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Nach jahrelangem Bürgerkrieg - Die Syrien-Krise ist längst nicht beendet

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Nach langen Kriegsjahren ruhen in weiten Teilen Syriens die Waffen - die Konflikte aber bleiben ungelöst. Ein Überblick über die aktuelle Lage in einem verwundeten Staat.

Zerstörte Gebäude am 11.04.2019 in Aleppo
Viele syrische Städte liegen nach dem jahrelangen Krieg in Schutt und Asche - wie Aleppo, das bis 2016 von syrischen Regierungstruppen und Rebellen umkämpft war.
Quelle: Reuters

Für internationale Schlagzeilen über Syrien sorgte zuletzt nur noch der militärische Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Selbst die andauernden Kämpfe in der nordwestsyrischen Region Idlib sind zur Randnotiz verkommen. Doch wie entwickelt sich das vom Krieg geschundene Syrien inzwischen? Ein Überblick.

Wer hat die Kontrolle über Syrien?

Mittlerweile kontrolliert das syrische Regime mit Hilfe seiner Verbündeten Russland, Iran und von Milizen wie der Hisbollah knapp zwei Drittel des Landes.
Syrien-Expertin Muriel Asseburg

"Mittlerweile kontrolliert das syrische Regime mit Hilfe seiner Verbündeten Russland, Iran und von Milizen wie der Hisbollah knapp zwei Drittel des Landes", sagt Muriel Asseburg, Syrien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Assads Macht reicht nicht über das gesamte syrische Staatsgebiet, weil etwa der Nordosten von den sogenannten Syrischen Demokratischen Kräften kontrolliert wird. Die wiederum werden von der kurdischen PYD, der syrischen Schwesterpartei der kurdischen PKK, dominiert. "Die Amerikaner haben dort die Lufthoheit", so Asseburg.

Um den Nordwesten Syriens wird weiter gekämpft. Die Region ist derzeit weitgehend unter der Kontrolle von Hay’at Tahrir al-Sham, einem ehemaligen Ableger von Al-Kaida. "Die Türkei und Russland sind dort auch mit Beobachtern und Patrouillen präsent", sagt Asseburg. Im Norden Syriens hält die Türkei entlang der Grenze syrisches Gebiet besetzt.

Karte: Syrien - Latakia, Aleppo, Damaskus
Die Region Idlib im Nordwesten Syriens ist weiter umkämpft.
Quelle: ZDF

Hat Assad seine Macht gesichert?

Syriens Machthaber wird weiter nach Kräften von Moskau und Teheran unterstützt. Die USA und die Europäische Union hingegen lehnen Assad als Präsident offen ab und fordern den Beginn eines politischen Transformationsprozesses. Ob es Assad gelingt, das Land nach dem militärischen Sieg zu befrieden und zu stabilisieren, ist für die Syrien-Expertin Muriel Asseburg zweifelhaft. Somit sei auch unklar, "wie sicher und wie lange der Präsident im Sattel sitzt".

Welche Gefahr geht noch von der Terrormiliz IS aus?

Der IS verfügt weiterhin über Anführer, Kämpfer sowie finanzielle Ressourcen.
Konfliktforscherin Sofia Koller

Durch seine völlige militärische Niederlage im März 2019 gilt der IS als deutlich geschwächt. "Der IS verfügt aber weiterhin über Anführer, Kämpfer sowie finanzielle Ressourcen", sagt die Konfliktforscherin Sofia Koller von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Sie warnt vor Guerilla-Taktiken, denen eine konventionelle Armee wenig entgegenzusetzen habe. "Von einem vollständigen Sieg über den IS kann also keine Rede sein", so Koller.

Ähnlich sieht es SWP-Expertin Muriel Asseburg. Der IS habe nun zwar in Syrien kein Territorium mehr unter Kontrolle. Kämpfer bildeten nun allerdings "Schläferzellen" in vielen Teilen Syriens. "In den letzten Wochen haben sie schon in verschiedenen Landesteilen Anschläge verübt", berichtet Asseburg. "Es besteht die Gefahr, dass diese Zellen den Kern einer neuen Aufstandsbewegung bilden."

Wie ist die Lage im umkämpften Idlib?

Mehr als 200 Zivilisten sind nach Angaben der Vereinten Nationen allein seit Februar dieses Jahres durch Waffengewalt in der umkämpften Region Idlib im Nordwesten Syriens ums Leben gekommen. Militante Rebellen haben inzwischen die weitgehende Kontrolle der Region übernommen und verweigern sich einer Entwaffnung. Das mache eine militärische Offensive des syrischen Regimes wahrscheinlicher - "mit verheerenden Auswirkungen für die Zivilbevölkerung", wie Syrien-Expertin Asseburg sagt. In der Region leben derzeit circa drei Millionen Zivilisten, unter ihnen viele syrische Binnenflüchtlinge.

Wie steht es um Autonomiebestrebungen der Kurden?

Der Traum der Kurden von eigenen staatlichen Strukturen in Nordsyrien - das sehen sowohl Ankara als auch Damaskus als Bedrohung. Die Türkei hält inzwischen einen Teil Nordsyriens besetzt und droht, "auch östlich des Euphrats einzumarschieren", wie Syrien-Expertin Asseburg sagt. Sie hält es außerdem für möglich, dass bei einem amerikanischen Abzug das syrische Regime versuchen werde, das Territorium im Norden wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Es sei nicht zu erwarten, dass es eine kurdische Selbstverwaltung toleriere.

Wie stehen die Chancen auf einen raschen Wiederaufbau Syriens?

Die USA stehen für eine Finanzierung des Wiederaufbaus nicht bereit. Im Gegenteil, sie verschärfen ihre Sanktionen derzeit weiter.
Syrien-Expertin Muriel Asseburg

Einen raschen Wiederaufbau Syriens hält Forscherin Asseburg für "äußerst unwahrscheinlich". Es fehle schlicht an Geldgebern. Die Syrien-Expertin formuliert es so: "Die EU hält bislang an ihrer Bedingungen fest 'keine Finanzierung des Wiederaufbaus ohne politischen Übergang' - und an ihren Sanktionen. Die USA stehen für eine Finanzierung des Wiederaufbaus nicht bereit. Im Gegenteil, sie verschärfen ihre Sanktionen derzeit weiter." Deshalb komme eine Finanzierung durch die internationalen Finanzinstitutionen auf absehbare Zeit nicht in Frage. Hinzu komme, dass das syrische Regime ohnehin keine Unterstützungsleistungen akzeptieren wolle, die an Bedingungen gekoppelt seien.

Die Waffen schweigen, aber die Situation der Straßenkinder von Aleppo ist dramatisch. Tausende wurden zu Waisen und in ihrer Entwicklung sind sie zurückgeblieben, körperlich wie geistig. Eine Reportage:

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