ZDFheute

Die mysteriöse Flucht von Automanager Ghosn

Sie sind hier:

Ehemaliger Nissan-Chef - Die mysteriöse Flucht von Automanager Ghosn

Datum:

Nach der Flucht von Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn aus Japan sickern immer mehr Details durch. Was bisher bekannt ist - was noch im Dunkeln liegt.

Archiv: Carlos Ghosn, ehemaliger Chef von Nissan.
Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn: "Manipuliertes japanisches Justizsystem"
Quelle: AP

Wie es dem früheren Nissan-Chef Carlos Ghosn gelang, sich trotz strenger Überwachung aus Japan abzusetzen, ist nicht klar. Fest steht, dass er nach einem Zwischenstopp in der Türkei am Montag mit einem Privatflugzeug in seiner Heimat Libanon landete. Justizminister Albert Serhan sagte der Nachrichtenagentur AP, Ghosn sei mit einem gültigen Pass ins Land eingereist. Ghosn hat neben der libanesischen auch die französische und die brasilianische Staatsbürgerschaft.

Der Ex-Manager von Nissan und Renault selbst ist seit seiner Ankunft bisher nicht öffentlich aufgetreten. In einer Stellungnahme hatte er Anfang der Woche erklärt, er habe sich wegen des "manipulierten japanischen Justizsystems" für die Ausreise entschieden. Später betonte er, dass er die Flucht alleine geplant habe - ohne Hilfe von Mitgliedern der Familie. Nach eigenen Angaben will er in der kommenden Woche mit Journalisten sprechen. Laut Serhan werden die libanesischen Behörden Ghosn befragen. Im Libanon lägen aber keine Anklagen gegen ihn vor.

Fluchtzeitpunkt wohl bewusst gewählt

Der Zeitpunkt der Flucht war womöglich sehr bewusst gewählt. Zum Jahreswechsel waren in Japan nämlich viele staatliche Stellen die ganze Woche über geschlossen. Ghosn, dem verschiedene Finanzvergehen zur Last gelegt werden, dürfte also darauf spekuliert haben, von möglichen Sicherheitslücken profitieren zu können. Dass es ihm gelingen konnte, ist dennoch verwunderlich.

Denn er wurde rund um die Uhr von Kameras überwacht. Alle seine Pässe hätten eigentlich bei seinem Anwalt sein müssen. Zugang zum Internet war ihm nur im Büro des Anwalts erlaubt. Begegnungen mit seiner Frau, Carole Ghosn, waren ihm verboten worden. Zuletzt hatten die japanischen Behörden Kontakte per Video-Anruf gestattet - auch das aber nur in Anwesenheit des Anwalts. Ghosns leitender Anwalt Junichiro Hironaka betonte, er habe nichts von einer geplanten Flucht gewusst und sei selbst fassungslos.

Verfahren dürfte trotz Flucht fortgesetzt werden

Angesichts der vielen Fragezeichen rund um die mysteriöse Ausreise kursieren inzwischen verschiedenste Spekulationen. Einigen Berichten zufolge soll sich der Ex-Manager in einem Instrumentenkoffer versteckt haben. Interpol erließ am Donnerstag einen Haftbefehl gegen Ghosn. Die sogenannte "Red Notice" der internationalen Polizeibehörde ist allerdings nur ein nicht bindender Fahndungsaufruf zur Festnahme einer flüchtigen Person. Da zwischen dem Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen besteht, dürfte der Ex-Manager zunächst wenig zu befürchten haben. Nach Einschätzung von Experten schränkt es aber zumindest seine Reisefreiheit ein.

Die japanische Staatsanwaltschaft, die gegen die Freilassung auf Kaution vergeblich Einspruch eingelegt hatte, ließ am Donnerstag die Wohnräume von Ghosn in Tokio durchsuchen. In der Türkei wurden im Rahmen von Ermittlungen bezüglich des Zwischenstopps im Land mehrere Personen festgenommen. Die japanische Regierung hat noch keine offizielle Stellungnahme veröffentlicht. Die Kaution in Höhe von 1,5 Milliarden Yen (gut 12 Millionen Euro) wurde einbehalten. Prozesse bei Abwesenheit des Angeklagten sind in Japan unüblich. Das Verfahren wegen Vorwürfen gegen Nissan als Unternehmen sowie gegen den Nissan-Manager Greg Kelly dürfte aber fortgesetzt werden. Ein Termin steht noch nicht fest.

Ghosn droht Haft von bis zu 15 Jahren

Ghosn, der im November 2018 in Japan festgenommen worden war, soll unter anderem zugesicherte Einkünfte in offiziellen Dokumenten von Nissan verschwiegen und Gelder des Unternehmens zu seinen eigenen Gunsten umgeleitet haben. Der Ex-Manager hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Im Falle einer Verurteilung in allen Punkten hätte ihm eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren gedroht.

Vor seiner Festnahme war Ghosn gerade in Japan ein von vielen gefeierter Manager. In knapp zwei Jahrzehnten machte er aus dem einstigen Krisenkonzern Nissan eine weltweite Top-Marke. Mehrere von ihm geschriebene Bücher zum Thema Management wurden ins Japanische übersetzt. Zeitweise wurde er fast wie ein Star verehrt. Es gibt sogar einen Manga-Comic mit Ghosn als Helden. Im Libanon gilt Ghosn bis heute als Held. Seine Verbindungen reichen dort bis in die höchsten Kreise der Politik. Nach seiner Festnahme wurde er zum Symbol des Protests gegen das japanische Gerichtssystem, das auch von einigen Menschenrechtlern als "Geiseljustiz" kritisiert wird. Ghosn musste 130 Tage in Untersuchungshaft verbringen, bevor er gegen Kaution freikam.

Nissan hat sich noch nicht erholt

Für Kritik in der Heimat sorgte 2008 ein Besuch von Ghosn in Israel. Obwohl sich die beiden Länder offiziell im Kriegszustand befinden, traf der libanesische Manager dort anlässlich der Einführung von Elektroautos den Präsidenten und den Ministerpräsidenten. Schlagzeilen machte Ghosn immer wieder auch mit seinem extravaganten Lebensstil. Die Marke Nissan hat stark gelitten. Umsatz und Gewinn sind rückläufig. Ghosn hatte im Unternehmen zudem eine solch herausragende Stellung, dass sich auch die Suche nach einer Nachfolgelösung als schwierig erweist. Hiroto Saikawa, der zunächst übernahm, musste sich im September wegen Untreue-Vorwürfen wieder zurückziehen. Neuer Chef ist nun Makoto Uchida, der zuvor das China-Geschäft von Nissan geleitet hatte.

Fraglich ist derweil auch, wie es mit der von Ghosn aufgebauten Allianz mit dem französischen Autobauer Renault weitergeht. Experten zufolge ist sie wegen der inzwischen engen Verzahnung in Bereichen wie Modellentwicklung, Produktionsanlagen und Fahrzeugteilen praktisch irreversibel. Ghosn hat den Verdacht geäußert, dass seine Verhaftung von Kräften vorangetrieben worden sei, die einen noch festeren Zusammenschluss der beiden Unternehmen hätten verhindern wollen. Uchida hat aber bereits betont, dass die Allianz mit Renault für Nissan sehr wichtig sei.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.