Sie sind hier:

Champions League in der Ukraine - Einmal vom Alltag abschalten

Datum:

Für viele ukrainische Fußballfans ist das Finale in Kiew ein Lichtblick, denn der Krieg hat auch den Fußball im Land zerrüttet. Eine Geste der Gastfreundschaft beeindruckt da.

Fan-Zone in Kiew
Ukrainische Fußball-Fans können sich auf das Champions-League-Finale in Kiew freuen.
Quelle: ap

Während im Osten des Landes Krieg herrscht, bereitet sich die Hauptstadt auf ein sportliches Großereignis vor: In Kiew spielen am Samstagabend der FC Liverpool und Real Madrid um den Gewinn der Champions League. Tausende Fans reisen dafür aus aller Welt an. Die Hoteliers der Stadt hat das offenbar dazu verleitet, drastisch ihre Preise zu erhöhen. Ein unsportliches Verhalten, finden manche Kiewer und laden angereiste Fußballfans spontan dazu ein, bei ihnen zu übernachten.

"Es ist eine großartige Geste, uns hierher einzuladen. Und wir werden Serghij auch nach Spanien einladen", erzählt David aus Madrid. Er ist Realfan und mit zwei anderen Freunden zu Besuch bei Serghij Petuchow. Petuchow hat den Spaniern in seiner Wohnung zwei Zimmer freigemacht. "Ich liebe Fußball und freue mich, dass die Champions League hier Station macht", sagt er. "Aber als wir hörten, dass die Hotelpreise explodiert sind, fand ich das eine Frechheit", sagt er. "Wir wollen nicht, dass sie aus der Ukraine mit dem Gefühl nach Hause fahren, hier ausgenommen zu werden." Über Facebook haben so hunderte Kiewer ihre Unterkünfte angeboten und die Fußballfans willkommen geheißen.

Der Krieg zehrt an der Substanz des Landes

Das Champions-League-Finale in Kiew bringt die durch den Krieg im Osten des Landes zerrissene Nation zusammen. Denn Fußball ist der beliebteste Sport und drängt die schwierige Lage für einige Tage in den Hintergrund. "Allein der Fakt, dass die Champions League hier stattfindet, hat für die Ukraine eine große Bedeutung", sagt Jewhen Magda, Direktor des Instituts für Weltpolitik in Kiew. "Es ist auch ein Indikator dafür, dass die Ukraine standhält und den Bürgern auf dem größten Teil ihres Territoriums ein normales Leben ermöglicht und sich als europäisches Land entwickelt."

Noch immer sind die Probleme riesig. Denn allein fünf Prozent der Wirtschaftskraft gibt die Ukraine für das Militär aus. Der Krieg zehrt an der Substanz. Hinzu kommen die noch immer weit verbreitete Korruption und der nur langsam steigende Lebensstandard für die Mehrheit der Ukrainer.

Aber es passiere einiges, zwar mühsam und mitunter langsam, sagt Jewhen Magda. "Doch es gibt ein leichtes Wirtschaftswachstum, der Wert der ukrainischen Griwna hat sich stabilisiert und es wurde ein Privatisierungsgesetz beschlossen, um das lange gestritten wurde." Dadurch werde es mehr Transparenz und weniger Korruption geben, vor allem wenn demnächst mehrere tausend staatseigene Objekte verkauft werden sollen. Das sei ein wichtiges Signal an Investoren, so Magda.

Wettskandal um Spielmanipulationen

Auch der ukrainische Fußball hat in den vergangenen vier Jahren schwer gelitten. Vereine aus dem Osten des Landes, aus Donezk und Luhansk, bestreiten ihre Spiele nun in der Fremde, wie Sorja Luhansk. Die Mannschaft spielt entweder in Saparoschje im Süden der Ukraine oder im 1.300 Kilometer entfernten Lviv. Auch die Mannschaft von Rekordmeister Schachtjor Donezk hat den Donbass verlassen. Und viele Vereine haben finanzielle Probleme, weil Oligarchen, die oft die Mannschaften finanzieren, entweder nach Russland gegangen oder in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. So mussten Metallist Charkiw und Dnipro Dnipropetrwosk, die beiden einzigen Herausforderer von Schachtjor Donezk, deswegen die erste Liga verlassen.

Da wundert man sich fast nicht, dass kurz vor dem Champions-League-Finale ein riesiger Wettskandal ans Licht kam. "Wir haben den Verdacht, dass 35 von 52 Vereinen in den obersten ukrainischen Fußballligen an Spielmanipulationen beteiligt waren", sagte Innenminister Arsen Awakow am Dienstag. Mindestens 320 Menschen sollen in Manipulationen von Spielen verwickelt sein - Spieler, Schiedsrichter und andere.

Fans durch Flucht übers Land verstreut

Beteiligte Schiedsrichter sollen mehr als 3.000 Euro für ein Spiel erhalten haben. Pro Jahr seien so rund vier Millionen Euro über Wetten eingestrichen worden. Die Nachforschungen begannen für das Jahr 2017. Wie lange das schon so andauerte, wird noch untersucht.

Und auch die Fankultur hat gelitten. Denn unter den zwei Millionen Menschen, die aus der Ostukraine wegen des Krieges geflüchtet sind, sind natürlich auch Fans. Sie leben jetzt quer über die Ukraine verstreut und können selten Spiele ihres Klubs sehen. Die Folge ist, dass die meisten Spiele nur wenige Besucher haben. Stimmung kommt kaum mehr auf.

Deshalb ist das Großereignis Champions League auch für die ukrainischen Fußballfans wie Serghij Petuchow ein ganz besonderer Moment. Und deshalb möchte er, dass es auch für die Spanier ein großartiges Erlebnis wird.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.