen werden sich an Grenze stauen

Sich darauf vorzubereiten ist auch für deutsche Unternehmen nicht einfach, denn vieles von dem, was sein wird, schlummert naturgemäß noch im Nebel der Zukunft. Manche exportorientierte Firma rechnet vorsichtshalber mit dem Schlimmsten: Über Nacht gibt es Zölle, Grenzkontrollen und Lieferengpässe.

Manche Fertigung findet in mehreren Ländern und in Etappen statt: So kann es vorkommen, dass Bauteile aus der EU nach Großbritannien zur weiteren Verarbeitung geliefert werden, anschließend vielleicht in Hamburg eingebaut und zur Endabnahme nach Madrid geschickt werden – und am Ende das fertige Produkt wieder in England zum Verkauf gestellt wird. Solche Lieferketten werden sich in Zukunft nicht mehr rechnen, und statt an der Grenze in 30 Minuten abgefertigt zu werden, stauen sich die Lkw bald in langen Kolonnen.

Britische Träumereien

Das ist keine düstere Prophezeiung, sondern erwartbare Realität. Wie konnte das passieren? In Großbritannien tut man so, als sei das kein großer Deal – schließlich gibt es die traditionellen Freunde Australien, Kanada und Neuseeland – alles Untertanen Ihrer Majestät, der Königin Elizabeth II. Die aber haben alle ein Wirtschaftsabkommen mit der EU – dumm gelaufen, möchte man den Träumern eines britischen Handelsimperiums nachrufen.

Man hoffte auf Autonomie. Aber: Umgekehrt stehen an der englischen Südküste jede Menge Schiffe bereit, um EU-Bürger außer Landes zu bringen, Briten an ihren europäischen Arbeitsplatz und Güter an die französische Küste, die künftig fremdes, sehr fremdes Territorium sein wird.

Falsche Versprechen

Seligen Angedenkens gerade dieser Tage: Als im Ersten Weltkrieg britische Soldaten Frankreich zu Hilfe eilten, wurde an Visa nicht gedacht, so wie in zivileren Zeiten ab 1973 auch nicht mehr. Dazwischen: Elend und Kampf. Was schlecht ist, kommt wieder? Jedenfalls feiert eine Hälfte der britischen Bevölkerung den Abschied, der ihnen mit riesigen Gewinnen des Staates versüßt und versprochen wurde.

Nach heutigen Rechnungen ist nichts davon wahr. Das britische Gesundheitssystem, das der Brexit- Aktivist und zeitweilige Minister Boris Johnson mit den eingesparten EU-Geldern zu sanieren versprach, wird weiter darben müssen. Milliarden und Abermilliarden gehen an Vergünstigungen, Förderungen und Handelsgewinnen verloren. Da leidet vom Kleinunternehmer bis zur ehrwürdigen Oxford Library und anderen Bibliotheken das gesamte Volk.

Sorge um irische Grenze

Und das genau ist es: Die Folgenabschätzung ist schwierig. Und manches Unerwartete taucht auf. Etwa die Frage, ob grenzüberschreitende Dienstleistungen genauso zu behandeln sind wie der Güteraustausch. Und ob das an der Grenze zwischen Nordirland (britisch) und Irland (EU-Mitglied) wirklich reibungslos laufen wird, wenn der "Backstop", so nennt man die Rückfallposition, wenn gar nichts mehr klappt, ganz allein dafür sorgen kann, dass nicht nur Nordirland, sondern das gesamte Königreich in einer Zollunion mit der EU bleibt.

Das sehen die überzeugten "Brexiteers" als eine Art Geiselhaft an. Austritt ohne Ausscheiden, sozusagen. Mancher würde wohl sogar die Herrschaft über Nordirland aufgeben, nur um die verhasste Brüsseler Bürokratie loszuwerden. Laut sagen darf man das aber nicht, und schon gar nicht im Parlament Ihrer Majestät.

Sorge um Exportwirtschaft

Und so kann es kommen, wie deutsche Unternehmen es längst in der strategischen Planung eingepreist haben: Manches lohnt sich noch im Vereinigten Königreich, manches eher nicht. Ein Logistik-Unternehmer aus Franken liefert Teile aus Mazedonien in die EU: Er wird künftig eine weitere Zollgrenze haben. Seine Kostenrechnung verändert sich natürlich. Und ähnlich ergeht es der gesamten deutschen Exportwirtschaft. Ganz abgesehen davon, dass Großbritannien nach Deutschland der zweitgrößte Nettozahler der EU war, fehlt in Zukunft ein vernünftiges Grenzregime für gewerblichen Austausch.

Es scheint, als sei dieser Tage niemand vorbereitet auf ein Ereignis, das unweigerlich am 29. März eintreten wird. Die Nachrichtenagentur Reuters brachte es unlängst auf den Punkt: "Großbritanniens Wirtschaft in Schockstarre".

Irgendwelche Häme ist fehl am Platze. Die Investitionsstaus wegen des Brexit betreffen die deutsche Exportwirtschaft stark. Es ist selten, dass ein zukünftiges Ereignis die heutigen Abläufe bestimmt – für uns war die Euro-Einführung vor genau 20 Jahren so ein Fall. Nun die Zäsur – zwar sind schon Grönland und einige überseeische Provinzen Frankreichs aus der EU ausgeschieden, aber noch nie ein ganzer Staat. Zwar kein Gründungsmitglied, aber ein Schwergewicht: Man wird Großbritannien noch nachtrauern. Und vielleicht über die harte Haltung räsonieren, die Brüssel im Namen der Mitglieder an den Tag gelegt hat. Die Einigkeit in der EU war schon mal ein Phänomen – übertreiben sollte man es mit dieser Wucht der Masse lieber nicht.

Auch viele deutsche Firmen werden durchgeschüttelt

Denn die europäische, und hier besonders die deutsche Exportindustrie blickt mit Schaudern auf das Szenario. Allein für deutsche Auto-Exporteure drohen Mehrbelastungen von zwei Milliarden Euro pro Jahr, schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Angesichts dessen verwerfen namhafte Firmen ihre geplanten Investitionen in Großbritannien komplett – ohne dies natürlich offen zu sagen, denn aufgeschoben sei nicht aufgehoben: In Wirklichkeit wohl eher doch.

Bosch hat Investitionen von 39 Millionen Euro im Vereinigten Königreich zurückgestellt – wie viele mittelständische und Familienunternehmen in Deutschland ähnlich vorgehen, weiß die Statistik nicht. Für den Seelenfrieden mag das besser sein, aber die Wahrheit sickert durch: Der Brexit wird in der Wirtschaft alles auf den Kopf stellen, und jene deutschen Unternehmen, die es gewohnt sind, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, wird das alles gehörig durchschütteln.

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