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Bundestagswahl 2017 - Was für ein Wahlkampf! Oder?

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Was hat Deutschland in diesem Wahlkampf bewegt? Hier kommt sie, die ganz subjektive Top-Ten-Liste dieses Wahlkampfs: die kernigsten Sprüche - und was sie bedeuten.

Der Wahlkampf ist auf der Zielgeraden - am nächsten Sonntag wird der Bundestag neu gewählt. Politiker aller Parteien werben jetzt noch einmal intensiv um Stimmen, auf der Straße und beim Häuserwahlkampf. Es gilt, die Menschen von sich zu überzeugen, doch …

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Sie fanden diesen Wahlkampf langweilig? Dabei hatte er doch wirklich einiges zu bieten! Ob ein "Anschlag auf die Demokratie" oder ein paar "dornige Chancen"; ob englisch sprechende Hipster in Berlin oder, natürlich, Provokationen der AfD: ein ganz subjektiver Rückblick auf die kernigsten Zitate des Wahljahres 2017 - und was sie jeweils bedeuten.

1. "Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie"

- Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat, am 26.06.2017

Es ist Juni, der Wahlkampf dümpelt schon eine Weile vor sich hin, die Deutschen bereiten sich gedanklich auf ihren Urlaub vor. Der Kanzlerkandidat der SPD hat ein paar schwere Niederlagen in den Ländern hinter sich. Da beginnt er seine große Parteitagsrede mit einem Frontalangriff auf Angela Merkel: endlich geht der Herausforderer in die Offensive! Nur: ausgerechnet so?

Florian Neuhann
Florian Neuhann, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio Quelle: ZDF

Dass Merkel sich vor inhaltlichen Auseinandersetzungen drückt, nennt Schulz "einen Anschlag auf die Demokratie". Dass das in diesen Zeiten mindestens ein schwieriges Bild ist, sieht Schulz später offenbar selbst ein: Diese "harte und zugespitzte Formulierung" würde er so nicht noch einmal verwenden - im TV-Duell rudert Schulz gleich zu Beginn zurück.

Fazit: Wie Angela Merkel angreifen - ganz hart oder sachlich? Die SPD sucht nach dem richtigen Weg. Auch jetzt noch.

2. "Mir geht es zunehmend auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht"

- Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied, 12.08.2017

Ist das ernsthaft ein Thema in diesem Wahlkampf? Man reibt sich verwundert die Augen, als sich im August anscheinend alle Medien auf diese Aussage der "CDU-Nachwuchshoffnung" Jens Spahn stürzen. Spahn wird für ein paar Tage vor allem in den sozialen Medien verspottet - und legt dann sogar nach: mit einem Feuilleton-Aufmacher in der "Zeit". Dem Mann ist es offenbar ernst, und er beherrscht die Klaviatur der Mediendemokratie.

Fazit: Wie schön wäre es doch gewesen, in diesem Wahlkampf echte Debatten über die Zukunft des Landes zu führen. Und von der CDU mehr über ihre politischen Vorhaben für die nächste Legislaturperiode zu erfahren.

3. "Die Häuser denen, die drin wohnen"

- Plakat der Kreuzberger Grünen

Ein alter Spruch der Hausbesetzer-Szene aus den 80er Jahren: In diesem Wahlkampf feiert er fröhlich Wiederauferstehung. Zu verdanken ist das dem linken Kreuzberger Bezirksverband der Grünen und seiner Spitzenkandidatin Canan Bayram, die in der Nachfolge von Hans-Christian Ströbele um das Direktmandat kämpft.

Nach dem Plakat gefragt, distanziert sich die Bundespartei schnell von dem Spruch - wovon sich der Bezirksverband wiederum herausgefordert fühlt und erst recht zum Plakat steht. Was hängen bleibt: Grüne kämpfen gegen Grüne ( hier nachzulesen).
Fazit: Im Arbeitszeugnis würde wohl stehen: Die Grünen haben sich in diesem Wahlkampf um Geschlossenheit bemüht.

4. "Alle Flüchtlinge müssen zurück"

- FDP-Chef Christian Lindner im Bild-Interview, 07.09.2017

Wenn die "Bild"-Zeitung aus einem Interview eine Aufmacher-Schlagzeile generiert, ist das ein Erfolg für sich. Zumal Lindner, wie er nicht müde wird zu betonen, ja nur die Rechtslage referiert. Sobald in Syrien Frieden herrsche, sei der Flüchtlingsschutz erloschen - die Flüchtlinge müssten also zurückkehren. Dass Lindner damit Erwartungen weckt, die unerfüllbar sind - und dass der Satz auch manchem AfD-Anhänger gefällt -, wird billigend in Kauf genommen.

Fazit: Die FDP blinkt kurz ein bisschen nach rechts, weist diese Deutung selbst aber empört zurück.

5. "Ich möchte sie nicht. Ich halte sie auch nicht für praktikabel. Garantiert."

- Angela Merkel zur Obergrenze für Flüchtlinge, ARD-Wahlarena, 11.09.2017

Ach ja, die Obergrenze - da war doch was. Fast hätten es die Unionsparteien ja geschafft, den harten Konflikt aus dem Jahr 2015 in diesem Wahlkampf völlig zu übertünchen. Spätestens bei der Vorstellung des gemeinsamen Wahlprogramms im Juli spielen Merkel und Seehofer Harmonie pur.

Wie sehr das alles nur vorgetäuscht ist, zeigt sich in diesem Wahlkampf nur selten. Die Obergrenze ist so ein Thema. Merkel garantiert, dass sie nicht kommt - wenig später kommt der Konter von Horst Seehofer, den seine Partei auch noch per Twitter-Bild verbreitet: "Ich garantiere, dass wir die Obergrenze durchsetzen!"

Fazit: CDU und CSU werden sich schon wieder in die Haare kriegen, keine Sorge. Nur eben, ganz richtig, nach der Wahl.

6. "Dann lasst mich in Ruhe und macht Euren Wahlkampf selber!"

- Winfried Kretschmann, 18.06.2017, zu einem grünen Parteifreund

Ein rechter Blog veröffentlicht ein heimlich aufgenommenes Video von Winfried Kretschmann - das ist mindestens ein größerer PR-Gau für die Grünen. Auf dem Video zu sehen ist ein Wutanfall der eigenen Galionsfigur Winfried Kretschmann im Gespräch mit einem grünen Parteifreund: Kretschmann echauffiert sich darin über das seiner Ansicht nach unsinnige Ziel, Verbrennungsmotoren ab 2030 zu verbieten. "Das sind doch Schwachsinns-Termine!", schimpft Kretschmann. Und weiter: "Ihr könnt das machen, dann seid aber mit sechs oder acht Prozent einfach zufrieden!" Als das Video an die Öffentlichkeit gelangt, ist die Bestürzung bei den Grünen groß - noch in den Tagen zuvor hatten sich schließlich alle über so viel Harmonie wie selten gefreut.

Fazit: Die Grünen haben sich in diesem Wahlkampf um Geschlossenheit, nun ja, wirklich: bemüht.

7. "Der Mainstream war noch nie ein Gewässer, das mich besonders interessiert hat"

- Gerhard Schröder, der den Wahlkampf seiner Partei torpediert

Es ist der Wurm drin diesem Wahlkampf der SPD. So sehr, dass einem Martin Schulz leidtun kann. Was zum Beispiel treibt diesen Gerhard Schröder? Auf dem SPD-Parteitag Ende Juni ist der Altkanzler noch der umjubelte Eröffnungsredner, der seiner Partei Mut zuspricht. "Die Schwarzen glauben, dass der Staat ihnen gehöre, dass es ein Betriebsunfall sei, wenn die SPD den Kanzler stellt. Aber wir haben bewiesen, dass wir es können, dass wir es besser können!" - das ruft Schröder in den Saal. Leidenschaftlich, mitreißend, so kommentieren die Medien seinen Auftritt.

Doch wenig später wird bekannt, dass Schröder sich in den Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Rosneft wählen lassen will. Martin Schulz rüffelt den Ex-Kanzler dafür öffentlich. Und Schröder? Gibt zu verstehen, dass ihm die eigene Partei und die öffentliche Meinung ("der Mainstream") egal sind.

Fazit: Gerhard Schröder, das war einmal ein Zugpferd der SPD. 2017 ist er nur noch eine Last.

8. "Was wir nicht wollen und was wir nicht machen werden, ist diese Vielfalt von Koalitionsoptionen um eine weitere Variante zu bereichern, die sich dann Rot-Rot-Grün nennt."

- Sahra Wagenknecht auf dem Linken-Parteitag, 11.06.2017

Stimmt, Rot-Rot-Grün, das war ja mal zumindest eine theoretische Möglichkeit - vor der übrigens die Union bis heute nicht müde wird zu warnen. Wie realistisch diese Koalition tatsächlich ist, zeigt sich im Juni, auf dem Parteitag der Linken. Deutlicher kann die Absage wohl nicht formuliert werden.

Fazit: Rot-Rot-Grün hatte in diesem Wahlkampf wenn überhaupt, dann nur einen Zweck: den Gegner zu mobilisieren.

9. "Probleme sind doch nur dornige Chancen"

- Christian Lindner, 1997

Der virale Video-Hit in diesem Wahlkampf ist zwanzig Jahre alt, und er zeigt einen 18-jährigen Schüler aus Wermelskirchen, der mit Kuhkrawatte über nervige Schulstunden und Firmenphilosophie doziert. Es ist der Jungunternehmer Christian Lindner, der damals schon um keinen Spruch verlegen ist; das alte Video hat "Stern TV" ausgegraben.

Fazit: Wer Lindner mag, hat mit dem Auftritt kein Problem. Wer Lindner nicht leiden kann, findet hier weitere Argumente für seine Abneigung. Alle zusammen: lachen mal kurz.

10. "Wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können."

- AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland über Staatsministerin Aydan Özoguz, 26.08. 2017

Viel zu viel ist in diesem Wahlkampf berichtet und diskutiert worden über empörende Provokationen der AfD. Unter anderem auch über diese, die hier deshalb nur an zehnter Stelle auftauchen soll.

Fazit: Als Alexander Gauland in der TV-Schlussrunde am 21. September zu den Rentenplänen seiner Partei gefragt wird, sagt der Spitzenkandidat ganz offen: "Ich gebe zu, dass wir kein ausgearbeitetes Rentenkonzept haben." Schade, dass das kein Thema in diesem Wahlkampf war.

Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann

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