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Politiker kitzeln, Häuser erben - Die starken Frauen von Mayotte

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Mayotte ist mehrheitlich muslimisch, aber die Frauen haben einen starken Platz in der Gesellschaft. Vor allem zuhause haben sie das Sagen: Bei einer Trennung zieht der Mann aus.

Auf der französischen Übersee-Insel Mayotte haben vor allem die Frauen das Sagen: Sie verwalten Geld und Besitz, treffen in der Familie die Entscheidungen. Mayotte ist moderat muslimisch – die Frauen sehen sich als Vorbild für die muslimische Welt.

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Mit faltigen, fast steifen Fingern greift die alte Frau in das Palmstroh und flicht daraus ein langes Band. Ihr linkes Auge ist alterstrübe, doch ihre Finger finden jeden Halm. Mit leiser Stimme beginnt sie, auf Arabisch zu psalmodieren und wiegt sich im Rhythmus dazu. Wie alt Echati Maoulida ist, weiß niemand so genau. Manche meinten, sie sei 90, aber sie fühle sich eher wie 100, sagt sie mit einem Anflug von Koketterie.

Fest steht, dass Echati Maoulida schon Ende der 60er Jahre dabei war, als es darum ging, die Unabhängigkeit der Insel Mayotte von Frankreich zu verhindern. Jawohl, verhindern. Denn die Unabhängigkeit, das war vor allem ein Konzept der Männer, die davon träumten, die Kolonialzeit zu beenden und einen eigenen Staat zu gründen. Die Frauen hingegen ahnten, dass ihre Kinder es einmal besser haben würden, wenn Mayotte weiter bei Frankreich bliebe.

Kitzeln als politischer Protest

Und so wählten die Frauen von Mayotte eine höchst ungewöhnliche Form des Protestes: Wann immer ein Politiker zu Besuch kam, der für die Unabhängigkeit werben wollte, kitzelten die Frauen ihn kurzerhand aus. Sie nutzten den Umstand, dass sie den Besuchern üblicherweise duftende Jasmingirlanden um den Hals hängten, um sich ihnen zu nähern und sie zu bedrängen. 

"Wir hatten keine anderen Mittel, das war unsere einzige Waffe", erinnert sich die alte Dame und zieht ihr lose über den Kopf gelegtes Tuch zurecht. "So konnten wir die Männer raushalten und uns organisieren." Sie kichert ein wenig und ahmt die Geste nach, mit denen sie damals ihrer politischen Überzeugung Ausdruck verliehen.

Tatsächlich gelang es den "Chatouilleuses", den Auskitzlerinnen, die Bevölkerung zu überzeugen. Als die Inselgruppe der Komoren 1974 über die Unabhängigkeit abstimmte, gab es auf Mayotte - einer der vier größten Inseln des Archipels - eine massive Mehrheit für den Verbleib bei Frankreich. Und Paris betrachtete die Insel fortan als französisches Staatsgebiet, auch wenn dies völkerrechtlich anfechtbar war und nach Ansicht der unabhängig gewordenen Komoren auch immer noch so ist.

Dankbarkeit für die Chatouilleuses

Sie habe ihre Kraft damals auch aus der mahorischen Tradition geschöpft, die den Frauen einen besonderen Platz in der Gesellschaft zuweise, meint Echati Maoulida. Auf Mayotte sind die Frauen üblicherweise die Eigentümerinnen der Grundstücke und Häuser. Und vererbt wird in erster Linie an die Töchter. "Das hat uns Selbstvertrauen gegeben", sagt die alte Dame.

Starke Frauen bestimmen bis heute das Bild der französischen Insel, die fast ausschließlich muslimisch geprägt ist. Mayotte, ein eigenes Département mit etwa 260.000 Einwohnern, hat eine Frau in die Nationalversammlung geschickt und zwei Bürgermeisterinnen gewählt. Auch ein großer Teil des Regionalrates ist weiblich. 

Roukia Lahadji ist Chefin des Rathauses von Chirongui im Süden der Insel. Das einstöckige Gebäude ist von Palmen und Mangobäumen umgeben. An der Fassade hängen die französische und die europäische Flagge. "Zum Glück hatten wir die Chatouilleuses, wir sind ihnen heute noch dankbar", sagt sie. "Es waren Frauen, die es gewagt haben, Nein zu sagen zur Unsicherheit." 

Auf Mayotte haben Frauen ihre eigene Stärke

Die Bürgermeisterin ist stolz auf die besondere Rolle der Frau auf Mayotte. "Bei uns ist die Frau die Herrin des Hauses, und wenn man sich trennt, dann muss der Mann gehen. Das gibt uns Sicherheit", sagt sie. Zum Glück sei der Islam auf Mayotte sehr liberal. "Ich bin nicht gezwungen, ein Kopftuch zu tragen", erklärt Lahadji. "Wenn mir danach ist, mache ich es", sagt sie und zieht das Baumwolltuch, das sie locker über die Schultern trägt, über den Kopf. "Und wenn nicht, dann gehe ich eben ohne raus", fügt sie hinzu und zieht es lächelnd wieder hinunter. 

Im Sommer ist auf Mayotte Hochsaison für Hochzeiten, die hier sehr farbenfroh und prächtig gefeiert werden. Maounga Abdul-Djabar und Bouba Abbubakr Abaine leben seit Jahren in Metropol-Frankreich, sind aber für die traditionelle Feier nach Mayotte zurückgereist. 

Beim Umzug durch das Dorf trägt der Bräutigam Turban und einen bestickten Mantel, junge Mädchen mit Sandelholz-Paste im Gesicht fächeln ihm Luft zu und tupfen ihm den Schweiß von der Stirn. Anschließend betritt Bouba mit einem 100-Euro-Schein zwischen Zähnen den Raum, wo er seine Frau enthüllen darf, die von einem Tuch bedeckt auf ihn wartet. Ein archaisches Macho-Ritual, so scheint es. Doch Maounga lässt es mit einem amüsierten Lächeln über sich ergehen. Sie weiß ja - auf Mayotte haben die Frauen ihre eigene Stärke.

Das ist Mayotte:

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