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El Salvador und MS-13 - Die Gang des Bösen

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Eine Mauer zu Mexiko - mit ihr will Trump die USA vor kriminellen Banden schützen. Immer wieder genannt: die Gang MS-13. Das auslandsjournal geht auf Spurensuche in El Salvador.

In Zentralamerika bricht die Zivilgesellschaft zusammen, brutale Gangs haben das Sagen in vielen Gebieten. Wir begeben uns auf die Spuren der Gang MS-13 in El Salvador.

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El Trucha trägt den Gangster-Style unübersehbar auf der Haut: Von Kopf bis Fuß ist er tätowiert, auch im Gesicht. Seit zehn Jahren sitzt er im Gefängnis von Chalatenango in El Salvador. El Trucha, "die Forelle" ist sein Bandenname, er ist ein Mörder. Auch die anderen 1.719 Inhaftierten in diesem Gefängnis sind Gangmitglieder und Schwerverbrecher: Vergewaltiger, Mörder und Erpresser. Ganz friedlich wirkt es aber, wie sie im überfüllten Gefängnis leben, sie gehen zum Bastel- und Malunterricht oder zur Bibelstunde.

El Trucha ist gerade dabei, ein Prinzessinnenbild auszumalen, eine geradezu grotesk kindergartenhafte Beschäftigung für einen Bandenchef, doch für ihn ist nichts dabei: "Einige von uns haben hier Talente entdeckt, von denen wir gar nichts wussten. Vielleicht merkt einer plötzlich, dass er malen kann." In diesem Moment möchte man El Salvador wünschen, dass solche Talente schon in der Schule gefördert würden und nicht erst im Gefängnis.

Die Mauer des Schweigens

Das Land wird von geschätzten 70.000 Gangmitgliedern terrorisiert, die Polizei zählt durchschnittlich zehn Morde am Tag, bei sieben Millionen Einwohnern ergibt sich eine der höchsten Mordraten der Welt. Einer Umfrage zufolge will wegen der hohen Kriminalität jeder vierte Salvadorianer auswandern, mehr als eine Million von ihnen lebt bereits in den USA.

Wie schwierig es ist, die Banden zu bekämpfen, zeigt ein Einsatz der Polizeispezialeinheit Jaguar in San Salvador. Sergeant Walter Leon hat das Kommando. An Orten wie dem Stadtteil San Jacinto hat die staatliche Autorität nichts mehr zu sagen. Leon ist seit zweieinhalb Jahren bei der Spezialeinheit und er erlebt immer wieder, wie eingeschüchtert die Menschen sind: "Es gibt Viertel, da steht überall an der Wand: Sehen, Hören, Schweigen. Das ist eine klare Botschaft an die Bevölkerung. Wer redet, stirbt."

Auch an diesem Morgen stoßen die Polizisten auf die Mauer des Schweigens. Keiner will etwas von Gangaktivität im Viertel wissen. Die Polizei braucht die Hilfe der Bürger, doch die Angst vor der Rache der Gangs ist groß. 

Turnschuhe markieren das Revier

An einer Stromleitung baumeln aufgehängte Turnschuhe, Zeichen wie diese symbolisieren in San Salvador das Revier einer Gang. Die Stadt ist durchzogen von unsichtbaren Grenzen. Wer sie nicht respektiert, ist in Gefahr. Busfahrer wie Alfredo Lopez leben besonders gefährlich. Ihre Routen führen sie durch unterschiedliche Gangreviere. Das macht sie anfällig für Erpressung. Jeder will seinen Anteil.

Der größte Busunternehmer El Salvadors weigert sich, den Spielregeln der Gangs zu folgen. Er zahlt kein Schutzgeld. Das macht ihn zur Zielscheibe. Vier Mordversuche hat Catalino Miranda überlebt, sein Leibwächter folgt wie ein Schatten. Der Unternehmer gibt im Monat 25.000 Euro für Sicherheit aus. In den Bussen sind Kameras installiert, jede Fahrt wird genau verfolgt.

Nur ohne die Gangs habe sein Land eine Zukunft, glaubt Miranda: "Man braucht die Eier, um es mit den Gangs aufzunehmen. In El Salvador sagen wir: Es wird viel geredet, aber nur wenige haben den Mut, sich der Realität zu stellen. Bevor man hier ein Unternehmen gründet, muss man sich über mögliche Konsequenzen Gedanken machen: Entführung, Bedrohung, Erpressung."

Ein Mitglied der Gang "MS 13"
MS-13-Mitglied: Den Namen der Gang haben sich viele ins Gesicht stechen lassen.
Quelle: ZDF

MS-13 wurde in Los Angeles gegründet

Eigentlich hat El Salvador sein Gangproblem den USA zu verdanken. Die Geschichte von MS-13 begann in Los Angeles Ende der 1970er Jahre. Hauptsächlich Salvadorianer, aber auch Honduraner und Guatemalteken, gründeten die Gang Mara Salvatrucha, heute als MS-13 bekannt. Schon damals ging es um Drogen, Menschenhandel, Geldwäsche und Prostitution. Verhaftete Gangmitglieder wurden von den USA oft nach El Salvador abgeschoben, besonders nach Ende des Bürgerkriegs 1992. Damit wurde auch die Bande quasi nach El Salvador exportiert, inklusive ihrer Kontakte in die USA.

Seitdem gibt es das Problem mit MS-13 in El Salvador und in den USA. Donald Trump hat sie schon in seinem Wahlkampf zur Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt, er umgibt sich mit ihren Opfern und erklärt die Schauplätze ihrer Verbrechen zu "blutgetränkten Schlachtfeldern". MS-13 wird in Trumps Auftritten zur Personifikation des Bösen und ist ein wichtiges Argument zur Rechtfertigung seiner knallharten Einwanderungspolitik.

Die Brutalität ist oft verstörend, doch die herausgehobene Position, die Trump der Latino-Gang zukommen lässt, ist krass übertrieben. Von etwa 1,4 Millionen Gangmitgliedern in den USA gehören etwa 10.000 der MS-13 an, von jährlich 17.000 Morden gehen gut 30 auf ihr Konto. Und die Zahl der Gangster hat sich seit 15 Jahren nicht erhöht, Trumps Behauptung, MS-13 überrolle heute das Land, also falsch.

Infokarte El Salvador
Karte von El Salvador im Westen Mittelamerikas.
Quelle: ZDF

Vorbeugung und Aufklärung sind nötig

Jorja Leap hat ein Jahr mit der Bande gelebt, um die Gangkultur zu studieren. Keiner hat die MS-13 besser erforscht als die Anthropologin der University of California. Sie sagt:  "Ich wünsche mir, die Regierung würde aufhören, Unwahrheiten zu verkünden und stattdessen Experten anhören. Sie tun es aber nicht, das ist verheerend für unser Land, für die Bekämpfung der Banden und für Einwanderer."

Das Problem ist eines, das Kooperation zwischen den USA, Mexiko und den mittelamerikanischen Staaten erfordert. Vorbeugung, Aufklärung und eine bessere wirtschaftliche Perspektive sind vonnöten, um die Gangs zu schwächen und die Migration zu reduzieren.

El Trucha im Gefängnis von Chalatenango bestätigt das. Er wünscht sich, seine Familie wieder zu sehen. Deshalb will er zeigen, dass die Normalität des Tötens durchbrochen werden kann. Er hat eine Botschaft an den Staat: "Wir haben uns geändert. Erkennt das bitte an. Wir brauchen Reintegrationsprogramme und Arbeit. Man soll uns nicht immer nur als Abschaum bezeichnen, wir sind auch Menschen."

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