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Dorf Totnes trotzt dem Brexit - Die spinnen, die Briten

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Es klingt wie bei Asterix: Ein Dorf in Südwest-England weigert sich, sich dem Brexit zu fügen. Und gründet einen Stadt-Staat, druckt eigene Pässe, schwört den Eid auf Europa.

Im März kommenden Jahres verlassen die Briten die EU. Viele Briten sind darüber unglücklich – so wie die Menschen im Ort Totnes.

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Ein historisches Ereignis – der Thesenanschlag zu Totnes: Bewaffnet mit dem Plädoyer für Europa, den Gründungsidealen des Stadt-Staats, macht sich Jonathan Cooper auf zur Kirche der 8.000-Seelen-Gemeinde. Nicht umsonst versucht der Anwalt und Europa-Liebhaber Cooper sich mit seiner Idee an einer Wiederholung eines der prägenden Ereignisse in der europäischen Geschichte. "Wir haben von dem Brexit-Chaos in London die Nase gestrichen voll. Unser Ort hat mit deutlicher Mehrheit für den Verbleib gestimmt. Deshalb wollen wir einen EU-Pass, wollen unseren Staus als EU-Bürger nicht verlieren. Die Werte, für die die EU steht, haben uns Frieden und Wohlstand gebracht, ja gerade auch uns Briten. Ist doch Irrsinn, das alles aufzugeben."

Thesenanschlag mit Hindernissen

Nur ein Detail will nicht gelingen: Statt die Thesen, die den Lauf der Dinge verändern sollen, mit Hammer und Nagel, mit aller Macht an und in der Kirchentür zu verewigen, muss ein Klebestreifen reichen. Die Kirche, die Tür, denkmalgeschützt. Man will ja keinen Ärger mit den zuständigen Behörden riskieren.

Irgendwie witzig, wie das ganze Unterfangen. Vor wenigen Monaten, als ihm die Idee kam haben ihn viele belächelt. Doch der Anwalt mit Hang zu griechischer Mythologie (was die vielen Bezüge zu den altgriechischen Stadt-Staaten auf den Pässen erklärt) war sich vom ersten Moment an sicher. "Wir haben einen Nerv getroffen, jeder freut sich über die Pässe", erklärt Cooper. "Auf unserer Facebook-Seite beantragen stündlich Leute einen davon. Nicht nur wegen der Symbolik und weil es witzig ist. Sondern weil wir es ernst meinen, wir wollen die EU wirklich nicht verlassen."

Die Eidgenossen

Vor der Kirchentür kommen dann wieder Klebestreifen zum Einsatz. Um am Klapptisch die Europa-Flagge zu befestigen. Denn dort heißt es, und das kann kein Staat der Welt verhindern, anstehen, warten auf die Bürokratie.

Zugegeben, sie arbeiten sehr effizient, nicht immer die Stärke der üblichen Ortsverwaltung, ein Pluspunkt. Wer an der Reihe ist, schwört den Eid auf Europa. "Wir bekräftigen unser Bekenntnis zur EU und ihren Werten. Die wir wahren und verbreiten werden. Mitgefühl, Altruismus, Friedliebe, Wagemut", und vieles mehr. Noch eine Unterschrift, fertig ist der Pass. Ein Händedruck, und es heißt: Willkommen, Neu-Bürger des Stadt-Staats Totnes.

Beim Brexit hört die Freundschaft auf

Den Eid schwören bringt gute Stimmung, es wird geschmunzelt, aber genau darum geht es ja auch. Europa sei so eine positive Vision der Zukunft, bei all den Schwierigkeiten, so der Tenor bei den Umstehenden. Im Gegensatz zum Brexit. "Ein Freund hat mich, weil ich beim Referendum für den EU-Verbleib gestimmt habe, einen heuchlerischen Verräter genannt", erzählt Neu-Bürger Stephen Rogers. "Er redet nicht mehr mit mir. Wenn der Nationalismus uns dazu bringt, das kann nicht gut sein. Grenzen, Mauern bauen bringt nichts. Ich will, dass wir in Europa weiter alle zusammenarbeiten."

Ein wenig Hoffnung schwingt hier immer mit, auch bei Georgina Allen. "Es ändert sich gerade etwas, vor allem weil die Brexit-Befürworter bei der Finanzierung des Referendum-Wahlkampfs das Gesetz gebrochen haben, dazu die mögliche Einmischung Russlands über Facebook. Viele fangen an darüber nachzudenken, ob das mit dem Brexit vielleicht doch keine so gute Idee ist."

Stimmungskiller Brexit

Bislang konnte weder das politische Chaos in London, der ständige Streit um den Brexit, die stockenden Verhandlungen mit Brüssel oder die Sorge vor wirtschaftlichen Konsequenzen des Austritts das Meinungsbild entscheidend ändern. Irgendwie genau in der Mitte gespalten ist das Land in Sachen Brexit. Nur auf eins scheint man sich gerade auf beiden Seiten einigen zu können: dass man langsam wirklich keine Lust mehr hat auf das Theater in London. Allein das Wort Brexit ist ein Stimmungskiller, beendet viele Konversationen abrupt.

So auch in Totnes, erklärt der Inhaber der örtlichen Druckerei, Richard Murch. "Ich verstehe nicht, warum das so lange dauert. Mittlerweile ist es mir egal – bleiben oder gehen: Hauptsache, es geht endlich vorbei." Dabei gehört Murch zur nicht ganz so kleinen Minderheit, die beim Referendum für den Austritt gestimmt haben. Trotzdem werden die Pässe in seinem Laden gedruckt. "Ist ja auch eine witzige Aktion", ergänzt er.

Nicht von dieser Welt

Ein bisschen anders ist der Ort schon immer. Große Kaffee-Ketten hat man mit Protesten aus dem Ort fern gehalten. Er gilt als die Hochburg für Esoteriker und der New-Age-Bewegung in Großbritannien. Doch völlig abgedreht sei man nicht, erklärt Jonathan Cooper.

Natürlich wissen alle EU-Freunde, dass die wohl beste Möglichkeit, in der EU zu bleiben, ein zweites Referendum sei, so Cooper. "Das erste Referendum war ein totales Chaos. Wie konnte man über etwas abstimmen lassen, das die Leute nicht verstehen? Jetzt, im Bewusstsein, was wirklich passiert, brauchen wir eine zweite Abstimmung."

Gespaltene Abspalter

Ob das wirklich die beste Idee ist, darüber sind sich weder im Land noch in Totnes die Menschen einig. Die Ironie geht auch an den Stadt-Staatlern nicht vorbei. Dass eine gespaltene Stadt sich von einem gespaltenen Land abspalten will. Doch mit einer Mahnung an die Nachbargemeinde macht Jonathan Cooper nochmal klar, dass es ihm ernst ist. "Die in Torbay haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt. Wir hoffen, wir können eine harte Grenze verhindern. Vor allem für unsere Nachbarn. Wir würden weiter alle Vorteile der EU genießen. Sie wären auf der falschen Seite der Grenze, auf der falschen Seite der Geschichte."

Fehlt nur noch ein Orchester, das plötzlich auftaucht und Beethovens Neunte, die Europa-Hymne, anstimmt. Wenn es einen Ort gibt, in dem das möglich scheint, dann ist es der Stadt-Staat Totnes.

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