Sie sind hier:

EU-Verteidigungsminister in Tallinn - Minister proben den Cyber-Ernstfall

Datum:

Das ist ein ungewohntes Bild heute beim Treffen der EU-Verteidigungsminister in Tallinn: Mit einem Tablet-PC ausgerüstet durchlaufen die Minister ein Planspiel, das eine Cyber-Attacke auf EU-Militärstrukturen simuliert. Ein Test für den Ernstfall.

Staaten destabilisieren, Atomkraftwerke sprengen, die Wirtschaft lahm legen – Hacker haben eine immense Spielwiese. Kann sich die Welt vor solchen Angriffen schützen? Harald Lesch im Gespräch mit dem Cyber-Sicherheitsexperten Sandro Geycken.

Beitragslänge:
14 min
Datum:

Zwei Stunden lang reagiern die 28 in Echtzeit, koordinieren sich und beantworten einen Katalog voller Fragen. Die EU testet ihr Krisen-Management, wie sie auf hybride Bedrohungen reagiert und sich koordiniert.

ZDF-Korrespondent Stefan Leifert
ZDF-Korrespondent Stefan Leifert Quelle: ZDF

Hacker-Attacken auf Sicherheitsstrukturen, gezielt gestreute "Fake news", Operationen an der Schwelle bewaffneter Angriffe - hybride Bedrohungen sind die neue große Herausforderung für NATO und EU, deren Abwehr aber noch kaum entwickelt. Vor allem das Zusammenspiel der 28 EU-Länder bei einem Cyber-Angriff auf EU-Institutionen oder EU-Missionen bereitet den Experten großes Unbehagen. "Die NATO stellt sich da schon länger drauf ein", sagt ein EU-Diplomat, "aber wie wir als EU im Ernstfall funktionieren, weiß niemand." Genau das will die estnische Präsidentschaft mit ihrem Planspiel heute herausfinden.

Cyberspace eigenständiges Operationsgebiet

Auch wenn der Name nicht fällt, natürlich ist Russland im geprobten Szenario Urheber der Attacken, wie sie etwa auf die EU-Mittelmeer-Mission Sophia denkbar wäre. Die NATO hat angesichts der neuen russischen Bedrohung seit der Krim-Annexion 2014 den Cyberspace zum eigeneständigen Operationsgebiet erklärt. Im Falle eines hybriden Angriffs könnte somit auch Artikel 5, die Beistandspflicht, ausgelöst werden. Das Bündnis versucht damit auf Bedrohungen zu reagieren, die auf Verschleierung, Desinformation, wirtschaftlichen Druck statt auf den Einsatz militärischer Mittel setzen. Auch die Zusammenarbeit mit der EU ist in diesem Bereich verstärkt worden.

Der Blick der beiden Bündnisse, vor allem der NATO, geht gerade wieder besonders intensiv Richtung Osten. Russland bereitet gerade zusammen mit Weißrussland das Großmanöver "Zapad" vor, das in den baltischen Ländern mit Sorge und Bedrohungsgefühl beäugt wird. Nach russischen Angaben überschreitet die Zahl der teilnehmenden Soldaten nicht die Schwelle von 13.000, ab der das Land Beobachter zulassen müsste. In der NATO gehen sie jedoch von weit mehr Soldaten aus, bis zu 100.000 besagen Schätzungen, die auch der estnische Präsident für realistisch hält. Offiziell will Russland ein Terror-Szenario üben, doch im Baltikum verstehen sie die Übung entlang ihrer Grenze als Provokation und als Übung eines Übergriffs auf die baltischen Länder.

In der NATO ist jedem klar, dass Russland militärisch leichtes Spiel hätte, das Baltikum einzunehmen. Ist die nicht mal 100 Kilometer lange Lücke zwischen Kaliningrad und Weißrussland erstmal geschlossen, wäre das Baltikum eingekesselt. Studien zeigen, dass Russland keine drei Tage bräuchte, um die drei baltischen Hauptstädte einzunehmen. Klingt wie Kalter Krieg, doch in derlei Überlegungen spiegelt sich die Befindlichkeit Estlands, Lettlands und Litauens wieder, die fürchten, die Vorgänge der Ost-Ukraine könnten sie bei ihnen wiederholen.

NATO trägt Bedenken Rechnung

Bei der NATO hält man das zwar für wenig wahrscheinlich, denn anders als in der Ukraine legte sich Russland im Baltikum mit dem ganzen Bündnis an. Dennoch trägt man den Bedenken Rechnung: die beim NATO-Gipfel in Warschau 2016 beschlossene Aufrüstung der NATO-Ostflanke ist weitgehend abgeschlossen. Gestern besuchte der NATO-Generalsekretär die Kampftruppen im estnischen Tapa und mahnte Russland im Vorfeld von "Zapad" zu "Transparenz und Berechenbarkeit, um Missverständnisse zu vermeiden". Es geht der NATO um die Einhaltung des sogenannten Wieder Dokuments, in dem Russland und NATO regeln, wie sie sich wechselseitig über Manöver informieren.

Ab sofort stehen in Estland, Litauen, Lettland und Polen jeweils 1.000 Mann starke Kampftruppen, die der NATO-Ostflanke als Rückversicherung dienen sollen. Die Bundeswehr führt den Kampfverband in Litauen an. Eine weitere Aufstockung oder militärische Antwort auf "Zapad" will die NATO trotz aller Sorgen, die Russen könnten an der Grenze zum Baltikum dauerhaft Truppen stationieren, nicht vollziehen. "Wir wollen nicht spiegelbildlich einfach nachvollziehen, was die Russen machen", sagt NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei seinem Besuch in Estland.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.