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Marion Maréchal - Die rechte Kaderschmiede der Le-Pen-Nichte

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Sie war einst die jüngste Abgeordnete des Front National: Heute leitet Marion Maréchal eine Privat-Uni in Lyon. Eine rechte Kaderschmiede? Davon will sie nichts wissen. Ein Besuch.

Marion Maréchal hatte sich nach der Niederlage ihrer Tante Marine Le Pen aus der Politik zurückgezogen. Vor einigen Monaten eröffnete sie eine Akademie für politische Wissenschaften.

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Eine diskrete Adresse im Stadtteil Confluence - dem neuen hippen Viertel von Lyon. Moderne Architektur, viel Glas und Metall, jede Menge Start-Ups. Wenn man es nicht wüsste, würde man an dem unauffälligen Eingang vorbeigehen. Hinter der Glastür befindet sich das ISSEP, das Institut für Sozialwissenschaften, Wirtschaft und Politik. Landesweit bekannt wurde diese private Hochschule, als sie letztes Jahr im September ihre Tore öffnete. Denn die Präsidentin ist niemand anderes als Marion Maréchal - Nichte von Marine Le Pen und Lieblingsenkelin von Jean-Marie Le Pen. Bis dahin kannten die Franzosen sie vor allem als jüngste Abgeordnete des Front National - bis sie sich 2017 aus der Politik zurückzog, um sich ihrer kleinen Tochter zu widmen - wie sie damals wissen ließ.

Maréchal will von "rechter Kaderschmiede" nichts wissen

Nun ist sie also - mit gerade mal 29 Jahren - Direktorin einer Privatuniversität. Und auch wenn sie den Namen Le Pen abgelegt hat - jeder spricht von der "rechten Kaderschmiede". Grund genug, sich das Institut einmal näher anzuschauen. Doch Zufall oder nicht - beim Besuch der ZDF-Journalisten vor Ort ist kein einziger Student anwesend. Dafür ein Treffen mit Madame la Directrice in der schmucklosen Kantine: Unprätentiös wirkt sie, eine junge, schmale, attraktive Frau. Fast nicht zu erkennen. Erst als sie ihren Mantel auszieht, den Haargummi aus dem Pferdeschwanz nimmt - da ist sie wieder die, die alle kennen: lange blonde Mähne, selbstbewusst, redegewandt - ganz klar, eine aus dem Le-Pen-Clan.

Den Begriff "rechte Kaderschmiede" will sie nicht gelten lassen. Ihre Universität sei für alle offen. "Die heutige Elite durchläuft immer dieselben einflussreichen Universitäten. Doch sie schmoren im eigenen Saft. Sie haben Schwierigkeiten, quer zu denken, sie folgen der allgemeinen politischen Linie, weil sie das so gelernt haben. Meiner Meinung nach", so fährt sie fort, "sind Eliten wichtig für unser Land, doch die jetzige Elite ist inkompetent und schafft es nicht, auf die Herausforderungen von heute einzugehen."

Zufällig kein Student zu sprechen

Für das Interview nimmt sich Marion Maréchal Zeit. Dann führt sie im Schweinsgalopp durch die Räumlichkeiten: Mini-Hörfunkstudio für Medientraining. Mini-Bibliothek - gerade mal ein Regal von zwei Metern Breite im Gang. Mini-Hörsaal mit 20 Plätzen. Und ein Empfang. Alles stark gesichert - wer rein will, braucht einen Code, und wer raus will, auch. Auf die Bibliothek ist Madame besonders stolz. Hier tummeln sich Werke über Jeanne d’Arc - die Symbolfigur des Front National, der sich jetzt Rassemblement National nennt - aber auch Biografien französischer Könige, General Lafayette oder die Erinnerung des Europäers Jean Monnet. Das zeugt, so versichert Maréchal, von Meinungsvielfalt. 

60 Studenten besuchen zurzeit die Kurse - die Studiengebühren betragen 5.500 Euro für ein Jahr, die Abschlüsse sind staatlich nicht anerkannt. Finanziert wird diese Schule durch Spenden von Unternehmen, deren Namen allerdings nicht genannt werden.

Der journalistischen Neugierde werden ziemlich enge Grenzen gesetzt: Mit Studenten sprechen? Klar, wir schauen mal, wer mit Ihnen reden will. Wie durch Zufall: Keiner will, kein Student ist während der halbtägigen Dreharbeiten im Institut anwesend. "Vermittelt" wird dann aber ein junger Mann aus Paris, der eine berufsbegleitende Ausbildung am ISSEP macht und der - so betont Frau Maréchal - Erfahrung mit Medien hat. Ein Vorzeigestudent also, bei dem Madame auch nicht befürchten muss, dass seine Antworten sich mit ihren Aussagen nicht decken.

Traum einer rechts-konservativen Bewegung

Ein Treffen mit Erik Tegnér, ein paar Tage später in einem Café in Paris: Ein sehr höflicher junger Mann, vielleicht etwas zu glatt. Aber seine Antworten erfreuen das Herz eines jeden Rechten. "In dieser Schule wird eine neue Elite ausgebildet, die die Politik verändern wird. Mit einem anderen Verständnis von Freiheit und mit konservativen Überzeugungen", sagt Tegnér. Er ist Mitglied von "Les Républicains", der Partei des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Er träumt davon, dass Konservative und Rechte in Frankreich zusammenfinden und eine neue Bewegung bilden.

Also doch eine politische Kaderschmiede für Rechte? Marion Maréchal jedenfalls tourt, wenn sie nicht in Lyon ist, durch die Welt und hält Vorträge. In den USA variierte sie vor einem Jahr das "America First"-Thema von US-Präsident Donald Trump in "France First". Dazu steht sie auch im ZDF-Interview: "Wie alle Patrioten möchte ich, dass Politiker zunächst auf die Bedürfnisse ihrer eigenen Bürger eingehen. Denn die haben sie schließlich gewählt. Das ist für mich die Basis der nationalen Souveränität. Die Interessen der Franzosen kommen heute oft zu kurz. Ich kann die Amerikaner verstehen, die für Trump gestimmt haben."

In der Tadition der Le Pens

Das hört sich dann doch wieder nach Politik an. Schon als kleines Mädchen mit blondem Lockenkopf zierte sie - auf dem Arm des Großvaters Jean-Marie Le Pen - ein Wahlplakat. Und dieser Großvater - Gründer des Front National - hat sie auch "überredet" in die Politik zu gehen. "Am Anfang war es Pflicht", erinnert sie sich. "In meiner Familie ist die Politik tief verankert. Ich habe nicht aus Interesse Politik gemacht, sondern aus Notwendigkeit und Pflicht." 

Der Student Erik Tegnér meint, Marion Maréchal sei wesentlich konservativer als ihre Tante Marine Le Pen, die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin. Maréchal gilt vielen Rechten immer noch als die künftige Leitfigur des Rassemblement National, charismatischer als ihre Tante, eine bessere Rednerin als ihre Tante - und schließlich war sie auch eher Abgeordnete als ihre Tante. Glaubt man den Gerüchten, war Marine Le Pen nicht unglücklich darüber, dass sich ihre Nichte von der Politik abwendete. Generationenkämpfe und politische Vatermorde sind immerhin Tradition in der Familie Le Pen.

Maréchal hält sich die Tür offen

Doch Marion Maréchal wäre keine Le Pen, wenn sie sich nicht doch eine Hintertür offen halten würde. "Ich habe nie gesagt, dass ich endgültig mit der Politik aufhöre. Ich werde mich doch mit 29 Jahren nicht festlegen, nie mehr in die Politik zu gehen."

Und dann ist die Besuchszeit in der Hochschule zu Ende. Höflich, aber bestimmt wird das Drehteam zur Tür geleitet. Was bleibt, ist ein unbefriedigendes Gefühl: Madame war reizend, extrem höflich, ihre Mitarbeiter ebenfalls - doch der Eindruck bleibt, einer gut inszenierten Theateraufführung beigewohnt zu haben: Die Antworten, die Marion Maréchal gegeben hat, waren wenig aussagekräftig und sind fast wörtlich nachzulesen in jedem ihrer Interviews.

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