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Vergleich von Wirtschaftsdaten - Die Macht der eigenen Wirtschaftskultur

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Der Jahresanfang ist die Zeit der Prognosen und Vergleiche. Warum die Wirtschaftskultur wichtiger und mächtiger ist als Zahlen, erklärt Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser.

Fabrik

makro: Im Digitalisierungszeitalter hat die Vermessung der Wirtschaft ihren Kompass verloren, sagt der Ökonom Thomas Straubhaar. Inwieweit ist denn Ihrer Meinung nach industrielle Leistungsfähigkeit heute noch messbar?

Werner Abelshauser: Hochentwickelte Volkswirtschaften wie Deutschland oder die USA sind längst keine Industriestaaten mehr. Heute ist industrielle Leistungsfähigkeit ein Kennzeichen von Entwicklungsländern. Im nachindustriellen Deutschland ist die Produktion zwar - anders als in den USA - noch mit den Händen zu greifen. Aber selbst an den Flaggschiffen der Autoindustrie, in deren Äußeres wir so verliebt sind, lässt sich aber kaum noch materielle Wertschöpfung finden. Denn teuer ist das Auto vor allem durch die Technik und nicht etwa durch Karosserie oder Innenausstattung. Der Kompass materieller industrieller Leistungsfähigkeit bietet hier also keine Orientierung mehr.

makro: Und dennoch ist es heute sehr en vogue, die Leistungsfähigkeit von Ländern miteinander zu vergleichen. War das schon immer so? Oder hat das etwas mit dem Krisenmodus der vergangenen Jahre zu tun?

Abelshauser: Im Industriezeitalter schien es sinnvoll, sich am Standard Englands, der "first industrial nation", zu messen, um den Aufholprozess zu beschleunigen. Während der beiden Weltkriege verlagerte sich das statistische Interesse auf den Vergleich innerer Entwicklungsstände, um die kriegswirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Versuchung groß, dieses hochentwickelte Instrumentarium für die Neuordnung der Weltwirtschaft einzusetzen. Der wirtschaftliche Arm der Vereinten Nationen (IWF, Weltbank, WTO) ist aber bis heute nicht in der Lage, dafür angemessene Methoden einzusetzen. Schon in den 60er Jahren scheiterte die Übertragung des Marshallplankonzepts auf Afrika an wirtschaftskulturellen Realitäten, die sich der statistischen Analyse entziehen. Was gegenüber hochentwickelten Ländern funktionierte, ist kein Maßstab für Entwicklungshilfe. Auf der Suche nach institutionellen Wettbewerbsvorteilen ist Statistik nur begrenzt hilfreich.

makro: Beim Ländervergleich innerhalb des Euroraums spielt in der Regel auch die Defizitgrenze von drei Prozent eine große Rolle. Welche Berechtigung hat denn diese Kennziffer?

Abelshauser: Die Defizitgrenze von drei Prozent lässt sich nicht wissenschaftlich herleiten. Sie ist einfach eine politische Hausnummer, um innerhalb des Euroraumes vergleichbar stabile Verhältnisse anzustreben. In Wirklichkeit ist sie abhängig von den konjunkturellen Rahmenbedingungen, der jeweiligen finanzpolitischen Tragfähigkeit der Mitgliedstaaten und deren wirtschaftskulturellen Besonderheiten. Diese haben im Zweifel Vorrang - wie die Praxis zeigt.

makro: Eine weitere magische Zahl ist die Inflationsrate. Die Europäische Zentralbank EZB strebt für den Euroraum eine Rate von knapp zwei Prozent an. Ein aus Ihrer Sicht tatsächlich erstrebenswertes Ziel?

Abelshauser: Dahinter steckt die Taktik, mit den Mitteln der Geldpolitik wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Investoren machen ihre Entscheidung von der Wahrscheinlichkeit abhängig, mit der sich ihre Renditeerwartung erfüllt. Eine gewisse Geldillusion kann dabei nützlich sein. Es stellt sich aber die Frage, ob dieses Ziel es wert ist, alle Risiken und Nebenwirkungen einer waghalsigen Geldpolitik ("whatever it takes") der EZB in Kauf zu nehmen.

makro: Jenseits aller Mess- und Vergleichbarkeit von Wirtschaftsleistung: Es ist wichtig, sagen Sie, die eigene Wirtschaftskultur zu kennen und die Wettbewerbsvorteile zu nutzen. Was heißt das für Deutschland?

Abelshauser: Die Wirtschaftskulturen der großen Welthandelsnationen unterscheiden sich grundlegend voneinander in der Art und Weise, wie die Akteure denken und handeln und das soziale System der Produktion organisiert ist. Sie entscheiden über den Erfolg auf bestimmten Märkten. Das Bundeswirtschaftsministerium wusste z. B. bereits Anfang der 50er Jahre, dass Deutschland mit nachindustrieller Maßschneiderei von Maschinen und Anlagen der geborene Ausstatter der Schwellenländer sein kann und hat diese Rolle durch seine Ordnungspolitik systematisch ausgebaut. Es konnte dabei an der revolutionären Symbiose von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik im Kaiserreich anknüpfen. Während für die ehemaligen Kolonialländer galt "Trade follows the flag", folgte die deutsche Wirtschaft der Losung "Trade follows the engineer". Die Strategie war umso erfolgreicher als alte Kunden, wie China und Russland, nach langer Abwesenheit 1978 und 1990 auf den Weltmarkt zurückkehrten. Deutschland tut also gut daran, weniger der Macht der Zahlen als der Kraft der eigenen Wirtschaftskultur zu vertrauen.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt

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