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Orthodoxe Kirche in Russland - Eine un-heilige Allianz

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In Russland wollen orthodoxe Christen gegen einen Film über den letzten Zaren protestieren. Der heiliggesprochene Monarch werde falsch dargestellt. Das moniert eine Kirche, die auch wegen Präsident Putin in Russland seit Jahren im Aufwind ist - und eine un-heilige Allianz eingeht.

Vier, sechs, manchmal sogar zwölf Stunden lang warteten sie, um sich vor der Reliquie des heiligen Nikolaus in der Christi-Erlöser-Kirche zu verneigen, um Beistand und Schutz zu bitten. Die Reliquie war eine Leihgabe und ist mittlerweile wieder zurück in Süditalien. Die erstarkenden religiösen Gefühle der Russen bleiben.

Patriarch und Präsident: Schulterschluss von Politik und Kirche

In Wladimir Putins Russland wachsen Einfluss und Anhängerschaft der russisch-orthodoxen Kirche stetig. Zu hohen Feiertagen zeigen Präsident und Patriarch sich gerne gemeinsam, legen Blumen nieder oder weihen Denkmäler ein.

Kreml und Kirche vertreten in vielen Lebensbereichen dieselbe Meinung: beide sind gegen die Gleichstellung von Homosexuellen, gegen westliche Individualisierung, gegen Abtreibung. Kritiker und Andersdenkende werden von beiden Systemen unterdrückt oder verfolgt. Bomben in Syrien, Krieg in der Ostukraine - auch für Russlands außenpolitisches Handeln liefert die orthodoxe Kirche religiöse Legitimation. Und im Gegenzug dehnt die Politik die Handlungsmöglichkeiten der Kirche aus. Eine Trennung von Staat und Kirche wird als vom Westen verordneter Säkularismus gesehen und abgelehnt. Als Ideal hingegen gilt eine "Symphonie" aus Nationalstaat und (Staats-)Kirche.

So erhebt die russisch-orthodoxe Kirche derzeit ganz offen Anspruch darauf, die Geschichtsbücher an den Schulen mitzugestalten. Das russische Staatsfernsehen strahlt eine wöchentliche Sendung aus, in der ein hoher Kirchenvertreter Zuschauerfragen beantwortet.

Die Kirche - Besonders attraktiv in Krisenzeiten

Russland steckt vielfach in der Krise. Am deutlichsten spüren die Menschen die Wirtschaftskrise, die durch die internationalen Sanktionen noch verstärkt wird. Lebensmittel werden immer teurer, während gleichzeitig Renten und Gesundheitsleistungen gekürzt werden. 15 Prozent aller Russen, circa 22 Millionen Menschen, leben unterhalb der Armutsgrenze. Wenn das Leben in der Gegenwart immer schwieriger wird, scheint die Flucht in nostalgische Erinnerungen und traditionsreiche Heilsversprechen immer attraktiver. Egal, wie verklärt sie scheinen.

Patriarch Kyrill und Präsident Putin inszenieren sich als starke Führungsfiguren und bieten so Projektionsflächen für alle, die sich nach mehr Sicherheit sehnen. Orthodoxe Würdenträger sprechen gerne mal von der "besseren russischen Welt", die der westlichen überlegen sei - und treffen damit einen Nerv: Großrussische Ideologie, verhüllt in Weihrauch und Tradition.

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