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Stickstoff-Ausstoß - Diesel-Nachrüstung: Autobranche sperrt sich

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Die Autobranche will nicht für umgerüstete Diesel haften - und sorgt damit für Ärger in der Regierung. Die legte Regeln für die Nachrüstung älterer Fahrzeuge vor.

Das Bundesverkehrsministerium hat nun die technischen Anforderungen für die Umrüstungstechnik von Diesel-Fahrzeugen festgelegt. Für die Hardware-Nachrüstung wollen die Autohersteller weder Kosten noch Garantien übernehmen.

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Die Autoindustrie zieht den Unmut der Regierung auf sich: Kaum ebnet das Verkehrsministerium mit technischen Regeln den Weg dafür, ältere Diesel-Fahrzeuge umzurüsten, meldet sich die Branche zu Wort: Man könne "keine Garantie für ein Fahrzeug übernehmen, in das nachträglich Abgasreinigungssysteme Dritter eingebaut wurden", sagte Verbandspräsident Bernhard Mattes der "Welt". Und der Volkswagen-Konzern erklärte, er könne eine Umrüstung von Euro-5-Dieseln im Sinne der Kunden "weder befürworten noch dafür haften. Deshalb raten wir von Hardware-Nachrüstungen ab".

Umweltministerium reagiert verwundert

"Die Reaktion von VW wundert uns", sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. Der Konzern habe sich bei den Diesel-Verhandlungen mit dem Verkehrsministerium im November bereiterklärt, Diesel-Fahrzeuge für bis zu 3.000 Euro mit Katalysatoren nachrüsten zu lassen. "Dass VW nun eine Rolle rückwärts macht und wieder ausschließlich auf die Erneuerung der Fahrzeugflotte setzt, ist ärgerlich und wird kaum das verlorene Vertrauen in den Autokonzern wiederherstellen."

Die Begründung: Ein wenige Jahre altes Fahrzeug gegen ein neues einzutauschen, "können sich nur die Wenigsten leisten und ist ökologischer Irrsinn", so das Ministerium. Hardware-Nachrüstungen dagegen machten nicht nur die Luft sauberer, sondern stoppten auch die Entwertung der Fahrzeuge - sie dürften ohne Nachrüstungen nicht mehr in Fahrverbotszonen einfahren. Ein durch Hardwaretechnik möglicherweise steigender Spritverbrauch könne durch Experten zufolge durch Software-Einstellungen ausgeglichen werden, so der Sprecher.

Scheuer: Nachrüstindustrie am Zug

Verkehrsminister Andreas Scheuer hatte am Freitag ein 30-seitiges Papier mit den technischen Anforderungen für die "Allgemeine Betriebserlaubnis" (ABE) vorgelegt. Sie sind für die Zulassung der Hardware-Bausätze durch das Kraftfahrt-Bundesamt nötig. Damit sollen Fahrverbote von Euro-4- und Euro-5-Dieselmotoren in besonders belasteten Regionen vermieden werden. "Jetzt ist die Nachrüstindustrie am Zug, wirksame Systeme zu entwickeln, mit denen alle Grenzwerte und Vorschriften eingehalten werden", sagte der CSU-Politiker.

Ein BMW-Sprecher erklärte indes, der Autobauer halte Hardware-Nachrüstungen weiterhin für nicht zielführend. Sie bedeuteten "generell mehr Gewicht, mehr Verbrauch und Auswirkungen auf die Leistung". Daimler ließ wissen, man kenne die Vorschriften noch nicht. Volkswagen teilte mit, nicht alle Autos ließen sich wirklich nachrüsten - und nicht alle unterschritten dann einen Stickoxid-Richtwert von 270 Milligramm pro Kilometer, um von Fahrverboten in Großstädten ausgenommen zu werden. "Alle uns bisher bekannten Konzepte weisen Nachteile für unsere Kunden auf, etwa Mehrverbrauch und damit erhöhte CO2-Emission, zum Teil auch Leistungsreduzierung", warnte Entwicklungsvorstand Frank Welsch.

Wie der "Spiegel" berichtet, verweigert der Konzern Herstellern von Katalysatoren die Übermittlung von Daten. Für die Nachrüstanbieter ist allerdings entscheidend, dass die Autobauer mit ihnen kooperieren - denn bei der Umrüstung werden sogenannte SCR-Katalysatoren eingebaut, die mit Harnstofflösung arbeiten. Um den AdBlue genannten Harnstoff richtig zu dosieren, brauchen die Systeme entweder eigene Sensoren oder sie greifen auf die Motorsteuerung zu.

Regierung: Haftungsfrage geklärt

Eine Sprecherin des Verkehrsministeriums stellte klar, dass die Haftungsfrage geklärt sei. "Wer die Nachrüstlösung anbietet, der haftet dann auch für das Nachrüst-Set." Die 30 Seiten umfassenden Richtlinien sollen Anfang Januar im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Sofern diese erfüllt seien, werde das Kraftfahrt-Bundesamt schnellstmöglich Genehmigungen für Nachrüst-Systeme erteilen. Bisher lägen aber keine Anträge vor.

Von den Nachrüstern wird in der Richtlinie unter anderem eine Garantie verlangt, dass das System zur Abgasreinigung bis zu Temperaturen von minus sieben Grad funktionieren müsse. Die Hersteller sollen zudem die Funktionsfähigkeit des Systems "über eine Kilometerleistung von 100.000 km oder eine Lebensdauer von bis zu fünf Jahren" gewährleisten. Außerdem dürfe sich durch den Einbau "keine Verschlechterung des Geräuschverhaltens" ergeben.

Verbraucherschützer: Das kann nicht sein

Der Verbraucherzentrale Bundesverband forderte die Autobauer auf, umgehend SCR-Katalysatoren zuzulassen und anzubieten und die Garantie darauf auszuweiten. Das Risiko dürfe nicht auf die Kunden abgewälzt werden. "Es kann nicht sein, dass die Unternehmen, die den Abgasskandal verursacht haben, eine Lösung für Menschen mit kleinem Geldbeutel blockieren, weil sie darauf keine Lust haben", sagte VZBV-Expertin Marion Jungbluth dem "Handelsblatt".

Der Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer erklärte, die Hersteller hätten mit der Gewährung von Kaufanreizen für den Austausch von Diesel-Fahrzeugen auf das falsche Pferd gesetzt. "Für die Autobauer wäre die Hardware-Nachrüstung sämtlicher Euro-5-Diesel billiger geworden als die hohen Diesel-Reparatur-Rabatte." Zudem hätten sie sich damit einen Imageschaden, den Kunden Ärger wegen des Wertverlusts und den Händlern Verluste erspart.

Die Hersteller haben Hardware-Nachrüstungen von Anfang an sehr skeptisch gesehen - ebenso Minister Scheuer. Er hatte aber auf Druck der SPD und des Kanzleramts mit den deutschen Herstellern einen Kompromiss erzielt. Dabei ging es vor allem um die Finanzierung der Nachrüstungen. Kurz darauf hatte VW schon erklärt, der Konzern werde Hardware-Nachrüstungen nicht anbieten und Fahrzeughaltern auch nicht empfehlen.

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