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Die neue Seidenstraße - Chinas Mega-Staudamm in Myanmars Natur

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Auch in Myanmar wird Chinas Umtriebigkeit sichtbar. Für einen Mega-Staudamm unter chinesischer Regie sind schon tausende Menschen umgesiedelt worden. Das sorgt für lauten Protest.

Der Fluß Irrawaddy in MyanmarDer Fluß
Der Fluß Irrawaddy in Myanmar
Quelle: imago/Volker Preußer

Sie steht zwischen Gestrüpp, Bananenstauden und zeigt auf ein paar Brocken Beton. "Das waren die Treppenstufen, die in den ersten Stock führten", sagt Ja Khawn. Die 52-Jährige hat fast ihr gesamtes Leben im kleinen Dorf Tang Phrae im Norden Myanmars an der Grenze zu China verbracht. Und nun geht sie durch das, was von ihrem Zuhause übrig geblieben ist.

Viel ist das nicht. Ihre Reisfelder, die sie mit ihren Eltern bewirtschaftet hat, sind zugewachsen, die Büffel und Kühe, die sie besaß, längst verkauft. Der Holzschuppen am Grundstücksrand verfällt - er war mal ihr Laden, mit dem sie die Dorfbewohner versorgt hat. Sie schweigt, blickt stumm um sich. Die Dorfkirche gegenüber auf der anderen Straßenseite steht - noch. Dann sagt sie:"Ich will wieder hierher zurückkommen. Hier haben schon meine Eltern und Großeltern gelebt."

Anwohner müssen Mega-Staudamm weichen

Ja Khawn taucht nur noch selten in ihr altes Leben hinein, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Doch das alte Holztor, das mit Stacheldraht zusammengehalten wird und ihr ehemaliges Zuhause begrenzt, schließt sie gewissenhaft zu. Das macht zwar keinen Sinn, weil man auch gleich ums Eck ungehindert auf ihr Grundstück gelangen könnte, aber ihr sind das Tor und die Eisenkette, die es verschließt, wichtig. Als ob sie damit die Chinesen aufhalten könnte.

Karte von Myanmar mit dem Stadt Myitkyina
Karte von Myanmar mit dem Stadt Myitkyina
Quelle: ZDF

Denn vor ihrer ehemaligen Haustür - eine halbe Autostunde nördlich von Myitkyina, der Hauptstadt der Provinz Kachin - plant die China Power Investment Corporation mit dem Myitsone-Staudamm ein Megaprojekt. Das chinesische Staatsunternehmen will gleich unterhalb des ehemaligen Dorfes von Ja Khawn mit einer 152 Meter langen und 152 hohen Talsperre den Irrawaddy stauen.

Mehrere Millionen Euro hat die Firma bereits verbaut, einige Fundamente wurden in den Flussboden gerammt, tausende Menschen umgesiedelt. Das 2,6 Milliarden Euro teure Projekt wäre nach Fertigstellung eines der größten Wasserkraftwerke weltweit - und würde Dutzende Dörfer überfluten sowie Tempel und Kirchen von der Bildfläche verschwinden lassen. Die Fertigstellung war eigentlich für vergangenes Jahr geplant.

Es ist ein chinesisches Mammutprojekt: die neue Seidenstraße. Sie soll China mit dem Westen verbinden.

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Burmesen wollen Mega-Staudamm nicht

Doch 2011 stoppte die burmesische Regierung unter Präsident Thein Sein, einem moderaten Reformer, das Projekt, das seit Jahren in Myanmar hoch umstritten ist. Denn obwohl immer noch Millionen Burmesen ohne Strom leben, lehnt eine Mehrheit der Bevölkerung das Projekt ab. Zu wichtig erscheint ihnen "ihr" Fluss.

Der Irrawaddy fließt auf über 2.000 Kilometer Länge durch Myanmar, an Mandalay und den Tempeln vor Bagan vorbei und mündet bei Yangon im Süden des Landes in den Indischen Ozean. "Er ist die Lebensader des Landes", sagt Ja Khawn. Sie befürchtet unkalkulierbare Risiken und negative Folgen für die Vegetation und die Millionen Menschen, die an und mit dem Fluss leben.

Baustopp kommt für viele zu spät

Was den Burmesen ebenfalls aufstößt: 90 Prozent des erzeugten Stroms sollen nach China gehen. Nicht zuletzt deshalb hatte Aung San Suu Kyi, die burmesische Freiheitsikone, Friedensnobelpreisträgerin und nun de-facto Regierungschefin des Landes, jahrelang als Oppositionsführerin gegen den Mytsone-Staudamm gekämpft. 

Die Entscheidung zum vorläufigen Baustopp der burmesischen Regierung kam für Ja Khawn und ihre Nachbarn aus Tang Phrae allerdings zu spät. Da hatten Bulldozer bereits ihr Zuhause dem Erdboden gleichgemacht. Und die Lokalbehörden teilten Ja Khawn 20 Kilometer weiter im Dorf Aung Myay Dhar ein neues Zuhause zu. Mehr als 2.000 Menschen, viele von ihnen von der ethnischen Minderheit der Kachin, die mit ihren Häusern dem Mytsone-Projekt im Weg stehen, leben nun in Aung Myay Dhar.

Doch Ja Khawn fremdelt mit ihrem neuen, zweistöckigen Haus, in dem sie mit ihren acht Kindern lebt. Nicht all ihre Kinder könnten dort zur Schule gehen, sagt sie, sie könne keine Tiere mehr halten und keine Reisfelder mehr bestellen. Ja Khawn stellt nun hauptberuflich Ginseng-Medizin her, füllt und mixt sie in Flaschen und verkauft sie im Ort. Doch ihre Passion ist der Kampf gegen die Talsperre.

David gegen Goliath

Gemeinsam mit ihren Freundinnen Jo Tem, 47, und Myitung Roi, 53 und dutzenden anderen Gleichgesinnten mobilisiert sie die Einheimischen. Sie protestiert mit Bannern im Flussbett, demonstriert vor Hotels, wenn dort chinesische Regierungsvertreter logieren, und zählt auf Ann San Suu Kyi und deren Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD). "Das Projekt ist ja bislang nur aufgehoben", sagt sie, "erst bei einem endgültigen Baustopp würden wir unsere Aktivitäten einstellen."

Es ist schwierig, an den geplanten Ort des Megaprojektes zu gelangen. Eine Straße, die zum Eingang der Baustelle führt, ist abgesperrt, burmesische Wachleute lassen niemanden passieren. Auch die Ufer des Flusses sind Sperrgebiet. Doch Ja Khawn hat eine gute Idee. Sie mietet ein paar Kilometer weiter nördlich, am Ursprung des Irrawaddy, wo die Flüsse Maykha und Malikha zusammenfließen, ein Holzboot mit Außenmotor und knattert über den Fluss Richtung Baustelle.

Natur soll Beton weichen

Die Landschaft ist ein Traum, bewaldete Berghänge und Sandbänke am Flussrand wechseln sich ab, der Fluss windet sich in malerischen Kurven durchs Tal. Noch eine Biegung, dann sieht man sie: riesige Betonpfähle, die wie Zahnstocher aus dem Wasser herausragen und die mit einer Eisentreppe in luftiger Höhe verbunden sind. Ja Khawn guckt von ihrem Boot aus hoch und sagt: "Sehen die Betonklötze nicht furchtbar aus in dieser herrlichen Umgebung? Der Staudamm würde unsere Natur komplett zerstören."

Ja Khawn überlegt, dann sagt sie: "Dieser Staudamm ist eine Missachtung von Menschenrechten." Sie habe nichts gegen Chinesen, die seien schließlich ihre Nachbarn und wie Brüder für sie. "Doch dieses Projekt ist einfach inakzeptabel. Der Irrawaddy ist zu wertvoll für das Land, als das man ihn einfach zerstören könnte."

Politischer Stillstand seit 2015

Und was macht die burmesische Regierung? Eine unabhängige Regierungskommission hatte bereits 2015 eine Entscheidung bekanntgeben wollen, ob der vorläufige Baustopp endgültig ist. Seitdem gibt es keine Neuigkeiten; es scheint, als ob die burmesische Regierung Angst vor der eigenen Courage hat. In der Tat: Es ist ein Spagat, den die regierende Partei NLD vollbringen muss. Sie muss einen Ausstieg aus dem Projekt finden, ohne dabei den großen Nachbarn im Osten vor den Kopf zu stoßen. Sie muss China besänftigen, das auf Einhaltung der Verträge pocht, die mit dem ehemaligen burmesischen Militärregime vor über zehn Jahren ausgehandelt worden sind.

Ja Khawn guckt von ihrem Boot noch einmal hoch zum Ufer. Auf dem Rückweg sieht sie ihr ehemaliges Dorf oder das, was von ihm übrig geblieben ist, an ihrer linken Seite vorbeiziehen. Sie guckt traurig, doch plötzlich huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. "Bevor ich als Aktivistin gegen den Staudamm bekannt wurde, haben die chinesischen Arbeiter meine Ginseng-Medizin gekauft", sagt sie. "Nun tun sie es nicht mehr." Für Ja Khawn ein kleiner Triumph. Er nährt die Hoffnung bei ihr auf einen noch viel größeren.

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