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Digitalisierung im Gesundheitswesen - Verdrängt Dr. Google den Hausarzt?

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Ab heute treffen sich Experten zum Weltgesundheitsgipfel in Berlin. Ein Thema: die Digitalisierung. Start-ups wittern hier große Chancen. Doch was brauchen Patienten wirklich?

Ein Stethoskop liegt auf einer Tastatur
Ein Stethoskop liegt auf einer Tastatur
Quelle: colourbox.de

Wer einen Termin beim Facharzt haben will, braucht Glück. Wer die Diagnose zu seinen Beschwerden googelt oder eine App befragt, braucht doppeltes Glück. Denn nicht selten lässt die App den Patienten ratlos zurück.

Diagnose-Apps sind Statistik-Apps

heute.de hat "Diagnosen" der Ada-App getestet und mit dem tatsächlichen Krankheitsverlauf des Reporters verglichen. Der hatte sich nämlich den Knöchel gebrochen. "Weber-A-Fraktur" war im Arztbrief zu lesen, den ihm die Notaufnahme des Hospitals für den Orthopäden mitgegeben hatte.

Dermatologische App auf einem Smartphone
Dermatologische App auf einem Smartphone
Quelle: dpa

Acht Wochen später lässt sich der Reporter von der Software der Diagnose-App durch einen Dialog führen, in dem er seine Beschwerden schildert. Eine richtige Diagnose erhält er nicht. Wohl aber den Hinweis, dass eine Verstauchung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit Ursache seiner Beschwerden sei.

Damit lag die Diagnose-App gar nicht so schlecht, aber dennoch falsch. Nachvollziehbar, denn sie konnte ja nicht auf die Bilder der Computertomographie zugreifen, die im wirklichen Leben erst zum ärztlichen Befund führten: Weber-A-Fraktur, also ein Knöchelbruch am Wadenbein.

Arzt oder Bildschirm

Wollen Patienten aber eine virtuelle Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf ihrem Smartphone lesen? Oder wollen sie von einem gut ausgebildeten Mediziner eine eindeutige Aussage haben? Digitale Werkzeuge, Tools, könnten in beiden Fällen helfen.

Aber noch fehlt in Deutschland eine Strategie, was mit diesen Tools erreicht werden soll. "Eine telemedizinische Beratung soll ja nicht dazu führen, dass niemand mehr in die Arztpraxis geht", hat Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, auf dem diesjährigen Ärztetag in Erfurt gesagt.

Montgomery ist ein Freund der Digitalisierung. Er hat maßgeblich mit durchgesetzt, dass telemedizinische Sprechstunden möglich werden. Er hat aber auch, nicht nur auf dem Ärztetag in Erfurt, eindringlich vor den Risiken solcher Digitalisierung gewarnt.

Gefahren der Digitalisierung

Um diese Risiken abschätzen zu können, brauchen Unternehmen, Ärzte und Patienten klare Vorgaben. Die muss der Gesetzgeber schaffen. Das ist im Wesentlichen eine politische Aufgabe.

So wird im Augenblick die elektronische Gesundheitsakte von Unternehmen und Politik ziemlich gehyped. Die Patientendaten mit Befunden, Röntgenbildern und Therapieanweisungen liegen auf einem zentralen Gesundheitsserver. Der Patient soll sie über sein Smartphone verwalten.

Die privaten und gesetzlichen Krankenkassen haben erste Pilotprojekte gestartet. Und prompt kommt Kritik. "Wir haben es hier mit verschiedenen Risiken für die Vertraulichkeit und Integrität der Gesundheitsdaten zu tun", urteilt Professor Hartmut Pohl von der Gesellschaft für Informatik.

Inzwischen werden verschiedene Sicherheitslücken bei der Verschlüsselung und bei der Übertragung der Patientendaten von den Experten diskutiert. "Solche Sicherheitslücken müssen schnell geschlossen werden", fordert Computerwissenschaftler Hartmut Pohl.

Digitale Gesundheitsakte hat Sicherheitslücken

Doch dafür fehlen die gesetzlichen Voraussetzungen. Eine Meldepflicht für Sicherheitslücken müsste nämlich her. Die aber ist überhaupt nicht politisch gewollt.

Einige Gesundheits-Apps übermitteln Daten des Smartphone-Besitzers bis hin zur Gerätekennung an sogenannte Trackingdienste. Welche Daten hier übermittelt werden dürfen und welche nicht, müsste der Gesetzgeber schleunigst regeln. In Deutschland Fehlanzeige.

In Norwegen sind Politiker, Ärzteverbände, Patientenvertreter und Unternehmenssprecher einen anderen Weg gegangen. Bereits im Jahr 2011 haben sie eine Art Runden Tisch gegründet, um sich über die Ziele der Digitalisierung zu verständigen.

Von Norwegen lernen

"Ich muss wissen, was ich mit Digitalisierung ganz konkret erreichen kann, und das darf nicht nur Kostensenkung sein", meint Arve-Olaf Solumso, der die Position der Krankenhäuser in dieser Diskussion über viele Jahre vertreten hat.

Norwegen hat schon ab 2011 die Telemedizin deutlich ausgebaut. Aber es hat die technischen Voraussetzungen und die Grenzen telemedizinischer Anwendungen genau beschrieben. Mit diesen Vorgaben konnte dann eine landesweite Digitalisierungsstrategie ausgearbeitet werden.

Die aber fehlt in Deutschland. Entsprechend hat hier Arve-Olaf Solumso einen Tipp: "Sagen Sie mal Ihrem Gesundheitsminister, dass er dafür zuständig sein könnte."

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