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"Verachtung fürs Wehrlose" - Die Fliege - winzig, lästig, unverstanden

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Sie ist kein Nutztier und nicht schön. Viele fragen sich grundsätzlich, warum es die Fliege gibt. Dabei können wir Menschen einiges von ihr lernen - auch aus philosophischer Sicht.

Fliege
Fliege
Quelle: dpa

Von ihrer Anmutung her sei die Fliege "maximal vom Menschen entfernt", erklärt Peter Geimer. Im Gegensatz zu innig geliebten Hunden, Katzen oder Pferden lässt sich zu ihr nicht einmal Blickkontakt herstellen.

Doch gerade aus dieser Idee der "radikalen Andersheit" der Fliege lasse sich etwas lernen, meint der Kunsthistoriker. Er hat ein Buch über das Zusammenleben von Mensch und Fliege geschrieben. "Alles deutet darauf hin, dass wir der Fliege völlig egal sind. Insofern sind vielleicht wir die eigentlich Unterlegenen, indem wir uns von der Fliege aus der Ruhe bringen lassen. Oder sind wir in ihrer Welt auch nur Störenfriede, Randerscheinungen, denen sie aus dem Weg zu gehen versucht?" Solche Gedankenexperimente könnten zeigen, dass die eigene Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen und zu verstehen, stets begrenzt sei.

Fliegen haben kein Herrchen oder Frauchen

Was nicht heißt, dass Menschen sich nicht an Fliegen abarbeiten - im Gegenteil. In der Literatur, in der Kunst und im Film gab es immer wieder Versuche, die Welt aus der Perspektive dieses Insekts zu betrachten. Und jeder, der nachts von einer Fliege wachgehalten oder beim Essen von ihr heimgesucht wurde, kennt wohl Verwünschungen wie "Miststück" oder "verdammtes Ding", die Geimer zitiert. Davon abgesehen, so der Autor, bekämen Fliegen keine Namen. Sie hätten auch kein Herrchen oder Frauchen, "höchstens haben sie einen Herrn, jenen 'Herrn der Fliegen' nämlich, der aber des Teufels ist, wie schon das Alte Testament in der Figur des Beelzebub berichtet".

Alles deutet darauf hin, dass wir der Fliege völlig egal sind. Insofern sind vielleicht wir die eigentlich Unterlegenen, indem wir uns von der Fliege aus der Ruhe bringen lassen.
Peter Geimer, Kunsthistoriker

Der Schriftsteller Elias Canetti schrieb einmal, die Fliege treffe eine menschliche "Verachtung fürs völlig Wehrlose". In einer Zeit, in der sich zahllose Menschen für den Naturschutz einsetzen, erscheint das seltsam. Nach Einschätzung des Nabu gilt es zu differenzieren: Mit "Fliegen" werden alle Insekten mit zwei Flügeln bezeichnet.

Viele Fliegenarten sind gefährdet

Stuben- und Fruchtfliegen, die im Alltag oft als lästig wahrgenommen werden, seien "durch die Anpassung an menschliche Lebensräume" eher nicht gefährdet, sagt die Leiterin des Nabu-Projekts "Insektensommer", Daniela Franzisi. Das gilt allerdings nicht für alle ihre Verwandten: 29 Prozent der dokumentierten Schwebfliegenarten sind als stark bestandsgefährdet eingestuft. Auf der bundesweiten Roten Liste sind rund 8.000 Insekten erfasst, in einigen Bundesländern wie Bayern gilt die Hornissenschwebfliege als stark gefährdet.

Studien befassen sich auch mit Köcherfliegen, die durch Wasserverschmutzung massiv geschädigt werden. Vor zwei Jahren sorgte die Krefelder Studie für Aufsehen: Die Langzeitstudie wies nach, dass in deutschen Naturschutzgebieten ein Rückgang von mehr als 75 Prozent bei den Fluginsekten zu verzeichnen ist. Eine Studie aus diesem Frühjahr zeigte einen weltweiten Rückgang von 40 Prozent.

Fliege als Lehrer für Gelassenheit

Viele Menschen beobachten, dass auf der Autobahn weniger Insekten als früher auf der Windschutzscheibe landen. Dieser Effekt kann laut Franzisi je nach Ort und Zeitraum schwanken, weist aber dennoch auf den Rückgang vieler Insektenarten hin.

Geimer erklärt, er habe sein Fliegen-Porträt nicht als Tierschützer geschrieben. Er hoffe aber schon, "etwas mehr Aufmerksamkeit für nebensächliche, kleine Dinge zu erzeugen". Die Fliege komme, ohne gerufen worden zu sein, niemand wisse, wohin sie als nächstes fliege; "oftmals ist der Modus ihres Erscheinens die Störung". Damit könnte die Fliege aber auch "ein gewisses Gegengewicht bilden in einer Zeit, in der Planbarkeit und Vorhersehbarkeit eine große Rolle spielen". Trotz ihrer Winzigkeit könne die Fliege eine große Wirkung erzeugen, betont der Autor - und den Menschen vielleicht eine gewissen Gelassenheit lehren.

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