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Digitale Technik für Senioren - Vernetzt statt abgehängt

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Die Familie lebt weit weg, der Gang ins nächste Café wird immer beschwerlicher: Mit dem Alter kommt häufig die Einsamkeit. Die Lösung: Digitale Technik

Die 81-jährige Kerstin Gäfvert hört zum ersten Mal Musik auf YouTube.
Die 81-jährige Kerstin Gäfvert hört zum ersten Mal Musik auf YouTube.
Quelle: ZDF

Im Dorfladen von Elsoff geschehen Dinge, die es vermutlich nur hier gibt: Hannelore Spies, 80 Jahre alt, läuft mit einem Tabletcomputer durch die Gemüseabteilung, richtet die Kamera auf Gurken und Salat. "Schau mal, sind die frisch?", tönt es plötzlich aus dem Gerät. Hannelore Spies richtet die Kamera auf die Bananen. "Ja, die grünen nehm ich." Die Stimme gehört ihrer Freundin Rosalinde Pfeil. Die Rentnerin sitzt sieben Kilometer entfernt zuhause. Ständig alleine ins Dorf, das traut sie sich nicht mehr zu. Stattdessen kauft sie per Video-Stream ein.

Die Universität Siegen hat in Elsoff das Projekt "Cognitive Village", "Vernetztes Dorf" ins Leben gerufen. Die Forscher wollen herausfinden, wie digitale Technik Senioren unterstützen kann. Das Projekt ist unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Vor allem die deutsche Landbevölkerung soll von den Erkenntnissen profitieren, denn dort ist die ältere Bevölkerung oft besonders isoliert. Alt und auf dem Land, das heißt häufig, abgehängt zu sein. Digitale Technik soll dieses Problem lösen.

Software-Training für sicheres Gehen

Etwa im Bereich der Gesundheitsangebote für Senioren, die gibt es in größeren Gemeinden oder Städten. In Elsoff ist auch das anders: Karin Feisel hat zwei künstliche Knie, fühlt sich oft unsicher auf den Beinen. Im vernetzen Dorf Elsoff gibt es dafür eine Trainingssoftware -- ebenfalls an der Uni Siegen entwickelt. Mit ihr kann Karin Feisel in Eigenregie Balance und sicheres Gehen einüben, ohne feste Zeiten und lange Anreisen. Die Mischung aus Spiel und Sport ist auch für diejenigen genau richtig, die nur selten das Haus verlassen.

Einmal in der Woche trifft sich die Sportgruppe dann doch im echten Leben. Die Forscher wollen schauen, wie sich das Training ausgewirkt hat. Die Stimmung ist wie immer gut. Wer läuft heute am sichersten? Sensoren im Hallenboden messen das Gangbild. Karin Feisel schneidet gut ab, sie hat ja auch fleißig trainiert. "Ich wollte sicherer sein, da ich Angst vorm Stürzen habe. Und wie man auch sieht, bringt das was, wenn man übt", sagt sie.

Barrieren überwinden

Doch wie gelingt es, ältere Menschen von komplexer Technik zu überzeugen? Denn bislang sind es vor allem die Älteren, die mit der Technik hadern: Jeder Fünfte in Deutschland ist Offliner, Durchschnittsalter: 70 Jahre. Einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet zufolge, sind es bei Rentnern ab 75 Jahren sogar zwischen 78 und 89 Prozent, die das Netz nicht nutzen.

Für Dana Kurz, eine der Wissenschaftlerinnen, die am "Cognitive Village" forschen, waren die ersten Versuche der Heranführung an die Technik ernüchternd. Digitale Technik spiele bei den Senioren im ländlichen Raum bis jetzt nur eine geringe Rolle. "Aber wenn dann irgendwie der Zugang hergestellt und die erste Schwelle überschritten wird, dann gibt es doch eine große Begeisterung", sagt Kurz. "Den Senioren macht es Spaß, sich diese neue Welt zu erschließen."

Doppelter Vorteil dank "IT-Guides"

Wichtig sei es, Barrieren abzubauen. Am besten durch Workshops, die Schritt für Schritt den Umgang mit Technik näher bringen. Zwar gibt es Computerkurse für Senioren wie Sand am Meer, doch in Schweden macht ein einmaliges Projekt Schule, von dem nicht nur die Älteren profitieren: Der Afghane Nabil und die Syrerin Juana sind vor dreieinhalb Jahren mit ihrer Familie nach Karlskoga gekommen. Damals sprachen sie noch kein Wort Schwedisch. Heute sind die sie zertifizierte "IT-Guides".

Den Jungen fällt der Umgang mit Youtube und Skype leicht. Also bringen sie es in Kursen den Älteren bei. Und verbessern dadurch gleich ihr Schwedisch. Das bringt ihnen Vorteile: Etwa mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bessere Integration.

Kerstin Gäfvert freut sich nicht nur darüber, dass sie jetzt ihr eigenes Musikprogramm zusammenstellen kann (inklusive ihres Idols Michael Jackson!) Sie führt zum ersten Mal in ihrem Leben ein Videotelefonat mit ihrem Ehemann, der gerade die entfernt lebende Tochter besucht. Nabil unterstützt sie, wo er kann. Die 81-Jährige ist restlos begeistert: "Das ist toll! Ich kann sehen, wenn er sich die Brille aufsetzt. Ich kann sehen, was er macht. Das ist wie eine echte Unterhaltung zwischen uns." Schon 150 "IT-Guides" sind in Schweden im Einsatz, es sollen mehr werden.

Mehr als nur der "Altenteil"

Kommunikation mit Freunden und Familie und ein selbstbestimmtes Leben zuhause -- nur zwei von vielen Erwartungen, die Senioren haben. Doch es gibt noch etwas: die Teilnahme am Arbeitsleben. Es geht vor allem um das Gefühl weiter gebraucht zu werden und nicht auf dem "Altenteil" zu sitzen. Und auch die Gesellschaft hat ein Interesse daran: Der Fachkräftemangel macht sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft bereits heute bemerkbar.

Thomas Linner (l.) von der TU München erklärt Testperson Heinz Stempel (r.) den 3D-Drucker.
Thomas Linner (l.) von der TU München erklärt der Testperson Heinz Stempel (r.) den 3D-Drucker.
Quelle: ZDF

Und so wird auch in diesem Bereich geforscht. An der TU München etwa, wo ein Arbeitsplatz der Zukunft entwickelt wird. Digitale Technik soll es, etwa Ingenieuren, möglich machen, mit Robotern und 3D-Druckern, technische Bauteile herzustellen. Das soll sogar irgendwann von zuhause in Telearbeit möglich sein.

Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist, eine ganz andere Lösung ist bereits jetzt Realität: Im nördlichsten Tierpark Schwedens arbeitet die 61-jährige Maj Britt in ihrem Traumjob: Tierpflegerin. Täglich schleppt sie schwere Futtereimer, vor 2 Jahren wäre damit beinahe Schluss gewesen. Eine Arthrose in der Hand machte die schwere Arbeit zur Qual. Doch digitale Technik schaffte Abhilfe: Ein Unternehmen aus Stockholm hat einen Handschuh entwickelt, der mit der App gesteuert über einen Motor neue Griffkraft verleiht. Digitale Technik macht es Maj-Britt möglich weiter den Beruf auszuüben, den sie so liebt.

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