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Energiewende - Das Windkraft-Dilemma

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Ohne Windkraft keine erfolgreiche Energiewende - daran besteht kein Zweifel. Die Politik aber hat den Ausbau der Windkraft an Land gedeckelt, auf 2.800 Megawatt im Jahr. Ein eklatanter Widerspruch. Warum hat die Windkraft augenscheinlich immer weniger Freunde?

Windkraft - sauber, aber hoch umstritten: Ärgernis im Landschaftsbild, Lärmhorror in Ortsnähe, Albtraum für Vogelschützer. Die Folge: Akzeptanzverlust. Wie geht es weiter mit der Windkraft?

Beitragslänge:
28 min
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Das hat sich herumgesprochen: Deutschland wird das selbstgesteckte Klimaschutzziel verfehlen. Bis 2020 sollt der CO2-Ausstoß um mindestens 40 Prozent reduziert werden (bezogen auf das Basisjahr 1990). Erreicht werden Berechnungen zufolge knapp 32 Prozent.

Porträt Volker Angres
Volker Angres, Leiter der ZDF-Redaktion Umwelt

Und das hat sich möglicherweise noch nicht herumgesprochen: Mittlerweile gibt es über 800 Bürgerinitiativen, die gegen Windkraft sind. Was für ein Dilemma: Mehr Windkraft ist dringend nötig, um besser zu werden im Klimaschutz. Doch viele Bürgerinnen und Bürger wollen keine Windkraft mehr, zu viel ist schief gelaufen.

Windkraft macht Lärm

Die Mitglieder des 'Gegenwind Schleswig-Holstein'– Vereins sind sauer. Seit Jahren kämpfen sie mit ihrer Bürgerinitiative gegen den aus ihrer Sicht völlig aus dem Ruder gelaufenen Ausbau der Windkraft. Susanne Kirchhof ist eine von ihnen. Der Windpark vor ihrem Haus ist 900 Meter entfernt macht schlicht und einfach Lärm - zu viel Lärm. Bisher haben alle Messungen ergeben, dass die Lärmschutzwerte eingehalten werden. Das wundert Susanne Kirchhof nicht. Denn die Regeln für das Messverfahren sind 20 Jahre alt.

Mittlerweile sind die Windmühlen aber größer geworden, die Rotorblätter länger. Jetzt endlich hat die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) ein sogenanntes Interimsverfahren empfohlen. Wird es angewandt, ergeben sich prompt deutlich höhere Lärmbelastungswerte. Daraus folgen dann höhere Mindestabstände der Windkraftanlagen zur nächsten Wohnbebauung.

Viel Geld für keinen Strom

Rupert Rompel ist ebenfalls Mitglied im 'Gegenwind-Verein'. Als Dipol-Ingenieur kann er rechnen: "Wir haben hier in Schleswig-Holstein mittlerweile so viele Windkraftanlagen aufgebaut, soviel Erzeugungskapazität, dass wir statistisch gesehen ein Viertel der Erzeugung bereits abregeln müssen, damit das Netz stabil bleibt" beschreibt Rompel die Situation. "Das heißt für schleswig-holsteinische Stromkunden, dass sie zwischen 300 und 400 Millionen Euro pro Jahr zahlen, ohne dass dafür Strom ins Netz kommt." Für Rompel ist das schlicht Betrug.

Strom aus erneuerbaren Quellen hat laut Gesetz Vorrang bei der Einspeisung ins Stromnetz. Wenn das aber aus technischen Gründen nicht möglich ist, das Netz instabil werden könnte, dann werden Windkraftanlagen vom zuständigen Netzbetreiber abgeschaltet. Das geht nämlich viel einfacher, als ein Kohlekraftwerk herunterzufahren. Die Folge: Die Windkraftbetreiber bekommen trotzdem ihr Geld, obwohl sie keinen Strom geliefert haben.

Der Kern des Dilemmas

Genau daran lässt sich der Kern des Dilemmas identifizieren. Deutschland hat viel zu viel Kohlestrom im Netz. Vor allem die Umweltschutzverbände fordern seit Jahren den Ausstieg aus der dreckigsten Stromproduktion. Die noch amtierende schwarz-rote Koalition aber konnte sich bisher zu keinem Plan durchringen. Das könnte sich möglicherweise mit der nächsten Bundesregierung ändern, sollten die Grünen daran beteiligt sein.

Windkraft ist teuer

Der Umstieg auf erneuerbare Energien wird anteilig von allen Stromkunden finanziert. Mit der sogenannten EEG-Umlage. Diese ist im Laufe der Jahre angestiegen, was dem Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und Biogas geschuldet ist. Der Anstieg scheint fürs erste gestoppt, denn erstmals sinkt die Umlage ab dem kommenden Jahr leicht um 0,088 Cent auf 6,792 Cent pro Kilowattstunde – was Haushalte kaum merken dürften. Dennoch: Ein neues Ausschreibungsverfahren und eben die Deckelung des Zubaus der Windkraft haben diese Preisstabilisierung im Wesentlichen bewirkt – und gleichzeitig die Anlagenbauer fast in Panik versetzt.

Erneuerbare Energien: Faktor am Weltmarkt

Denn Deutschland muss aufpassen, am Windenergie-Weltmarkt nicht den Anschluss zu verlieren. Die PNE Wind AG mit Sitz in Cuxhaven ist ein Konzern, der im internationalen Geschäft Windkraftanlagen auf See und an Land baut. Vorstandsvorsitzender Markus Lesser rät zu einem Blick über den Tellerrand hinaus. Energiewende sei nicht nur eine nationale Aufgabe. "Wenn wir hier nicht die Technologie zur Verfügung gestellt hätten," so Lesser, "wie viel Strom wäre jetzt in den USA und China nicht durch Erneuerbare hergestellt worden? Wir haben allein in den USA jetzt knapp über 30 Gigawatt gebaut. Das wäre sonst alles über Kohle oder Atom gegangen." 30 Gigawatt Windkraft ersetzen ungefähr 30 konventionelle Kraftwerke, befeuert mit Kohle oder atomaren Brennstoffen.

Das Windkraft-Image könnte leiden

Die Branche warnt vor einem Einbruch des Heimatmarktes. Das Image der deutschen Windkraft könnte weltweit leiden, meint Markus Lesser: "Deutschland war immer das Zugpferd, auch für die deutsche Branche, die sich international natürlich stark bewegt hat.
Wenn man sieht, was wir in der Offshore-Technologie erreicht haben, da sind wir weltweit führend. Diese Innovationen wurden in Deutschland gemacht. Wir sollten aufpassen, dass wir nicht unsere eigene Industrie und unsere eigenen Fortschritte kaputtmachen."

Höchste Zeit für einen Masterplan

Die Windkraft verliert derzeit auch Freunde in der eigenen Branche. Schon müssen erste Anlagenbauer Arbeitsplätze streichen. Das ist eine Entwicklung mit erheblichem Katastrophenpotential. Deutschland braucht die Windkraft für die eigene Energiewende, für den Klimaschutz und für die Exportchancen der heimischen Windkraftindustrie. Was Deutschland nicht braucht ist ein 'weiter so' mit der Windkraft.

Endlich muss ein Masterplan für das Vorankommen der Energiewende her, der auch die berechtigen Einwände der vielen Bürgerinitiativen berücksichtigt. Die Chance, einen solchen EwMp (Energiewende-Masterplan) zu erstellen, ist einmalig günstig. In Berlin laufen gerade die Koalitionsverhandlungen hoch.

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