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Gesündere Lebensmittel - Das kann Klöckners Anti-Zucker-Strategie

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Die Deutschen sollen gesünder leben - und Ministerin Klöckner setzt dabei vor allem auf die Lebensmittelbranche. Das Ziel: weniger Zucker, Salz und Fett im Essen. Aber reicht das?

Ein Löffel mit Knusperringen in Milch
Cerealien zum Frühstück? Lecker - aber oft voller Zucker.
Quelle: dpa

Was haben Julia Klöckner und die Lebensmittelbranche vereinbart?

Das Ziel von Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU): Fertigprodukte sollen in Zukunft mit weniger Zucker, Salz und Fetten auskommen. Andere europäische Länder haben dafür eine Zuckersteuer eingeführt. Klöckner aber geht einen anderen Weg: Sie arbeitet mit der Lebensmittelindustrie zusammen - und ermutigt die Branche zu Selbstverpflichtungen auf freiwilliger Basis. "Ein in Europa einzigartiger Ansatz", wie Klöckner sagt. "Unser Lebensmittelangebot in Deutschland wird gesünder und die Ernährungswirtschaft zieht mit - denn beides gehört zusammen."

Konkret haben sich die Lebensmittelhersteller unter anderem diese Ziele gesetzt:

  • Mindestens 20 Prozent weniger Zucker in Frühstückscerealien für Kinder
  • Mindestens 15 Prozent weniger Zucker in Getränken
  • Mindestens zehn Prozent weniger Zucker in Kinderjoghurts
  • Im Durchschnitt nur noch 1,25 Gramm Salz pro 100 Gramm bei Tiefkühlpizzen

Die Umsetzung der selbstgesteckten Ziele soll Anfang 2019 starten und bis 2025 abgeschlossen sein.

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner hat mit der Industrie konkrete Ziele zur Reduktion von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten vereinbart. Die Strategie besteht aus Verträgen mit Herstellern - Selbstverpflichtungen, die bis 2025 einzulösen sind.

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Okay - und warum die ganze Aufregung um das bisschen Zucker?

Weil zu viel Zucker ungesund ist. Er macht dick. Und das kann zu weiteren Krankheiten führen: Diabetes Typ 2, Krebs, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Deutschland gelten laut Ministerium derzeit 47 Prozent der Frauen, 62 Prozent der Männer und 15 Prozent aller Kinder als übergewichtig. Außerdem greift Zucker unsere Zähne an. Vor allem zuckerhaltige Getränke begünstigen Karies.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen deshalb nicht mehr als 25 Gramm Zucker am Tag. Bei Kindern rät sie zur Hälfte. Doch diese Menge hat man sehr schnell zu sich genommen. Schon eine 0,33-Liter-Dose Cola enthält 35 Gramm Zucker - 140 Prozent der empfohlenen Tagesdosis für einen Erwachsenen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist mit ihrer Empfehlung deshalb auch etwas großzügiger. Sie hält 50 bis 60 Gramm Zucker am Tag für vertretbar. Dennoch: Da sehr viele Lebensmittel Zucker enthalten - manche auch natürlich -, ist es wichtig, dass die Lebensmittelhersteller ihre Produkte nicht künstlich überzuckern. Zumal unser Körper auch Kohlenhydrate wie Brot und Pasta zu Zucker verarbeitet.

Zucker ist Treibstoff für den Körper, ohne ihn geht nichts. Aber zu viel ist auch nicht gut. Tobi erklärt, warum und wieviel es denn sein darf.

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Und freiwillige Selbstverpflichtungen sind dafür der richtige Weg?

Da teilen sich die Meinungen.

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft, ist insgesamt zufrieden. "Unsere Ideallösung ist gar nicht so weit weg", sagt Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff: "Vertrauen in die Unternehmen zu haben." Was ihm zu kurz komme: Die Hersteller optimierten seit Jahren ihre Rezepturen, da werde längst reduziert.

Kritiker bezweifeln allerdings die ernsthaften Absichten der Unternehmen, die Rezepturen ihrer Fertigprodukte wirklich verändern zu wollen. "Wir brauchen wirksame politische Maßnahmen", fordert Sarah Häuser von Foodwatch. Es den Lebensmittelunternehmen zu überlassen, ob sie sich beteiligten oder nicht, sei der falsche Weg - gar "ein Geschenk" von Julia Klöckner.

Sind die gesetzten Selbstverpflichtungen denn ausreichend?

Auch hier: geteilte Meinungen.

Foodwatch prangert vor allem die "überzuckerten Frühstücksflocken" an. "Eine Reduktion um 20 Prozent macht die auch nicht gesund", sagt Sarah Häuser. "Die sind dann in der Regel immer noch überzuckert, weil da so viel Zucker drinnen steckt."

Die Lebensmittelwirtschaft verweist dagegen auch auf die Verantwortung anderer, spricht von einem "gesamtgesellschaftlichen Prozess" - und spricht auch bei zehn bis 20 Prozent weniger Zucker von Herausforderungen.

Was für Herausforderungen sind das?

"Bei jedem Produkt braucht es einen sehr individuellen Ansatz", sagt BLL-Hauptgeschäftsführer Minhoff. Die Hersteller müssten die Funktion des Inhaltsstoffes für das Gesamtprodukt berücksichtigen und überlegen, ob die technologischen Voraussetzungen für weniger Zucker, Salz oder Fett gegeben wären. "Da passiert unheimlich viel, da wird sehr viel geforscht", sagt Minhoff. Aber: "95 Prozent der Lebensmittelhersteller sind kleine und mittelständische Unternehmen. Um solche Entwicklungen zu begleiten und Forschungen voranzutreiben, sind aber auch Investitionen notwendig."

Außerdem dürften die Hersteller ihre Kunden nicht vergessen. Die wichtigste Frage sei immer noch: "Nimmt der Kunde das an?" Gerade für Unternehmen, die mit sehr wenigen Produkten am Markt seien, sei das eine mitunter essenzielle Frage. "Die Kunden müssen das Produkt am Ende auch noch kaufen und essen wollen", sagt Minhoff.

Warum eigentlich keine Zuckersteuer - wie in anderen Ländern?

Ministerin Klöckner hat sich gegen die Zuckersteuer entschieden. Sie vertraut auf die Zielsetzung der Unternehmen - und setzt darauf, dass der Druck der Öffentlichkeit so groß sein wird, dass ihr Vertrauen am Ende belohnt wird.

Sarah Häuser von Foodwatch versteht das nicht. Die Zuckersteuer gehöre zu den "politisch wirksamen Maßnahmen", die Experten weltweit schon lange forderten. "In Großbritannien gibt es ja die Limo-Steuer", sagt sie. "Da haben die Hersteller den Zuckergehalt in ihren Getränken auch ganz drastisch gesenkt." Tatsächlich hat beispielsweise die Fanta von Coca-Cola in Großbritannien nur noch 4,6 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. In Deutschland sind es dagegen 9,1 Gramm Zucker - fast das Doppelte.

Das wiederum will Minhoff nicht gelten lassen. Der sagt: "Wenn Sie Zucker besteuern und durch einen anderen kalorienhaltigen Inhaltsstoff ersetzen, ist der mögliche gesundheitliche Gewinn im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung überschaubar."

Und welche anderen Maßnahmen fordern Kritiker noch?

Zum einen die Lebensmittelampel, so auch Sarah Häuser von Foodwatch. "Sie zeigt Verbrauchern im Supermarkt auf einen Blick, welches Produkt besonders zuckrig, salzig oder fettig ist."

Die Ernährungsministerin sieht das allerdings anders. "Die vereinfachte Ampelkennzeichnung bringt Verwirrung", sagt Klöckner. "Nur ein Beispiel: Frisch gepresster Orangensaft hat Zucker, also käme da eine rote Ampel drauf. Daneben steht eine Light-Limonade mit grüner Ampel." Einzelne Inhaltsstoffe zum Sündenbock für Fehlernährung zu machen, sei der "falsche Weg".

"Das ist Quatsch", entgegnet allerdings Häuser. Fruchtstäfte enthielten nun einmal viel Zucker. Und viel entscheidender sei die Lebensmittelampel dann doch bei Fertigprodukten. Zumal die Erfahrung aus Ländern mit Lebensmittelampel zeige: "Das Einkaufsverhalten hat sich geändert - und die Angabe in Ampelfarben wird von den Verbrauchern verstanden."

Eine weitere Maßnahme, die Foodwatch fordert: eine Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung. "Andere Länder sind uns da weit voraus", klagt Häuser.

Minhoff, der Vertreter der Lebensmittelwirtschaft, fordert außerdem mehr Verantwortung anderer gesellschaftlicher Akteure ein. Es gäbe immer noch zu viele Menschen, die sich nicht für bewusste Ernährung interessierten. "Wie erreichen Sie diese Menschen?", fragt Minhoff und fordert unter anderem "kostenlose Ernährungsberatung", finanziert auch aus den Milliardenüberschüssen der Krankenkassen. Das wäre hilfreich, "weil die Menschen dann besser einschätzen könnten, was für sie gut ist als ausgewogene Ernährung".

Der Autor ist Redakteur und Reporter bei heute.de - und hier auf Twitter zu finden: @waskevinsagt.

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