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Die "kleine Schwester" - Die CSU und ihre Besonderheiten

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Die kleine Unions-Schwester CSU ist auch im Bund äußerst selbstbewusst. Man muss in die Geschichte der Partei blicken, um ihre Besonderheit zu verstehen.

Endet nach gut 70 Jahren die Fraktionsgemeinschaft der Union, lässt die CSU die Koalition platzen? Wie kommt es, dass die Regionalpartei auch im Bund so mächtig ist?

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Seit Wochen ist der Asylstreit das alles beherrschende Thema. Und die Frage: Wird die Union daran zerbrechen, endet nach gut 70 Jahren die Fraktionsgemeinschaft, lässt die CSU die Koalition platzen? Der Machtkampf zwischen CDU und CSU lähmt die deutsche Politik.

Die Union: Sie ist eine Schicksalsgemeinschaft - die Geschichte zweier Schwestern: der Großen, der CDU, die bundesweit agiert und der Kleinen in Bayern, der CSU, äußerst selbstbewusst. Oder wie Horst Seehofer im Dezember 2014 auf dem CSU- Parteitag ihre Rolle beschreibt: "Meine Freunde, wir sind die Taktgeber in vielen Fragen und die Schrittmacher in Berlin. Wir geben die Richtung vor, und wir gehen voran."

Als Regionalpartei mächtig im Bund

Doch woher kommt dieses Selbstbewusstsein? Warum ist diese Regionalpartei so mächtig im Bund? Man muss zurückblicken in die Geschichte dieser Partei, um ihre Besonderheit zu verstehen.

Im Sommer 1945 bilden sich auf kommunaler Ebene christlich-soziale Gruppierungen als Gegengewicht zur SPD und KPD. Doch es wird noch einige Monate dauern, bis daraus die Christlich-Soziale Union in Bayern entsteht. Sie trifft offensichtlich den urbayerischen Nerv: Bei der Landtagswahl 1946 erringt die CSU die absolute Mehrheit mit 52,3 Prozent.

Meist absolute Mehrheiten im Landtag

"Mir san mir, mir san Bayern" - als Volkspartei zwischen Tradition und Neubeginn ist sie bestens vernetzt. Das kommt an im Land: Sagenhafte Wahlergebnisse mit über 60 Prozent, meist absolute Mehrheiten im Landtag. Und bis auf eine Ausnahme stellt sie seit Jahrzehnten den Ministerpräsidenten. Das gibt Rückenwind. Auch bundesweit.

Ein Erfolg, für den nach wie vor Franz Josef Strauß verantwortlich gemacht wird. Und dessen Leistung nach wie vor präsent ist. Wenn sich etwa Edmund Stoiber auf dem Politischen Aschermittwoch in Passau 2007 selbstkritisch hinterfragt: "Ich frage mich doch heute, hast du das Erbe des größten Sohnes der CSU, Franz Josef Strauß auch für Bayern gut verwaltet?"

Vier Jahrzehnte verkörpert der legendäre Franz Josef Strauß die Partei, er ist die CSU. Zunächst stellvertretender Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, später in verschiedenen Ministerämtern und als Ministerpräsident von Bayern aktiv. Er gilt als politischer Heißsporn, doch er schweißt das Land zusammen. Von vielen bewundert, aber auch gefürchtet. Strauß weiß um seine Rolle: "Ich bin nicht umsonst für viele politische Gegner unbequem, und ich bin nicht umsonst in ihrem Sinne gefährlich genannt worden." Ihm gelingt es, die Besonderheit der CSU hervorzuheben, ihr zu einer Sonderrolle in der Parteienlandschaft zu verhelfen.

CDU akzeptiert Sonderrolle zähneknirschend

Als sich die Landesverbände der CDU zusammenschließen, lehnt die CSU den gesamtdeutschen Führungsanspruch unter Konrad Adenauer ab. Nach dem Motto: Bloß nicht eine von vielen sein. An der Macht teilhaben, aber sich nicht vereinnahmen lassen. Und die bayerischen Interessen auf Bundesebene vertreten. Diese Sonderrolle akzeptiert die große Schwester CDU zähneknirschend. Bis heute. Auch und gerade weil die CSU finanziell und organisatorisch unabhängig ist.

"Mensch ärgere dich nicht, ein Spiel, das ein Politiker beherrschen muss" - mit diesem Wahlslogan wirbt die CSU 1969. Und sie scheint das Spiel zu beherrschen, zumindest teilweise. Auch in der Vergangenheit kamen immer wieder Nadelstiche aus Bayern, etwa gegen den Kanzlerkandidaten der Schwesterpartei: Helmut Kohl. Über ihn zieht Strauß in seiner berühmten Wienerwald-Rede her: "Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig. Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür." Doch da irrt sich Franz Josef Strauß gewaltig. Kohl wird Kanzler - und bleibt es 16 Jahre lang. Und der mächtige bayerische Ministerpräsident, der starke bundespolitische Ambitionen hegt, scheitert auf Bundesebene. Das tut weh.

 Aufstand der CSU im November 1976

Bereits zuvor war es zum Aufstand im November 1976 in Wildbad Kreuth gekommen. Auf ihrer Klausurtagung entscheidet die CSU, sich nach 27 Jahren Fraktionsgemeinschaft im Bundestag von der CDU zu trennen. Der Grund: Die Union hat die Bundestagswahl knapp verloren. Und das, obwohl die CSU ein 60-prozentiges Wahlergebnis in Bayern eingefahren hat. Darüber verärgert und im Glauben alleine stärker zu sein, verkündet Friedrich Zimmermann, der damalige Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, auf einer legendären Pressekonferenz, "dass die CSU mit ihren 53 Abgeordneten im deutschen Bundestag eine eigene Fraktion für die achte Legislaturperiode bilden wird." Franz Josef Strauß beschreibt den Journalisten den Moment der Trennung mit den Worten. "Ich habe dies Herrn Dr. Kohl gesagt, in einer sehr freundschaftlichen und unbelasteten Atmosphäre."

"Herr Dr. Kohl" reagiert. Er droht damit, in Bayern einen CDU-Landesverband zu gründen, lässt sogar schon nach einer geeigneten Immobilie in München Ausschau halten. Das zeigt Wirkung, die kleine Schwester rudert zurück. Etwa drei Wochen hat die Trennung gedauert.

Krallen werden regelmäßig ausgefahren

Trotz der Niederlage ist der Mythos des "Geists von Kreuth" geboren. Und bleibt in den folgenden Jahren gegenwärtig. Es denen in Berlin zu zeigen, das Kämpferische kommt beim Wähler gut an. Zumindest bisher. Und so werden die Krallen des bayerischen Löwen in schöner Regelmäßigkeit ausgefahren. Besonders wenn es darum geht, dass es "rechts von der CSU" keine politische Kraft geben darf.

2017 gibt es sie. Die AfD. Bei der Bundestagswahl holt sie 12,4 Prozent in Bayern. Der Schock sitzt tief. Noch am Wahlabend kündigt CSU-Chef Horst Seehofer ein entschlossenes Vorgehen an, spricht von einer "Flanke auf der rechten Seite, eine offene Flanke und deshalb kommt es jetzt in den nächsten Wochen besonders darauf an, dass wir diese Flanke schließen, mit klarer Kante". Bleibt die Frage: Wie weit wird die CSU, wird Horst Seehofer dabei gehen?

Heute ab 15 Uhr wollen Seehofer und die anderen CSU-Spitzen in München darüber entscheiden, ob das, was Angela Merkel in Brüssel erreicht hat, "wirkungsgleich" mit den Forderungen der CSU ist. Zerbricht die Schicksalsgemeinschaft der beiden Schwestern, dann steht die Frage einer bundesweiten Ausdehnung der CSU im Raum, genauso wie die Gründung eines Landesverbands der CDU in Bayern. Doch im Gegensatz zum Trennungsbeschluss in Kreuth im November 1976 ist heute die Union an der Regierung. Ein Bruch der Fraktionsgemeinschaft bedeutet somit auch das Ende der Berliner Koalition - mit noch unabsehbaren Folgen.

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