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Wenn die "Bauern-Cloud" den Trecker steuert

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Digital Farming - Wenn die "Bauern-Cloud" den Trecker steuert

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Sensoren im Acker, die Hofverwaltung in der Cloud: Mit Hilfe digitaler Technik sollen mehr Lebensmittel produziert werden. Viele Landwirte nehmen das selbst in die Hand.

Landwirt, der eine Tablette vor einem Traktor verwendet, in Manitoba (Kanada)
Digitalisierung in der Landwirtschaft (Illustration)
Quelle: picture alliance/All Canada Photos

Eine wachsende Weltbevölkerung, massive Klimaänderungen und schwindende Anbauflächen für Lebensmittel machen Politikern und Wissenschaftlern weltweit zu schaffen. Die Politik der Bundesregierung setzt deshalb voll auf Konzepte für hochpräzise Landwirtschaft mit Sensoren,  Dünge- und Bodendaten.

Acht Zentimeter Kartoffel für sechs Zentimeter Pommes

Die Analyse-Software in der "Bauern-Cloud" soll festlegen, wann geerntet, wo gedüngt und wie bewässert wird. Einen Höhepunkt erreichte hierzulande die Digital-Farming-Kampagne im Jahr 2015. Das Landwirtschaftsministerium wollte sein agrarindustrielles Konzept mit Hilfe der großen IT-Konzerne und Saatgut-Unternehmen durchsetzen.

Dabei sollte der einzelne Landwirt seinen Anbau von Vorprodukten für die Lebensmittelindustrie optimieren. Für sechs Zentimeter große Pommes Frites zum Beispiel müssten die Kartoffeln genau acht Zentimeter groß werden. Dafür müssen die Setzlinge in einem genau berechneten Abstand ausgebracht sowie mit hoher Präzision gedüngt, bewässert und schließlich zum genau richtigen Zeitpunkt geerntet werden.

IT-Konzerne wittern das große Geschäft

Die großen IT-Konzerne halten hier für die Landwirte seit einigen Jahren Komplettangebote parat. Sie wollen mit Sensoren auf dem Feld und in den Böden und mit vernetzten Landmaschinen für die notwendige informationstechnische Infrastruktur sorgen.

Die von den Sensoren gelieferten Daten werden mit Boden- und Wetterinformationen angereichert. Bewässerungspläne, Düngekarten oder Erntezeitpunkte berechnet die Software für die Lebensmittelproduktion im Rechenzentrum.

Hier wollten wenige Konzerne die Datenhoheit über die Landwirtschaft weltweit unter sich aufteilen. Und sie wollten dem Landwirt außer Daten und Analysen auch gleich Saatgut und Pflanzenschutzmittel exklusiv liefern.

Hinwendung zur Nachhaltigkeit

Solche Digital-Farming-Konzepte scheiterten an Bio-Landwirten wie Hans Werner Lünemann:

Diese Art von Landwirtschaft, bei der man sich letztlich an einen einzigen Anbieter binden muss, lehne ich ab.

So lautet die knappe Begründung des ostfriesischen Agrar-Ökonomen.

Hans Werner Lünemann und seine Kollegen wollten und wollen eben keine präzisen Vorprodukte für die großen Lebensmittelkonzerne liefern. Ihnen ist an nachhaltig produzierten und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln gelegen.

Die Digital-Farming-Konzepte der Konzerne würden zu Monokulturen führen, damit Lebensmittelkonzerne billig einkaufen können. So lautet einer der Vorwürfe. "Ich will aber so mit der Natur zusammenarbeiten, dass noch viele Generationen unseren Hof bewirtschaften können", erklärt Landwirt Lünemann.
Genau dieses Anliegen greift Ralf Kalmar auf. Er ist Geschäftsfeldmanager des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software-Engineering in Karlsruhe. "Digitale Konzepte können dem Landwirt hier helfen, seinen Hof nachhaltiger und betriebswirtschaftlich sinnvoll zu führen", meint Kalmar.

Bauern-Cloud wird zur Datendrehscheibe

Allerdings geht das nicht ohne "Bauern-Cloud". Jedoch die nehmen die Landwirte selbst in die Hand und sichern sich so die Unabhängigkeit von Konzernen. "Genossenschaftliche Konzepte und Maschinenringe haben ja eine lange Tradition in der Landwirtschaft", erläutert Ralf Kalmar. Die Hof-Cloud wird genossenschaftlich betrieben und dabei zur Datendrehscheibe.

"Die sorgt zum Beispiel dafür, dass die Daten aus der Bodenanalyse zu dem Dienstleister kommen, der dem Landwirt die Dünge-Karte macht", beschreibt Professor Thomas Herlitzius vom Institut für Naturstofftechnik der TU Dresden. Anders als bei der Hersteller-Cloud wird der Landwirt hier nicht von einer Daten-Zentrale abhängig.

"Die Datendrehscheibe ist neutral und vermittelt nur Daten, auf der Datendrehscheibe findet ja keine Datennutzung statt", erläutert Professor Hertlitzius. Der Landwirt sucht sich seine Dienstleister selbst aus. Der Dienstleister, der seine Roboter aufs Feld geschickt hat, um Daten über den Pflanzenzustand, Bodenfeuchte und -qualität aufzunehmen, schickt dann diese Daten über die Datendrehscheibe an den vom Landwirt beauftragten Dienstleister, der den Erntezeitpunkt errechnet.

Wiederum gehen die Daten mit dem genauen Ernteablauf über dieselbe Datendrehscheibe an den Lohnunternehmer, der seine Mähdrescherflotte aufs Feld schickt, um abzuernten. Von Drohnen gemachte Luftaufnahmen von Feldern werden über die Datendrehscheibe an den Dienstleister geliefert, der vom Landwirt beauftragt wurde, gezielt Nützlinge auszubringen, um Schädlinge nachhaltig und ohne Chemie zu bekämpfen.

Drohnen in der Landwirtschaft
Drohnen in der Landwirtschaft
Quelle: ap

Datenhoheit bleibt beim Landwirt

Herr aller dieser Daten bleibt der Landwirt. Die parallel zur Datendrehscheibe betriebene Dienstleister-Börse erleichtert ihm zwar die Suche nach Lohnunternehmen für die Ernte oder Nützlingsexperten für die Schädlingsbekämpfung. Er ist aber von keinem Dienstleister oder Lieferanten abhängig.

Ganz langsam erkennt auch die Bundesregierung das Potenzial solcher neutralen Datendrehscheiben für die Digitalisierung in der Landwirtschaft. Auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung Ende Oktober 2019 in Dortmund wurden solche Konzepte für Datendrehscheiben erstmals gleichberechtigt neben den Hersteller-Clouds präsentiert und diskutiert.

Das Grundproblem liegt aber in der Regulierung der Datendrehströme. Hier muss der Gesetzgeber sicherstellen, dass der Landwirt die Oberhoheit über seine Daten behält und keine Abhängigkeiten bestehen.

Diese Art der Digitalisierung tragen auch Bio-Landwirte wie Hans Werner Lünemann mit. Doch bisher hat die Regierung ihn mit ihren Digital-Farming-Konzepten noch nicht überzeugt. Die bevorzugen nämlich immer noch zu stark eine Landwirtschaftscloud, die Abhängigkeiten schafft.

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