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Bilanz-PK bei Volkswagen - Diess' Wette auf die Zukunft

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CO2-frei und vernetzt - in die Richtung will VW-Chef Diess den Konzern lenken. Wären da nicht Unwägbarkeiten wie die Folgen des Dieselskandals, die Wettbewerber und die Konjunktur.

Wer wissen will, welche Richtung Volkswagen einschlägt, sollte die Körpersprache des Vorstandsvorsitzenden im Auge halten. Am Montagabend, vor der jährlichen Bilanzpressekonferenz, eilte Herbert Diess mit schnellem Schritt auf eine Gruppe spät angereister chinesischer Journalisten und Analysten zu. Kopf und Schultern neigte er dabei gegen den Luftwiderstand nach vorn. Bei den Chinesen angekommen endete die Bewegung in einem regelrechten Kotau, einer Verneigung vor dem Markt Nummer eins vonseiten der globalen Nummer eins unter den Autobauern. Die Damen und Herren aus der Volksrepublik wurden vom charmanten Österreicher Diess anschließend fleißig umgarnt.

China gibt das Tempo vor

Für unseren Konzern setzt China inzwischen Standards bei Produktivität und Qualität.
Herbert Diess, VW-Vorstandsvorsitzender

Auch für Volkswagen ist China das Reich der Mitte. Um China kreisen die Gedanken der Manager in Wolfsburg, in China fahren die Hauptmarken des Konzerns die entscheidenden Gewinne ein. China ist bei der Mobilität zum internationalen Motor geworden. Herbert Diess lässt in seiner Rede am Dienstagmorgen keinen Zweifel daran, wo sich die Zukunft des größten deutschen Arbeitgebers entscheidet: "Für unseren Konzern setzt China inzwischen Standards bei Produktivität und Qualität. Als Innovationstreiber gibt das Land bei E-Mobilität und Digitalisierung das Tempo vor."

Auf das Tempo drückt Diess, seit er das Lenkrad in Wolfsburg übernommen hat. Er geht eine gigantische Wette auf die Zukunft ein, für die er Volkswagen auch in einer Welt der CO2-freien, vernetzten Automobile ganz vorn positionieren will. An der Spitze. Ob es gelingen wird, hängt von vielen, oft nur schwer berechenbaren Faktoren ab. Wird die Weltwirtschaft in eine Delle rutschen, so dass das Geschäft nicht mehr die Milliardenbeträge abwirft, die VW für Elektrifizierung und Digitalisierung braucht?

Im Schatten des Diesel-Skandals

Welche Löcher wird die Dieselkrise in kommenden Monaten noch reißen? Bei der Schadenersatzfrage für deutsche Kunden, die in unterschiedlicher Form vor verschiedenen Gerichten verhandelt wird, neigt sich das Pendel gerade gegen den Konzern, je nachdem, wie man es lesen will.

Schon nach Ostern könnten mögliche strafrechtliche Anklagen für zusätzliche Verwerfungen in Wolfsburg sorgen. Staatsanwaltschaften müssen zeigen, dass vier Jahre nach Dieselgate ein ungemindertes Interesse an juristischer Aufklärung besteht. Wird es sogar eine Anklage gegen Herbert Diess geben? Sicher ist er kein Drahtzieher des Dieselbetruges. Aber hatte er nach seinem Wechsel von BMW zu VW doch davon erfahren und länger geschwiegen als straffrei möglich? Auszuschließen ist das nicht. Für den Wandlungsprozess des Konzerns wäre ein Abgang des Chefs in dieser Phase fatal. Selbst wenn der Vorstandsvorsitzende für die Zeit der Aufklärung sein Amt nur ruhen ließe, würde es Volkswagen wieder durchschütteln.

Weicher Personalabbau und harte Entlassungen - auch in Wolfsburg

Wir werden Arbeitsplätze abbauen. Und es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu schaffen.
Herbert Diess, VW-Vorstandsvorsitzender

Den Takt auf dem Mobilitätsmarkt geben derzeit die Wettbewerber an, so beschrieb Herbert Diess vor den Journalisten und Marktanalysten das Umfeld. Er weiß wohl, dass seine Zukunftswette bisher nur fifty-fifty steht. Um sie zu gewinnen, braucht er Beinfreiheit. Heilige Kühe müssen gewogen, im Zweifel sogar geschlachtet werden. Dazu gehört ein Sparprogramm auch am Hauptstandort Wolfsburg. Bisher blieb die Zentrale von harten Einschnitten zumeist verschont. Aber Elektroautos brauchen mit weniger Teilen in der Produktion auch weniger Menschen, um gebaut zu werden. Mehr Effizienz bei den Kosten, mehr weicher Personalabbau, aber auch harte Entlassungen stehen an. Das macht Herbert Diess unverblümt deutlich und zieht damit den Zorn des Betriebsrates auf sich: "Wir werden Arbeitsplätze abbauen. Und es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu schaffen."

Der Deutschland AG ging es trotz Finanzkrise und globaler Unsicherheiten gut in den letzten Jahren. Die Volkswagen AG als deutscher Wirtschaftsgigant fuhr aufgrund der internationalen Nachfrage sogar noch besser als der Schnitt, trotz Dieselkrise. Die fetten Zeiten aber sind jetzt spürbar vorbei, gute Dividenden vermutlich erst einmal Geschichte - und die besonderen Bedingungen bei VW schützen nicht vor dem Starkwind des Wandels. Die öffentliche Beteiligung am Dax-Schwergewicht Volkswagen hat bisher immer dazu geführt, dass finanzielle und personelle Einschnitte politisch moderiert wurden und möglichst verdaulich ausfielen. Die Zukunft wird ein härterer Kampf werden. Um jeden Schritt von Herbert Diess. Um jeden Arbeitsplatz. Um jedes verkaufte Auto.

Peter Kunz ist Studioleiter im ZDF-Landesstudio Niedersachsen.

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