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Bundestagswahl - Die Umfragerepublik

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Die politische Öffentlichkeit ist süchtig: nach immer neuen Umfragen. Nach kleinsten Trends, die zu großen hochgejazzt werden. Oft ersetzt die Diskussion über Zahlen die Debatte über Inhalte. Ein Problem für die Demokratie.

Umfragen bestimmen mehr und mehr die politische Agenda des Landes. Wer gewinnt, wer verliert - diese Zahlen machen Politik. Und teilweise ersetzen sie sogar die inhaltliche Auseinandersetzung. Dabei werden die Ergebnisse selbst immer ungenauer.

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Ein Bild aus dem Januar, aufgenommen von einem Reuters-Fotografen. Es zeigt eine Sitzung des SPD-Parteivorstands - von außen durchs Fenster fotografiert. Es ist die Sitzung, auf der Sigmar Gabriel seinen Spitzengenossen die Entscheidung erläutert, warum an seiner Stelle Martin Schulz als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antreten soll. Auf dem Bild ist zu sehen, wie Gabriel doziert. Hinter ihm an die Wand projiziert: ein Bild mit aktuellen Umfragewerten. Sie sollen belegen, dass Martin Schulz bessere Chancen hat im Vergleich zu Sigmar Gabriel.

Florian Neuhann
Florian Neuhann, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio Quelle: ZDF

Das Bild verrät viel darüber, wie Politik gemacht wird in Berlin. Umfragen entscheiden über Karrieren von Personen, von Themen, von Parteien. Wie gebannt schaut die Berliner Polit-Blase mehrfach pro Woche auf die jeweils neueste Umfrage, auf die neueste Entwicklung. Und immer mehr Umfrageinstitute bedienen dieses Bedürfnis: Wer hat diesmal auch nur einen Prozentpunkt gewonnen und darf sich als Gewinner fühlen - wer ist abgestürzt? Ständig kommen neue "Umfrage-Schocks", ständig neuer Gesprächsstoff.

Zahlen verdrängen Inhalte

Das gleicht fast einer Sucht, gibt Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch zu: "Es ist so, dass fast alle Politiker sagen, ich lasse mich nicht von Umfragen beeinflussen - und sich dann die nächste Umfrage anschauen." Und die ehemalige SPD-Generalsekretärin und neue Familienministerin Katarina Barley wünscht sich: "Wir müssen cooler bleiben, was Umfragen betrifft".

Doch von dieser Coolness sind Politik wie Medien weit entfernt. Deutschland, die Umfragerepublik: in der lieber über kleinste Trends diskutiert als über komplizierte Themen debattiert wird. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte diagnostiziert darin ein Problem für die Demokratie: "Statt sich mit inhaltlichen Problemen auseinanderzusetzen, schaut man lieber nach Umfragedaten. Das Konzept der Demokratie lebt aber von dem zivilisierten Streit über Inhalt. Und dieser Streit geht verloren."

Umfragen: Immer wichtiger - immer weniger verlässlich?

Dabei ist das ganze ziemlich paradox. So sehr einerseits die gesamte politische Öffentlichkeit auf die Umfragen schielt - so sehr sind die Demoskopen andererseits selbst in Verruf geraten. Spätestens seit dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump in den USA oder dem Brexit-Referendum in England gelten die Meinungsumfragen selbst als immer unzuverlässiger. Dabei ist das bestenfalls die halbe Wahrheit.

Tatsächlich haben es Meinungsforschungsinstitute heutzutage schwerer, die Stimmung im Land korrekt zu erfassen. Das liegt etwa daran, dass die Institute wie die Forschungsgruppe Wahlen, die für das ZDF regelmäßig das Politbarometer erstellt, vor allem auf Umfragen über das Telefon setzen. Viele Bürger aber sind gar nicht mehr über Festnetz erreichbar; und nur die wenigsten der Angerufenen haben noch Lust und Zeit, ein paar Fragen zu beantworten. Der Aufwand der Meinungsforscher wird immer größer.

Das große Missverständnis

Die andere Seite der Medaille aber ist, dass viele - Wähler, Journalisten und Politiker - die Umfrageergebnisse schlicht missverstehen: als punktgenaue Prognose eines Wahlergebnisses in naher oder ferner Zukunft. Das aber sind Umfragen nicht. "Das aktuelle Demoskopenbashing hat viel damit zu tun, dass Medien heute viel zugespitzter und brutaler formulieren, als das früher der Fall war, weil sie eine harte Schlagzeile brauchen", klagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Dass jede Umfrage eine Fehlertoleranz von ein paar Prozentpunkten enthält, wird dabei übersehen oder wissentlich ignoriert.

Nicht gelten lassen will Jung daher auch die Kritik, dass Demoskopen etwa den Brexit nicht vorhergesehen haben. "Vor dem Referendum gab es eine Umfragelage von 48 zu 52 Prozent. Jeder, der das seriös interpretiert, muss von einem Kopf-an-Kopf-Rennen sprechen - für eine eindeutige Vorhersage war das einfach zu unsicher", sagt Jung.

Wähler entscheiden sich immer später

Dazu kommt, dass viele Wähler sich immer später noch einmal umentscheiden. Parteibindungen haben nachgelassen, ob in Großbritannien oder in Deutschland. Was Befragte heute in einer Umfrage angeben, kann sich bei der Wahl morgen schon wieder ändern: Nur so sind Ausschläge zu erklären wie in diesem Frühjahr, als die SPD zuerst einen ungeahnten Umfragen-Höhenflug erlebte, nur um später umso brutaler wieder abzustürzen.

Zu beobachten war dabei auch ein Effekt, den steigende Umfragewerte mit sich bringen: Jeder Bericht darüber ließ die Partei attraktiver wirken. "Wenn ich als Wähler den Eindruck habe, dass eine Partei Erfolg hat, fühle ich mich stärker motiviert, diese Partei zu unterstützen", sagt der Politikwissenschaftler Korte. "Umfragen sind insofern sehr wichtig geworden als strategische Wahlkampfinstrumente." Nur: Die Qualität der Demokratie werde dadurch nicht verbessert.

Ein aufgeklärter Umgang mit Umfragen?

Was also bleibt? Wenn Politik und Öffentlichkeit tatsächlich süchtig sind nach immer neuen Umfragen - wird sich das in einem Wahljahr kaum ändern. Ein kalter Entzug? Undenkbar. Aber, keine Sorge, niemand käme ja auch auf die Idee, Umfragen gleich abzuschaffen. Im Gegenteil: Die Stimmung im Land zu erfragen, bleibt weiterhin sinnvoll.

Was sich ändern müsste, das wäre der Umgang mit den Ergebnissen. Es bräuchte die Einsicht bei Wählern, Politikern und auch Journalisten, dass es sich dabei eben nur um Momentaufnahmen handelt, mit Fehlertoleranz und begrenzter Aussagekraft für Wahlergebnisse in einigen Monaten. Und dass ansonsten die Inhalte zählen. Man wird ja wohl mal träumen dürfen.

Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann

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